Neue Peng!-Aktion

"Diese Sprache versteht der Markt"

Das Peng!-Kollektiv verkauft NFTs, damit sich eine afghanische Familie vom Erlös europäische Investorenvisa leisten kann. Hier spricht ein Mitglied der Gruppe über den Versuch, EU-Grenzen mit Business zu überwinden

Das Kunst- und Aktions-Kollektiv Peng! wird zusammen mit Christoph Schlingensief, Pussy Riot und Josef Beuys in der Ausstellung "Beat the System" des Ludwig Forums für internationale Kunst in Aachen gezeigt. Im Peng!-Beitrag führen QR-Codes zu digitalen Bildern, die zum Verkauf stehen. Die NFTs (non fungible tokens) wurden unter anderem von Nora Al-Badri, Sibylle Berg, Nadine Kolodziey, der !Mediengruppe Bitnik oder den Yes Men gespendet  Bezahlt wird in der Kryptowährung Ethereum. Das so eingenommene Geld soll einer afghanischen Familie Visa für Europa bezahlen. Luca, Sprecher:in der Gruppe erklärt, warum man Visa kaufen kann und was diese Kunst-Provokation soll.

Was möchte das "Golden NFT Projekt"?

Wir möchten mit dieser Aktion die Brutalität unserer Zeit verdichten: Während in Sekunden Milliarden auf dem Finanzmarkt generiert und um den Erdball geschossen werden, sterben Menschen an den europäischen Außengrenzen, ohne Rechte, ohne Würde. Wir schließen Hyperkapitalismus- und Nationalstaats-Systeme kurz, um sie für eine Sekunde auszuhebeln. Wir verkaufen digitale Kunstwerke auf dem NFT-Markt, um goldene Visa für eine afghanische Familie zu kaufen.

Goldene Visa?

Nachdem der Internationale Währungsfonds seine Austeritätspolitik durchgesetzt hat, müssen Länder wie Griechenland, Portugal oder Spanien ihr Bruttoinlandsprodukt steigern. Also verkaufen sie Visa. Wer in diese Länder investiert, etwa in Immobilien oder Aktienfonds, bekommt eine Einreiseerlaubnis und kann nach fünf Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen. Es ist ein Programm für Superreiche, Finanzkriminelle oder Mafiosi. Geflüchtete müssen sich derweil hinten anstellen und Fragebögen ausfüllen.

Ist es nicht verboten, Visa zu verkaufen?

Nein, das ist sogar gewünscht, die Zielgruppe ist nur eine andere. Die Länder haben verschiedene Gesetze, mit verschiedenen Grauzonen und Schlupflöchern, die es beispielsweise ermöglichen, gewaschenes Geld anzulegen. Das ist - genau wie der Kunstmarkt - ein dreckiges Geschäft. Wir müssen daher sehr aufpassen und alles ordentlich machen, da die Familien, die mit unserem Projekt nach Europa reisen, mit ihrem Profil aus den Akten herausstechen werden. Sie sind Elektrikerinnen, Künstler, Journalistinnen.

Was kostet Ihr Visum?

Das günstigste Angebot auf dem goldenen Visa-Markt haben wir in Portugal gefunden, mit 280.000 Euro Investition in ein nicht-urbanes Haus, was man noch restauriert. Vielleicht will die Familie ja ein Restaurant aufmachen oder einen Elektrikshop. Oder sie vermietet es einfach weiter. Dazu kommen Kosten für Steuerberatung, Anwalt, Visumsgebühren und Makler. So kommen wir auf eine knappe halbe Million. Rechnet man konservativ 40 Prozent Steuern dazu, sind es 628.453 Euro für eine fünfköpfige Familie.

Ob Sie das einnehmen - der Ausgang des Projektes - zeigt also, ob Kunst Grenzen überwinden kann oder sie nur sichtbar macht?

Wenn wir institutionalisierte Kunsträume betreten, ist für uns eine goldene Regel, diesen - auch juristisch - geschützten Raum zu nutzen, um in die politische Realität eingreifen zu können. Die Grenzüberschreitung ist ja schon längst geschehen: von einer Gesellschaft, die Menschen mit Scheckbuch nach Europa lässt und am Wochenende mit Krpytowährung zockt, während andere an unseren Grenzen weggeprügelt werden und ertrinken. Dieser Wahnsinn ist kaum auszuhalten, daher vermischen wir die Diskurse: die Einreise der afghanischen Familie wird zu einem USP auf dem Kryptomarkt, Menschenrechte zum Investment-Asset degradiert. Diese Sprache versteht der Markt.

Wie entstand der Kontakt zu Milad, dessen Familie das Visum erhalten soll?

Wir haben ihn während unserer Recherchen auf Lesbos kennengelernt, er lebte da noch im EU-Grenzlager Moria. Seitdem ist er Teil des Teams, wir treffen Entscheidungen zusammen. Er kam gar nicht auf die Idee, seine eigene Familie einzuladen – sie würden das niemals annehmen, sagte er. Erst nach ein paar Monaten, als wir ihn baten, fragte er sie. Sie haben sofort zugesagt, ihre Lage als Geflüchtete ist unerträglich Er war selbst überrascht, was sehr bewegend war.

Warum nur eine Familie?

Wir haben auch Kontakt zu einer syrischen Familie, die ihre Dokumente vorbereitet, damit das schnell über die Bühne gehen kann, wenn wir erfolgreich sein sollten. Es braucht ein Vertrauensverhältnis, eine enge Zusammenarbeit, viel Verständnis der Materie auf beiden Seiten. Sonst wäre es unverantwortlich, wahllos Familien in eine Hoffnungs- und Enttäuschungs-Achterbahn zu schicken. Wenn wir aber zwei Millionen Euro mit dem Verkauf machen sollten, werden wir noch weitere unserer Kontakte einladen – daran mangelt es leider nicht.

Welche Künstler und Künstlerinnen sind dabei und warum?

Sehr unterschiedliche von Sibylle Berg über !Mediengruppe Bitnik bis zu Yes Men. Sie sind dabei, weil sie sehr gut sind. Nora Al-Badri hat zum Beispiel einen 3D-Print vom British Museum gespendet. Es ist eine 3D-Datei geklauter Kunst aus dem Irak, die sie wiederum vom Museum geklaut und bearbeitet hat. Die !Mediengruppe hat ein Gif erstellt – es heißt "havewesucceededinbuyingthegoldevisayet.gif" und zeigt ein NO. Sobald das erste Visum gekauft wurde, verändert sich zu einem YES.

Wen wollen Sie ansprechen, Kunstsammler oder Spenden-Willige?

Alle. Um in diese Kryptokunst zu investieren muss man sich allerdings auf Discordservern tummeln. Dort herrscht eine Art Gewinnspiel-Mentalität, gemischt mit Baseballkarten-Tausch, wie wir es vom Schulhof kennen. Die Kunstwerke sind den meisten Krypto-Millionärinnen und -Millionären da egal. Sie wollen sie am liebsten nach drei Minuten für das tausendfache weiterverkaufen.

Das tausendfache?

Naja, wenn man ein NFT für umgerechnet 150 Euro kauft und der Hype real wird, kann man da unter Umständen schon 150.000 Euro bekommen. Realistisch ist das nicht, vieles wird auch aufgeblasen, Hedgefonds kaufen sich ihre eigenen Werke ab, um einen fiktiven Wert vorzutäuschen. Wir rechnen bei erfolgreichem Hype mit einer Potenzierung um 250 oder so. Es ist wie immer im Kapitalismus, nur ohne physischen Gegenwert: Alles, was man braucht, ist eine Community, die sich darauf einigt, dass dieses irgendetwas extrem viel wert ist. Dann ist es das auch. Den physischen Wert – die Reise für eine Familie auf der Flucht – schaffen wir dann mit dem Erlös.

NFTs werden als großer scam oder genialer Weg der Selbstermächtigung beschrieben - gibt es nichts dazwischen?

Das damit momentan Abzocke betrieben wird, liegt nicht am NFT, sondern am Kapitalismus – das ist als System ja der größte "Ponzi-Scheme", den die Menschheit je erschaffen hat. Und machen wir uns nichts vor: Der Kapitalismus basiert auf unverhältnismäßige Ressourcenausbeutung – bei der Blockchain ist das zudem noch recht einfach nachzurechnen.

Hype ist ein Begriff der immer wieder vorkommt, wenn Sie über das Projekt sprechen.

Wenn der Mensch nichts mehr braucht, weil die Grundbedürfnisse befriedigt sind, müssen wir mit seiner Sehnsucht spielen. Durch gezielt platzierte Werbung schafftte man Einigkeit, dass irgendein Zeug besonders toll sei. Auch in der Kunst. Je mehr das nachplapperten, umso mehr stieg der Glaube daran, der Hype. Das ist die Perversion des Kapitalismus: Anstatt sich um Relevantes zu kümmern, etwa die Eindämmung der Klimakatastrophe, lenken sich die, die es sich leisten könnten, mit Quatsch ab. Ich finde es auch toll, Luxus zu genießen, aber ab und zu sollten wir doch eher mal daran arbeiten, den Kapitalismus abzuschaffen.

Aber machen Sie das Business hier nicht auch nur mit?

Wir steigen voll ein. Wir sind gerade wochenlang Marktschreier im Internet, sonst schaffen wir das mit der Million am 20. Oktober nicht. Aber ich glaube, wir haben das mit dem Kapitalismus nicht ganz verstanden, weil wir als Peng! damit keinen Cent Profit machen: 100 Prozent des Geldes geht in das goldene Visum. Sollte Geld übrig bleiben, geben wir das weiter, etwa an ein Zirkusprojekt von Cabuwazi oder die Filmschule ReFocus auf Lesbos.