Ausgerechnet jetzt, wo es aussieht, als würde die Welt zur Hölle fahren, wollen wir Peter Hujar sehen. Den legendären New Yorker Fotografen, der in den Sixties und Seventies die New Yorker Downtown-Boheme fotografierte – Divine, Andy Warhol, John Waters, William S. Burroughs, Susan Sontag, Candy Darling. Die schwule Szene, Ledertypen und cruisende Leute auf den Piers, Parkplätze, Brachland, den Hudson. Seine Geliebten, Freunde und Freundinnen – wie den Post-Minimal-Schamanen Paul Thek, mit dem ihn eine Liebes- und eine Künstlergeschichte verband: 1963, nackt auf einem Zebra. Später dann seinen Geliebten und Protégé, den Künstler, Dichter und Aids-Aktivisten David Wojnarowicz, eingehüllt in eine Wolldecke wie eine abstrakte, fiebrige Skulptur.
Es sind Peter-Hujar-Festspiele gerade. Hujar ist dabei, seiner Zeitgenossin Diane Arbus, einer der wohl berühmtesten US-Fotografinnen des 20. Jahrhunderts, den Rang abzulaufen. Letztes Jahr kam Ira Sachs’ Film "Peter Hujar’s Day" in die Kinos. Dann "Stay Away from Nothing", ein Band, der mit Fotos und Faksimiles von Briefen die Beziehung von Hujar mit Paul Thek dokumentiert. Das Nachwort stammt von Andrew Durbin, Chefredakteur von "Frieze". Nun zwei große Ausstellungen Peter Hujar: "Eyes Open In The Dark" in der Bundeskunsthalle Bonn und "Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision", eine Doppelausstellung im Berliner Gropius Bau, in der Hujars Werk zusammen mit den minimalistischen Fotoarbeiten von Liz Deschenes gezeigt wird. Die 60-Jährige ist in der konzeptionellen US-Fotografie ein Star und hierzulande gerade dabei, einer zu werden. Und dann, last but not least, kommt nun "The Wonderful World That Almost Was: A Life of Paul Thek and Peter Hujar" raus, die lang erwartete Doppelbiografie von Andrew Durbin.
Woher kommt dieses enorme Interesse? Sicher liegt das an der Aufarbeitung der 1980er- und 1990er-Jahre in den großen Kunstinstitutionen. Und natürlich auch an einer neuen Auseinandersetzung mit Aids und der Geschichte der Act-Up-Bewegung. Als Hujar 1987 an den Folgen des Immunschwächesyndroms starb, hielten sich die Institutionen zurück. Nan Goldin war die erste, die 1989/1990 mit "Witnesses: Against Our Vanishing" im New Yorker Artists Space eine Ausstellung zu Aids machte, an der Hujar, Goldins "Gott", posthum und auch Wojnarowicz teilnahmen. Einige der Teilnehmer der Schau starben noch während der Laufzeit, Wojnarowicz kurze Zeit später, 1992.
Peter Hujar "Candy Darling on Her Deathbed", 1973
Hujar, der 1964 einer von Warhols "Thirteen Most Beautiful Boys" gewesen war und in den Seventies aussah wie ein Posterboy für die New Yorker Leder- und Fetisch-Szene, war am Ende völlig ausgezehrt. Und Wojnarowicz erwies ihm einen letzten knallharten und mütterlichen Liebesdienst. Er fotografierte seinen toten Freund auf dem Sterbebett, sein zugewachsenes Gesicht, den offenen Mund, die Hände auf der Bettdecke, mit den schwarz verfärbten Nägeln, den gekrümmten Zehen. Nicht wegzusehen, das hatte er mit Hujar gemeinsam.
Beharrlichkeit als Widerstand
In der Welt, wie Peter Hujar sie sah, gab es nichts, das zu banal, zu intim, zu schmerzhaft war. Mit visionärer Beharrlichkeit suchte er in seiner Fotografie, auch angesichts von Verfall, Traumata und Tod nach Schönheit. Ihn faszinierte das Beseelte, das ins Leben Geworfene, das Vergängliche, das er nicht nur in Menschen, sondern auch in Tieren, Pferden, Hunden, Kühen sah, ohne Hierarchie.
In Anspielung auf die künstlerische Beharrlichkeit heißt die Berliner Ausstellung ja auch "Persistence of Vision". Dabei ist das auch als Akt des Widerstands gemeint. Die hedonistische Revolte, der Aufbruch, die sich in Hujars Porträts der queeren Subkultur der Sixties und Seventies spiegeln, machen nostalgisch. Doch in unserer spätkapitalistischen Echokammer sieht die queere Kunstszene wie ein Gen-Z-Remake der Bewegung von einst aus. Die campe Borniertheit, die poetisch-politische Empfindsamkeit von Hujar, Sontag und Co. sowie der Schamanismus Theks werden in der zeitgenössischen Kunst in immer neuen Varianten verwurstet. Allerdings meistens ohne die Dringlichkeit von einst. Das liegt auch daran, dass heute alles – Aktivismus, Ficken, Fetisch, knallharter Egoismus, Psycho – in der Kunst irgendwie tugendhaft, bedeutsam und freundlich aussehen muss, als hätte es ein klares politisches Ziel oder als wäre es "Care Work".
Böse Menschen
In der Pressekonferenz sprechen auch Patrizia Dander, die stellvertretende kuratorische Direktorin des Gropius Bau, und die Kuratorin Eva Respini von der großen Empathie, mit der Hujar seine Subjekte fotografierte. Respini, Curator at Large der Vancouver Art Gallery, hat die Doppelausstellung konzipiert. Auch in seiner Biografie schreibt Durbin davon, wie Hujars Blick die Fotografierten regelrecht durchdringt und bis in ihr Innerstes vorstößt, mit der Kamera da etwas herausholt, was nur er ihnen durch Einfühlung mit dem Apparat entlocken kann.
Diese Vorstellungen halte ich für schwierig. Ich denke nicht, dass "Empathie" der Reiz oder Anlass für seine Fotografie ist. Da ist ein Begehren nach grenzenloser intellektueller, sexueller, spiritueller Freiheit, welches Selbstzerstörung und das Leid anderer ganz bewusst in Kauf nimmt. Und diesem Begehren wird alles untergeordnet: Intimität, Freundschaft und Empathie. Nur nicht die eigene Kunst. Hujar, 1934 geboren, wird von seiner alkoholkranken, narzisstischen Mutter verstoßen, zieht zu den ukrainischen Großeltern aufs Land, wo er seine besondere Beziehung zu Tieren entwickelt. Die Großmutter stirbt, er muss zurück zur Mutter in die Bronx, wo sie mit einem Buchmacher lebt. Die Hölle der Abwertung und Vernachlässigung geht da erst so richtig los. Mit 16 Jahren haut er ab. Sein Freund Paul Thek, 1933 geboren, wächst in Floral Park, einem Vorort hinter Queens, auf, wo er als schwuler Teen in den 1940er-Jahren natürlich gemobbt wird. Der ältere Bruder misshandelt ihn schwer, mit anderen Typen hat er Sex, wird aber auch von ihnen vergewaltigt. Auch er geht weg, sobald er kann.
Peter Hujar / Liz Deschenes "Persistence of Vision", Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
Als Thek 1988 an den Folgen von Aids stirbt, ist er seit Jahren psychisch erkrankt, fast wahnhaft religiös. Seine Aids-Diagnose hält er vor seiner Familie geheim. Nur sein jüngerer Bruder Lawrence besucht ihn im Krankenhaus, auch bei ihm wurde Aids diagnostiziert. Nach Theks Tod legt er sich auf die Gleise und lässt sich von einem Zug überrollen. Man ahnt, was für eine Kindheit und Jugend das waren. "TO TREAT SOMEONE WITH LOVE IS THE MOST SHOCKING THING", notiert Thek 1977, und: "Ich habe nie jemanden geliebt." Auch Hujar antwortet, als Wojnarowicz ihn für ein Tonbandinterview fragt, wer denn die größte Liebe seines Lebens gewesen ist: "Meine Arbeit." Und dann sagt er seinem Freund ins Gesicht, dass er nie jemanden geliebt hat.
Das queere Netzwerk, das Hujar fotografiert, ist durchtraumatisiert von der Großen Depression, dem Weltkrieg, der Gewalt und der Härte der Nachkriegszeit. Ob nun Intellektuelle, Drag Queens, Künstler, Filmemacher, Poeten – alle sind narzisstisch, süchtig und auf ihren Ruhm, ihre kulturelle Bedeutung bedacht. Alle sind sie vom Tod fasziniert. Alle sind sie fantastisch, genial, wegweisend, aber noch nicht einmal sich selbst gegenüber empathisch.
Scham und Schuld
Viele von ihnen kommen mit der eigenen Homosexualität nicht klar, sie leiden an Scham und Schuldgefühlen. Kurz vor seinem Tod sagt Hujar zu Freunden, Aids sei ein von Gott gesandter Fluch, er sei vielleicht gar nicht schwul, nur arm. Hätte er als Teen genug Geld gehabt, um Mädchen einzuladen, hätte er Frauen gedatet, aber die Typen hätten es ja umsonst gemacht. Durbins Biografie schildert unzählige dieser schmerzhaften Details. Sontag, die vor allem lesbische Beziehungen hatte, versöhnte sich erst gegen Ende ihres Lebens mit ihrer Sexualität, die natürlich auch ihr Werk geprägt hatte. Selbst in der Aids-Krise, als ihre engsten Freunde stigmatisiert wurden und starben, wollte sie sich nicht outen. Wie Hujar, der fürchtete, seine Arbeit könnte als "schwule Fotografie" in die Geschichte eingehen, wollte auch Sontag ihr Werk nicht als homosexuell kategorisiert sehen.
Das liegt auch daran, dass diese Generation raus wollte aus den Kategorien, den binären, rigiden Erzählungen der Nachkriegszeit, weg von der Idee einer fixen Identität oder Klasse. Und auch raus aus den Schablonen, wie Schwule, Lesben, Trans-Leute zu leben haben, weg von den stereotypen Gesten und Codes. Nicht umsonst heißt Sontags auch von Thek inspirierter Essay, der sie 1964 berühmt machte, "Against Interpretation".
Strike a Pose
Es gibt da dieses tolle Foto in der Ausstellung, das Hujar 1957 von Thek macht, der in Unterwäsche auf einem mit Tannennadeln bedeckten Waldboden liegt. Die beiden haben sich gerade kennengelernt, sind noch mit anderen Partnern zusammen. Aber dieses Bild ist schon voller Verheißung. Man sieht, wie Thek versucht, eine richtig gute, neue Pose zu machen – hot, aber nicht zu hot, da Poesie, etwas Militärisches, Mormonisches reinzubringen, Working-Class, Reste von Walker Evans, der Depression, aber auch etwas Leeres, Zen-Mäßiges. Hujar liest ihn, bringt diese performative Repräsentation gemeinsam mit Thek in die Welt, versteht bis in die letzten Winkel der Körperhaltung, was sein Gegenüber sagen und werden will.
Alles ist noch neu und unbekannt, auch die schwulen Beziehungen, die Hujar, Thek und ihre Freunde führen, die mehr anecken, mehr riskieren, mehr wollen, als vor ihnen Robert Rauschenberg, Cy Twombly oder Jasper Johns. Was das bedeutet, zeigen die Briefe der beiden, die nicht enden wollenden Verwerfungen, Streits, künstlerischen Debatten, mit Geliebten und Freunden, bei denen alles psychologisiert und eingesetzt wird, um Ruhm, Netzwerke, Sex, Geld zu erringen. Seite für Seite begehen in Durbins Biografie fantastische, nervige Menschen Schandtaten, reden, schreiben, streiten über ihr geniales Ego, bis man es kaum noch aushält.
Flirten mit Tennessee Williams
Das liegt auch daran, dass diese Leute ähnlich wie Amphibien Neuland betreten, mit einem Bein noch in der Moderne stehen, mit dem anderen schon in der Postmoderne. Für die Beziehungen, die sie führen, gibt es keine richtigen Vorbilder, sie müssen regelrecht erfunden werden. Sie sind Teil des künstlerischen Projekts. Hujar und Thek lernen sich noch im Jazz-Age kennen, tanzen, trinken und flirten in Downtown in der Schwulen-Bar San Remo mit Andy Warhol, William S. Burroughs, John Cage, Tennessee Williams, reisen 1963 wie ein Jahrzehnt vor ihnen Rauschenberg und Twombly nach Italien, um sich in schwuler, lyrischer Tradition mit den Göttern der Antike, der Vergänglichkeit zu verbinden. Doch schon die Fotografien, die Hujar von mumifizierten Leichen in den Katakomben von Palermo macht, zeigen, dass er nach einer anderen, physischeren Form von Schönheit sucht. Und die ist zugleich prekär und elitär, klassisch und anarchistisch, von Zen geprägt und unglaublich körperlich.
Nicht umsonst ist Hujar mit Thek befreundet, der zusammen mit der Bildhauerin Eva Hesse als einer der wichtigsten Protagonisten der sogenannten Post Minimal Art gilt. Die Zeit zwischen 1965 und 1975 ist für die westliche Kunst ebenso revolutionär wie die klassische Moderne oder die Nachkriegsmoderne. Damals bricht in den USA eine junge Künstlergeneration aus der unpersönlichen, puristischen Formensprache der Minimal Art aus, sprengt die Wände des White Cube und die Grenzen von Gattungen und Kunstbegriffen.
Heute wie damals erscheint das abstrakte, minimalistische Denken reizvoll, weil es die Form nicht einfach in den Dienst eines Inhalts oder einer Botschaft stellt, sondern die Beziehungen zwischen Betrachterin, Objekt und Raum reflektiert. Es soll nichts dargestellt werden, sondern durch die unmittelbare, wortlose Erfahrung vermittelt werden. Wogegen die Vertreter des Post Minimal aber rebellieren, ist die vermeintliche "Neutralität" des minimalistischen Objekts. Sie wenden sich gegen die Idee, dass das Werk "phänomenologisch" sein soll, also nichts anderes als sich selbst meint. Und die gesellschaftliche Realität aussperrt, die damals vom Vietnamkrieg und dem Kampf um Bürgerrechte geprägt ist.
Sex und Tod im Glaskasten
Der "schmutzige", emotional und sexuell konnotierte Post-Minimalismus von Hesse und Thek nutzt minimalistisches, abstraktes Denken, um reduzierte Formen zu schaffen, die mit existenziellen, politischen, sexuellen oder auch biografischen Themen aufgeladen sind. Trotzdem halten sie konzeptionelle Distanz, erzeugen Fremdheit. Und da ist natürlich auch eine Nähe zu Hujar.
Thek präsentiert Mitte der 1960er-Jahre seine "Meat Pieces" – aus Wachs geformte, verrottende Fleischstücke, die er als Reaktion auf die Reinheit der Minimal Art in klinischen Glaskästen ausstellt. In einer ähnlichen Manier isoliert Hujar seine Subjekte in der Fotografie, gibt ihnen einen neutralen, extrem kühlen Rahmen. Er hängt seine Arbeiten gerne im Raster auf, ein Ordnungssystem der Minimal Art. Man kann die Ästhetik seiner Fotografie minimalistisch nennen, die quadratischen Schwarz-Weiß-Abzüge, den präzisen Kompositionsstil, die einfachen Beleuchtungskonzepte, die Nutzung von natürlichem Licht oder einer einzigen Lichtquelle.
Im Bett mit August Sander
Formal lässt das auch an August Sander (1876–1964) denken, einem Hauptvertreter der "Neuen Sachlichkeit", der mit seinen Porträts von "Menschen des 20. Jahrhunderts" verschiedener Berufe und Stände ein möglichst wahrheitsgetreues Bild seiner Zeit schaffen wollte – nüchtern, objektiv, typologisch.
Doch Hujar ist eher "in bed with August Sander". Er steckt küssende Ledermänner, sterbende Drag Queens, eine wahrscheinlich zugekokste Susan Sontag, Pferdenüstern, Fußfetischisten, Flusswasser, lauter vergängliches Zeug in diesen klinischen, formalen Rahmen. Er lässt die Downtown-Szene supergut aussehen, wie Stummfilmstars, Romanciers aus der Weimarer Republik, Hans-Bellmer-Puppen, antike Skulpturen, historische Persönlichkeiten – aber ohne Hierarchie und Typologie. Das, was da so nackt und "natürlich" aussieht, ist Neue Sachlichkeit als Drag. Trotzdem ist das nicht ironisch gemeint, sondern zutiefst ernsthaft, fast sakral.
Vergänglichkeit, Tod, Zen und Zeit sind in dieser Arbeit immer präsent. Die Doppelausstellung im Gropius Bau macht das mit einem Kunstgriff deutlich, nämlich indem sie Hujars Arbeit mit Liz Deschenes’ Werk post-minimalistisch runterkühlt.
Peter Hujar / Liz Deschenes "Persistence of Vision", Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
Am Eingang sieht man erstmals Hujars Screen Test aus Warhols "13 Most Beautiful Boys": ein riesiges, stummes, fast bewegungsloses Filmporträt, das exakt drei Minuten dauert, so lange, wie der Film zum Durchspulen der Kamera benötigte. Ein konzeptionelles Kunstwerk, das ein Bild und zugleich eine Abfolge von 24 Einzelbildern pro Sekunde ist. In den Ausstellungsräumen wechseln sich dann die Skulpturen und nichtgegenständlichen Fotografien von Deschenes und Hujars Arbeiten ab. Dabei bespielen sie eigene Räume oder treffen direkt aufeinander.
Repräsentation, nein danke!
Deschenes benutzt gar keine Kamera. Ihre minimalistischen Arbeiten aus Glas oder direkt belichtetem Fotopapier bewegen sich an den Grenzen von Fotografie, Skulptur und Prozess. Sie konzentrieren sich nüchtern auf die Bedingungen von Wahrnehmung und "Bildproduktion": Material, Ort, Zeit und Architektur. Im Gegensatz zu Hujars Fotografien stellen sie nichts dar, verzichten auf jede Darstellung von Identität, Geschlecht und Körper. Als ich Deschenes danach frage, entgegnet sie, Repräsentation sei ihr zu hierarchisch. Sie ist New Yorkerin, 60 Jahre alt, hat zwar Hujar nicht kennengelernt, ist aber mit der Act-Up-Bewegung groß geworden, mit der queeren Community eng verbunden.
Deschenes’ geometrisch reduzierte Werke kommen aus der Tradition der Institutionskritik und der konzeptionellen Fotografie. Sie sehen pur aus, wie die Konzeptkunst von Dan Graham oder Donald Judd etwa, zu der Thek und Hujar selbst ein ambivalentes Verhältnis hatten. Deschenes’ fast mathematische Arbeiten reflektieren ziemlich verschlüsselt die Architektur, die Geschichte der Institution, vor allem aber die Fotografie. Und sie geben dem Raum einen Rhythmus.
Da sind zum Beispiel die vertikalen silbrig glänzenden Fotopapierstreifen einer Wandinstallation, die an die Trennbalken zwischen den einzelnen Bildern auf Filmstreifen erinnern. Sie sind wie die Atemzüge, die man beim Meditieren zählt, um nicht abzuschweifen. Auch Hujar hat seine Fotografien bei Hängungen im Raum behandelt wie "random" zusammengeschnittene Filmbilder, die eine kinematische Erfahrung vermitteln. Deschenes’ Werk verdeutlicht den leeren Raum zwischen den einzelnen Bildern und lenkt den Blick gleichzeitig auf dieses filmische Moment, die Bewegung. Aber auch auf die Materialität von Hujars kunstvoll belichtetem Fotopapier, das zwar etwas darstellt, aber aus materialistischer Perspektive Deschenes’ Arbeit sehr nahesteht.
Matcha hilft nicht mehr
Dieses materielle, formale, strenge Denken erfasst Hujars Werk fast altmodisch und dadurch ganz neu. Viele Besucher mögen sich fragen, was das soll. Aber Deschenes’ schwieriges Werk holt Hujars schwierige Porträts aus den endlosen ausgeleierten Debatten um Queerness und Identität heraus. Hujar tut andersherum nichts für ihr Werk, macht es nicht camper oder "queerer", obwohl es das eigentlich ist. Aber ihre Persistenz, ihr Beharren auf dieser harten, klaren Formensprache gibt der ganzen Ausstellung eine Klarheit, die gut tut. Diese Verlangsamung und Low-Key-Achtsamkeit, die gerade in der Kunst beschworen werden, sind eher ätzend. Wer will schon Matcha trinken und nochmal genau hinhören, wenn schon längst scharf geschossen wird?
Doch hier ist das anders. Die Verlangsamung hilft, sich auf die Form von Hujars Arbeit zu konzentrieren, die mindestens so wichtig ist wie die ruchlosen und tollen Leute, die seine Fotografie zeigt. Deschenes hat zum Abschied einen ganz guten, paradoxen Tipp gegen den neu-faschistischen Terror: "Du musst hart sein wie ein Nagel und absolut verletzlich." So ist auch diese Ausstellung. Und anstatt schon wieder zu spazieren oder auf Instagram zu scrollen, kann man in "Persistence of Vision" richtig Kraft schöpfen – nicht aus nostalgischem Zurücksehnen, sondern indem man allen Ablenkungen zum Trotz Luft holt und unverdrossen sieht, was ist.
Insta-Wertung: 9/10
Liz Deschenes" Untitled (Claude Glass 1)", 2023