Eine E-Gitarre wird gestimmt. Mahmoud Tarek steht auf einer rot ausgeleuchteten Bühne unterhalb der Orgelempore der St. Katharinenkirche in Frankfurt am Main. Einst kam hier die Familie Goethe zum Gebet, jetzt, an einem Freitagabend im Oktober, leitet Tarek sphärisch und tastend seine Soundperformance "Luster" ein. Während einige Besucherinnen und Besucher versuchen, auf den harten Bänken eine bequeme Haltung zu finden, sinken andere in die bereitgestellten Sitzsäcke. Ein Hauch von Happening liegt in der Luft.
Nur allmählich steigert der versunken wirkende Städelschüler Mahmoud Tarek den Gitarrendrive. Es lebe die Zeitlupe, möchte man beinahe ausrufen – als Mitgefangener der Zwei-Sekunden-Aufmerksamkeitsspannen-Ökonomie. Tareks Performance beginnt, als das "Quovadis"-Festival für zeitbasierte Kunst bereits zwei Stunden hinter sich hat. Zur Begrüßung sprechen die beiden Kuratoren von Geduld und Ausdauer, die der 24-Stunden-Marathon mit über 30 Künstlerinnen und Künstlern den Organisatoren ebenso wie dem Publikum abverlangt. "Wir haben bewusst Beiträge eingeladen, die sich über die Zeit entfalten", erläutert Co-Kuratorin Leonore Schubert. "Die nächsten 24 Stunden gehören uns allen", ergänzt ihr Kollege Hendrik Arns.
Mahmoud Tareks stoischer, instrumental-psychedelischer Gig versetzt das Publikum in selige Konzeptalbum-Zeiten. Mit einer Prise industrieller Härte lassen die Sounds an David Bowies West-Berliner Jahre denken. Das vorwiegend junge Publikum folgt der ausgedehnten Performance still, gebannt, nachdenklich. Kein einziges filmendes Smartphone ist zu sehen. Sind wir Zeugen einer Gegenbewegung zum Scrollen, Swipen, Abhören und Beantworten all der endlosen snippets, also Inhaltsschnipsel?
Performances, Lesungen und Konzerte
Kurz vor neun brandet Applaus auf. Tareks Performance ist zu Ende, und wir verlassen den safe space der Entschleunigung. Unvermittelt landen wir an der Hauptwache, dem zentralen Platz am Beginn der Einkaufsmeile Zeil. Jugendliche wärmen sich für die Partynacht auf, viele Fußgänger durchqueren das verkehrsberuhigte Areal. In der St. Katharinenkirche aber geht es ohne Unterbrechung weiter – Performances, Lesungen und Konzerte bringen die Besuchenden durch die Nacht.
Am Samstagmittag ist der Himmel über Frankfurt trüb, rund um die Hauptwache schwillt der große Shoppingtrubel an. Vor dem Altar der Kirche tanzt Rieke Löffler zu Samba Tourés Song "Chiri Hari". Ihre Performance ist in mehrere Kapitel unterteilt. Auf einem schwebenden Screen erscheinen Aufnahmen aus Istanbul, einer Ruinenstadt am Meer und dem Zimmer der in Wien ausgebildeten Künstlerin. Löffler schreitet die Bühne auf und ab – begleitet von kurzen Textsequenzen über Zugang, Offenheit, Barrieren und Ausschluss.
Dann geht die Performerin den Mittelgang entlang, ihre Schritte hallen deutlich durch das Kirchenschiff. Im von Lana Del Rey und Coldplay untermalten "Paradieskapitel" führt Löffler in Zeitlupentempo einen Apfel zum Mund – und beißt zu. Mit frenetischem Applaus quittiert das Publikum ihren zu Vegas Rapsong "Winter in Frankfurt" ausklingenden Auftritt.
Ein Raum für geduldige Reflexion
Nicht minder begeistert wird die Abschlussperformance des Festivals am frühen Samstagabend aufgenommen. Der Tänzer Adam Russell-Jones erscheint zunächst wie von unsichtbaren Kräften gefesselt: Er reckt sich, lehnt sich an, bewegt sich verzweifelt, tänzelt, zappelt – und kommt einfach nicht los vom massiven Altartisch. Kratziger Swing, Eurodance-Beats, entferntes Musikbrummen und Satzfragmente erfüllen derweil den Kirchenraum, als würde jemand durch Radiosender zappen.
Auch diesmal folgt das Publikum dem Bühnengeschehen still und ohne in die Höhe gereckte Mobiltelefone. Zu einer rauen Aufnahme von Irving Berlins "Cheek to Cheek" tanzt sich Russell-Jones anmutig frei. Zu metallischen Clubbeats zitiert der Berliner eine Ballettchoreografie. Seine Moves bewegen sich dabei jedoch genauso in Richtung Dancefloor. Irgendwann tanzt er mit freiem Oberkörper zu hartem Techno. Er macht weiter, als die Musik aussetzt – seine Schritte und sein Atem erfüllen nun den Raum.
Adam Russell-Jones entkleidet sich weiter, um in schwarzer Leggings zu performen: Aus der gefesselten Gliederpuppe ist ein lebendiger Körper geworden, der wie besessen von der eigenen Bewegungsfreiheit kraftvoll im Kreis tanzt. Als kurz vor 18 Uhr der Glockenschlag einsetzt, hält der Tänzer inne und mahnt Stille an. Das Festival ist zu Ende, und wir treten wie benommen in die Dämmerung. In den zurückliegenden 24 Stunden ist mitten in Frankfurt ein geschützter Raum für geduldige Reflexion entstanden – auch, weil das "Quovadis"-Publikum dieses Angebot dankbar annahm. Nach Jahren immer krasserer Meldungen, Meinungen und Haltungen ist das eine echte Verheißung.