Kunstsammlungen Zwickau

"Wir müssen die Türen öffnen"

40 Jahre Museumsarbeit, ein Generationswechsel und eine Sammlung, die größer ist als ihr Ruf: Petra Lewey hat die Kunstsammlungen Zwickau bis Ende 2025 geleitet, seit Januar führt Fanny Stoye das Haus. Im Doppelinterview sprechen die beiden über Hildebrand Gurlitts Zwickauer Jahre, den Umgang mit Kunst in der DDR und die Frage, welche Rolle ein Museum in einer Region spielt, in der die AfD stark ist. Es geht um Max Pechstein und Fritz Bleyl, um Henrike Naumann und den NSU und um eine Kunststadt, die ihren Platz in der sächsischen Museumslandschaft erst noch einnehmen muss

Frau Lewey, Sie haben 40 Jahre für die Stadt Zwickau im Museum gearbeitet und von 2003 bis Ende letzten Jahres die Kunstsammlungen geleitet. Frau Stoye, Sie leiten das Haus seit diesem Jahr. Was ist das Besondere an dieser Sammlung? Wie kam sie zustande?

Petra Lewey: Das ist eine bürgerliche Sammlung des 19. Jahrhunderts. Schon damals, als durch den Steinkohlebergbau Geld in die Stadt kam, hat sich hier viel Industrie angesiedelt. In dieser Zeit haben die interessierten Kulturbürger wie in vielen Städten Vereine gegründet: einen Altertumsverein, einen Kunstverein, einen Musikverein. Bereits zehn Jahre nach dem Tod von Robert Schumann, der 1810 in Zwickau geboren wurde, hat man eine Schumann-Sammlung angelegt. Grundstein des Museums war die Schenkung einer großen Mineraliensammlung aus dem Jahr 1868.

Fanny Stoye: Die Sammlung ist stark mit der Industrie, dem Bergbau und der Kohle verbunden, im doppelten Sinne: Da wo Geld ist, passieren oft interessante Sachen in der Kunst! Ich habe eine Weile am Bodensee im Zeppelin Museum gearbeitet und da verstanden, wie stark Wirtschaft und Industrie das Kulturgeschehen mit bedingen. Es ist kein Wunder, dass es in Zwickau ein Kunstpublikum gab. Und eine eigene kunstgewerbliche Entwicklung, insbesondere im Bereich der Porzellanherstellung.

PL: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat man angefangen, eine Gemäldesammlung für ein künftiges Museum anzulegen. Dem Bürgermeister Karl Keil hat nicht gefallen, dass bei Erwerbungen eher Zufall und Geschmack eine Rolle spielten. Er wollte mehr als Alpenlandschaften und Hirsche! 1911 hat er seinen Freund Carl Julius Vogel, den damaligen Direktor des Leipziger Kunstmuseums gebeten, ein Gutachten zur inhaltlichen Ausrichtung der Städtischen Gemäldesammlung in Zwickau zu erstellen. Dieses Papier liegt noch im Stadtarchiv. Da heißt es sinngemäß: Sammelt die großen Schulen! Sammelt die Zeitgenossen! Aber eher nicht das Avantgardistische, damit könnte man die Bürger verstören. Dann hat man angefangen, neben den Dresdner Professoren wie Gotthardt Kuehl, Carl Bantzer und Eugen Bracht, auch Künstler aus Leipzig, München oder Karlsruhe zu sammeln, am Ende noch Max Liebermann aus Berlin. Schon damals hat man gespart, um jährlich ankaufen zu können.

1914 wurde das Museum als Neubau eröffnet. 1925 kam Hildebrand Gurlitt und leitete bis 1930 das damalige König-Albert-Museum. Wie hat Gurlitt in den 1920er-Jahren das Haus geprägt?

PL: Als 30-jähriger Mann hat er das Museum komplett umstrukturiert. Er hat vom Bauhaus Farbkonzepte für die Ausstellungsräume entwickeln lassen, Kabinette der modernen Kunst eingerichtet und bereits im Jahr seines Amtsantritts, im Herbst 1925, die erste museale Ausstellung mit Werken von Max Pechstein in Zwickau gezeigt, der 1881 hier geboren wurde. 2019 habe ich zum Bauhaus-Jubiläum diese wichtigen Aktivitäten Gurlitts aufgearbeitet. Die Bauhaus-Hocker, die er 1927 bestellt hatte, haben wir noch in der Sammlung! Auch die Schriftwechsel dazu haben wir da. Das waren Jahre, wo das Museum sich mit Ausstellungen zur Neuen Sachlichkeit bis hin zu Reklame aus dem Bauhaus auch national positioniert hat. 1930 verstärkten sich die wirtschaftlichen Probleme in der Stadt. Gurlitt eckte mit seinen Vorstellungen zunehmend an und wurde entlassen. 1933 kamen Direktoren, die eher wieder Bergbauthemen oder das Brauchtum in den Blick genommen haben.

FS: Es ist richtig, dass Gurlitt die Sammlung erheblich modernisiert hat. Aber: Schon vor Gurlitt wurde auf hohem Niveau geschaut, wo die Kunst hingeht. Und mir ist auch wichtig zu sagen, dass Max Pechstein, Fritz Bleyl und viele andere Künstler, die in Zwickau geboren wurden und später nach Dresden an die Kunstgewerbeschule oder die Kunstakademie gingen, nicht erst in Dresden zur Kunst befähigt wurden, sondern die Grundlage hier bekommen haben, etwa in der Zwickauer Kunstgewerbeschule.

PL: Beim Sortieren der grafischen Sammlung zog ich einmal eine Schublade auf und fand frühe Werke der Künstlergruppe "Brücke" von 1905. Das war der Teilnachlass von Fritz Bleyl! Viele Viertelstunden-Akte waren noch da, Zeichnungen und frühe Holzschnitte. Die andere Hälfte des Nachlasses liegt im Brücke-Museum in Berlin. Ich habe dann zu Bleyl promoviert.

FS: Es ist leider so, dass qualitätvolle Sammlungen meist mit den Großstädten verbunden werden. Dass die Kunstsammlungen Zwickau noch nicht so bekannt sind wie sie sein müssten, liegt vielleicht auch daran, dass der Stadt eine Kunstsammlung auf diesem Niveau nicht zugetraut wird. Völlig zu Unrecht! Ich kenne das Haus seit zehn Jahren und jetzt, wo ich mich hier durch das Material gearbeitet habe, kann ich sagen: Zwickau ist auch eine Kunststadt! Die Stadt im Ranking der Kunststädte zu positionieren, wird nun eine große Aufgabe. Zwickau gehört neben Halle, Dresden und Chemnitz ganz klar in ein Band von Museen, die sächsische, aber auch nationale und internationale Kunstgeschichte insbesondere der Moderne abbilden. Auch Zwickau hat einen Edvard Munch und einen Arno Rink!

PL: Dafür haben wir keinen Mattheuer, keinen Tübke, keinen Heisig.

Wie hat die Zeit der DDR die Sammlung geprägt? Und was passierte mit den Werken der Moderne, die Gurlitt in den 1920er-Jahren ins Haus geholt hatte – wurden die während der DDR versteckt, umgedeutet, aussortiert?

FS: Die Moderne, die Gurlitt ins Haus holte, erodierte schon viel früher. Natürlich war auch die Zwickauer Sammlung im Blick der nationalsozialistischen Aktion "Entartete Kunst" 1937. Rund zwei Dutzend Meisterwerke von Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Hofer wurden beschlagnahmt und sind bis heute verschollen. Was die ostdeutsche Entwicklung der Kunst betrifft, hat Zwickau einen großen, aber noch weitgehend unentdeckten Redeanteil. Wir haben allein über 4000 Werke, die zwischen 1949 und 1989 entstanden sind. Und auch da sind wichtige Positionen dabei, die weit über Zwickau hinausweisen, etwa Karl Heinz Jakob, der Großvater von Henrike Naumann. Sie ist das beste Beispiel dafür, welche große Traditionslinie Zwickau im Bereich der Kunst zu bieten hat.

PL: Mit dem "Bitterfelder Weg" ging es in den 1960er-Jahren wieder viel um Volkskunst. Wir waren ja noch lange ein Mehrspartenhaus, mit einer großen stadtgeschichtlichen Sammlung, auch mit einer Porzellan-, Möbel-, Volkskunst- und Zinnsammlung – eben ein Stadtmuseum. Da konnte auch mal Kunst gezeigt werden, aber immer nur in kleineren Ausstellungen.

Gab es politischen Druck auf die Ankaufspolitik, musste man bestimmte Künstler zeigen und andere meiden?

PL: Als Stadtmuseum hat man regional gesammelt und darauf geachtet, dass die Künstler im Verband Bildender Künstler der DDR waren. Hier plädiere ich für eine differenzierte Betrachtung: Unter den Künstlern gab es die, die den Kanon des "Sozialistischen Realismus" bedienten und jene, die Kritik versteckt oder auch offen äußerten, die wie Christine Schlegel die DDR verließen, es gab IMs. Und es gab auch Privilegien, Reisen, Aufträge für Künstlerinnen und Künstler. Vieles hing an den Funktionären und Entscheidern vor Ort. So hatte es die abstrakte Kunst von Albert Hennig beispielsweise lange schwer, das lockerte sich erst in den 80er-Jahren.

Der 1947 in Zwickau begründete Max-Pechstein-Preis wurde ab 1963 nicht mehr vergeben und ging als Kunstpreis des Bezirkes nach Karl-Marx-Stadt. Erst Mitte der 1980er-Jahre wurde der Preis wiederbelebt, 1985 mit Karl Heinz Jakob als Preisträger. Ab da spürte man auch eine gewisse Öffnung, wie folgende Preisträger wie Fritz Böhme, Heinz Tetzner oder Carlfriedrich Claus zeigen. Umfassend präsentiert werden konnte die Kunstsammlung dann erst in den 90er-Jahren …

PL: Die großartige Gemäldesammlung war vorher tatsächlich nie wirklich präsent, weil wir den Platz nicht hatten. Erst in den 90er-Jahren gab es die Entscheidung, die Priesterhäuser zu etablieren. Das sind die ältesten Wohnhäuser in Sachsen, in denen sich jetzt das Stadtmuseum befindet. Dann haben sich die Sammlungen getrennt und wir konnten erstmalig nach einer Teilsanierung 2008 die Gemäldesammlung präsentieren. Sie war zuvor in einem katastrophalen Zustand. Die Werke waren alle auf dem Dachboden gelagert. Da musste erst einmal alles restauriert werden. Und dann versuchten wir auch, die Lücken zu schließen und erwarben Werke gebürtiger Zwickauer, wie Hartwig Ebersbach, Wolfram Ebersbach, Rosa Loy, Thomas Florschuetz und erst vor zwei Jahren Christine Schlegel.

FS: Ich habe viel Respekt vor der Grundlagenarbeit, die hier durch dich und das Team geleistet wurde!

Frau Lewey, Sie haben seit 1986 im Haus gearbeitet. Was war nach 1990 die größte Veränderung im Museumsalltag?

PL: Als junge Assistentin durfte ich keine eigenen Projekte umsetzen. Meine ersten Aufgaben waren, Bilder zu reinigen, zu recherchieren, zu dokumentieren und  Karteikarten zu tippen. Ich war 1989 wie so viele frustriert, meine beste Schulfreundin und meine Cousine waren über Ungarn geflohen. Jede Woche hat wieder jemand gefehlt. Die Vorstellung, dass ich nie Rom sehen würde, machte mich wütend. Mich hatten auch mehrere IMs im Visier, weil ich in einer kirchlichen Oppositionsgruppe aktiv war. Als die Mauer fiel, habe ich gejubelt. Ich war plötzlich in einem neuen Land und wollte das mitgestalten! Ich war 27 Jahre alt und das Leben lag vor mir. Ich konnte promovieren und hierfür die Bibliotheken und Museen in West-Berlin aufsuchen, wir konnten mit Kolleginnen und Kollegen im Westen kooperieren – und reisen.

Wie kam die zeitgenössische Kunst in Ihr Leben?

PL: Am Museum habe ich 1989 bei einer Ausstellung zu Carlfriedrich Claus mitgearbeitet. Das war damals eine tolle Begegnung. Natürlich habe ich auch die Alternativkultur der DDR wahrgenommen, Else Gabriel und die Autoperforationsartisten noch Ende der 80er-Jahre in Dresden erlebt. Und ich habe heute noch Plakate von den Ausstellungen bei Eigen + Art in Leipzig. 1992 hatte ich mein Erweckungserlebnis auf der Documenta von Jan Hoet in Kassel. Da habe ich zum ersten Mal Marina Abramović, Bruce Nauman und Dan Graham gesehen. Man muss sich das klar machen: Wir hatten in der Schule und auch im Studium nur Picasso mit "Guernica" und der Friedenstaube, aber eben keinen Beuys. Es hat mich total interessiert und ich wollte den Leuten hier auch die neuen Kunstformen nahebringen. So haben wir nach 1989 mit Institutionen aus dem Westen gemeinsame Projekte realisiert. Wir kooperierten schon 1992 mit dem Frauenmuseum in Bonn und zeigten die Künstlerinnengruppe "zart und zackig", im Gegenzug stellten wir in Bonn Erika Harbort, Marietta Jeschke, Gitte Hähner-Springmühl und weitere Künstlerinnen aus unserer Region vor. Mit dem Kunstmuseum Reutlingen zusammen haben wir 1995 die erste Max-Pechstein-Ausstellung nach der Wende gemacht.

Das Haus trägt heute den Untertitel "Max-Pechstein-Museum". Ist das eine reine Marketingmaßnahme oder eine kunsthistorisch fundierte Setzung?

PL: Das ist kunsthistorisch fundiert! Schon unter Gurlitt war Pechstein wichtig. Hier in Zwickau war 1947 eine der ersten Nachkriegsausstellungen von Pechstein. Es gab kein Benzin, kein Papier und trotzdem hat man einen kleinen Katalog herausgegeben. Die damalige Direktorin Gertrud Rudloff-Hille hatte Max Pechstein eingeladen, er hat die Ehrenbürgerschaft erhalten und man hat ihm einen Kunstpreis gewidmet, der sich explizit an jüngere Künstler richtet. Das war Pechstein sehr wichtig. Durch die Mauer hatten wir keinen Kontakt zu seinem Sohn. Wir haben den nach 1990 sofort aufgenommen. Wir hatten zwei Gemälde und ein bisschen Grafik von Pechstein. Ab 1995 haben wir die ersten Gemälde mit Fördermitteln erworben. Das war eine meiner Hauptaufgaben, diese Gelder zu akquirieren. Inzwischen konnten wir zehn Gemälde, zahlreiche Papierarbeiten und 2013 eine umfangreiche Sammlung an Postkarten und Briefen erwerben.

Frau Stoye, bleibt Pechstein auch unter Ihrer Leitung das Aushängeschild – oder wird der Untertitel irgendwann neu verhandelt?

FS: Der Name Pechstein zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Museumsgeschichte und wird dies auch in Zukunft tun! Unbestritten ist, dass wir die weltweit größte Sammlung zu seinem Werk haben, schon das ist Verpflichtung genug. Außerdem schlägt der Name eine wunderbare Brücke zu unserer zweiten Spezialsammlung, der Mineralogie und Geologie. Das Gestein "Pechstein" wurde schon in der historischen Zwickauer Stadtmauer verbaut, ein fast symbolisches Bild. Für die Zukunft sehe ich die Aufgabe, dass wir diesen starken Namen auf seine Facetten und Kontexte prüfen und gezielt ausspielen.

Sie haben bis Ende 2025 das Naturalienkabinett in Waldenburg geleitet. Was hat Sie dazu bewogen, sich in Zwickau zu bewerben?

FS: Waldenburg war phänomenal! Ich bin die erste in meiner Familie, die studiert hat – ausgerechnet Kunstgeschichte, Evangelische Theologie und Biologie. Diese ungewöhnliche Kombination hat meine Familie durchaus beunruhigt, aber es war die perfekte Wunderkammer-Mischung. Eine Wunderkammer wie die in Waldenburg ist ein Gemischtwarenladen der Kunst- und Kulturgeschichte. Überall sind Brücken zu aktuellen Fragestellungen. Die Kunst hat mich allerdings am stärksten begleitet und das schon sehr früh. Als Kind stand ich mit meiner Schulklasse im ehemaligen Dimitroff-Museum in Leipzig vor einem großen niederländischen Seestück! Diese Farben, diese Dramatik, diese Gefühle! Und dass jemand das mit der Hand macht, hat mich extrem fasziniert. Das Zwickauer Museum kannte ich natürlich, Petra und ich standen in den letzten Jahren regelmäßig in Kontakt. Als klar war, dass sich dieses Haus für eine neue Person öffnet und ich durch Waldenburg schon eingenordet war, niemals zu unterschätzen, was es außerhalb der Metropolen an Kulturschätzen und Juwelen gibt, dachte ich: Ich bewerbe mich! Nicht zuletzt hat mich die Verbindung zu Gurlitt gereizt, denn ich habe mich im Rahmen meiner Dissertation mit Raubkunst nach 1945 beschäftigt. Und ich wollte unbedingt in Sachsen bleiben!

Warum? 

FS: Als ich von 2016 bis 2018 am Bodensee gelebt habe, bin ich ganz massiv mit dem Außenbild von Sachsen konfrontiert worden. Es war die Zeit von Pegida und Legida. Es hat mich sehr getroffen, wie über Sachsen gesprochen wird. Da ist in mir die Überzeugung gereift: Komme was wolle: Ich gehe nach Sachsen zurück! Ich will nicht, dass so über uns gesprochen wird. Auch wenn es hier natürlich Probleme gibt. 

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, das Kerntrio des rechtsterroristischen NSU, lebte jahrelang unerkannt in Zwickau, in einem beschaulichen Viertel am Stadtrand. Wie war das damals, als am 4. November 2011 das Haus in der Frühlingsstraße 26 explodierte, in dem Beate Zschäpe gewohnt hatte?

PL: Wir waren geschockt. Wir haben damals gar nicht gleich reagieren können. Das Haus stand ja nicht weit vom Museum.

FS: Das Thema NSU darf man nicht kleinreden. Die Stadt war ein wichtiger Handlungsort für diesen Wahnsinn. Aber es ist eben kein reines Zwickauer Phänomen und ich bedaure es sehr, dass die Stadt viel zu oft darauf reduziert wird. Wichtig ist hier eine konsequente Erinnerungsarbeit, für die in den letzten Jahren schon viel getan wurde, sowohl durch private Initiativen als auch angeregt durch die Stadt. Auch die Kunst kann dabei eine Rolle spielen: In der Arbeit "Jugendzimmer" von Henrike Naumann, die wir gerade zeigen, ist ein Stück verkohlte Tapete aus dem Haus in der Frühlingsstraße 26 integriert. Ich habe Henrike Naumann vor ihrem plötzlichen Tod im Februar leider nicht mehr persönlich kennengelernt. Ich wollte gern eine große Einzelausstellung mit ihr machen. Ich bin nun im Kontakt mit ihrem Mann, um ihre Position langfristig bei uns am Museum zu verankern.

Frau Lewey, Sie standen im Austausch mit Henrike Naumann …

PL: Ich habe Henrike 2013 kennengelernt, 2015 hat sie hier in Zwickau im Kunstverein Freunde Aktueller Kunst ihre erste Einzelausstellung gehabt und auf das Thema NSU reagiert. Sie hat die Entwicklung in den 90er-Jahren in den Schulen viel mehr mitbekommen. Da war ich schon in meiner Kunstblase unterwegs. Henrikes Arbeit hat mich von Beginn an fasziniert. Sie ein Stück zu begleiten, war für mich eine wichtige Erfahrung, eine echte Bereicherung. Wir haben schon 2015 die erste Arbeit von ihr angekauft, zuletzt im Jahr 2024 die Installation  "DDR Noir (Der Cellist)", mit Mitteln der Hermann-Ilgen-Stiftung.

Zwickau ist die viertgrößte Stadt in Sachsen, gehört aber zu einer eher strukturschwachen Region, Sie machen hier immer auch Museumsarbeit für AfD-Wählende. Im benachbarten Bad Schlema hat ein AfD-naher Kandidat im Juni 2026 nur knapp die OB-Wahl verloren. Wie verändert das den Auftrag eines Kunstmuseums — muss es politisch sein?

FS: Das Museum ist kein Ort für Parteipolitik. Ich halte Brandmauern im Bereich des Museums für höchst problematisch. Unsere Gesellschaft ist aktuell von etlichen Spaltungserscheinungen durchzogen. Die Gräben sind tief und werden immer tiefer. Ich erreiche keine Versöhnung zwischen den Menschen, wenn ich die Gräben weiter betone. In dem Moment, wo ich verbindende Elemente finde, kann ich wieder in den Dialog treten. Wir müssen die Türen öffnen! Das ist anstrengend und herausfordernd, aber nur so schaffe ich es, die Menschen hier mit im Boot zu haben. Mir geht es nicht darum, das Museum zu positionieren, nach dem Motto: Wir stellen uns jetzt gegen rechts! Im Gegenteil, ich möchte den anderen Schwung leisten und produktive und positive Anknüpfungspunkte in den Vordergrund stellen. Wenn wir irgendwann sagen können, dass das Museum gesellschaftsgestaltende Wirkung hat, weil die Menschen hier positive Erfahrungsräume finden, sich selbst wiederfinden und spüren: Wir kommen aus einer viel breiteren Tradition als gedacht – dann haben wir etwas erreicht.

Zumal es gerade in ländlicheren Räumen nicht mehr viele Orte gibt, wo solche Begegnungen noch möglich sind.

FS: Auch das Thema Vereinsamung ist hier präsent: Zwickau hat einen Altersdurchschnitt von 48 Jahren und über 24.000 Single-Haushalte bei einer Stadt mit knapp 87.000 Einwohnern. Es braucht Orte, wo ein Miteinander entstehen kann und dazu gehören Kultureinrichtungen. Das ist für mich ein wichtiger Punkt im Zuge der Neukonzeption. Es geht nicht nur um die Geschichte, die wir hier erzählen, sondern um unsere Rolle und unsere Zugänglichkeit. Hildebrand Gurlitt schrieb 1927: "Das Museum ist für den Menschen da!" Ich kann das nur unterschreiben.

PL: Auch mir hat es immer Freude bereitet, mit den Menschen in den Dialog zu treten. Ich denke nur an den Meese-Skandal 2003. Jonathan Meese war für den Max-Pechstein-Förderpreis vorgeschlagen worden. In der Kuppelhalle inszenierte er sein männliches Machttheater, legte Pornohefte aus Polen aus und beschriftete sie mit den Worten "Macht", "Geld" und "Angst". Die Freiheit der Kunst und der Jugendschutz kollidierten unmittelbar. Die Ausstellung wurde geschlossen und anschließend erst ab 18 Jahren zugänglich gemacht. Den Preis hat er letztlich nicht erhalten. Die besten Diskussionen über Kunst habe ich in dieser Ausstellung geführt. Ich habe den Besuchern gesagt: Sie regen sich über einen Künstler auf, der den Schrecken des Krieges und den Missbrauch von Frauen thematisiert! Und dann habe ich Goya und Hieronymus Bosch herangezogen und gefragt: Ist das nicht auch verstörend? Die Antwort kam prompt: "Aber das ist wenigstens schön gemalt!" Und aus diesem Widerspruch heraus haben wir sehr lebhaft über neue Kunstformen, neue Medien und den Wandel der Kunst gesprochen. Ich hatte damals zum Beispiel  den jüngst verstorbenen Lucius Grisebach und Jean-Christophe Ammann zu einer Kunstdiskussion nach Zwickau eingeladen. Da war richtig was los! Das vermisse ich heute – dass wieder einmal ernsthaft über Kunst gestritten wird.

FS: Im Herbst wollen wir mit der Stadtgesellschaft über eine Arbeit des Porzellanmalers Edgar Klier diskutieren: ein elf Meter langes keramisches Wandbild mit dem Titel "Lebensbaum", das er um 1973 für den Speisesaal des VEB "Aktivist" schuf. Eine ganze Generation ist damit aufgewachsen. Beim Abriss des Gebäudes wurde es demontiert und seitdem in Kisten verwahrt – wie viele DDR-Auftragswerke ist es aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden, und selbst zu seiner Entstehung und Ikonografie wissen wir bislang kaum etwas. Mit der Neukonzeption des Museums wollen wir es aktivieren: gemeinsam mit den Zwickauern dieses Stück Bildkultur zurückholen und es hoffentlich teilweise wieder zeigen.

Frau Stoye, Sie leiten das Haus nun seit Januar 2026. Wie haben Sie sich der Aufgabe genähert?

FS: Es gibt nicht Gefährlicheres als zu sagen: Ich komme von außen und weiß alles besser. Man schaut sich die Institutionsgeschichte an, man liest viel. Soweit die Theorie. Aber das Eindrücklichste waren bisher die Menschen, die mir ungefragt von ihrer Verbindung zum Haus erzählt haben – was sie vermissen, was sie bewegt. Eine Frau schenkte mir kürzlich mitten auf der Straße ein Buch zum Werk des Bauhäuslers Albert Hennig, ein Mann schwärmte vom Lebenswerk des Zwickauer Malers Hartwig Ebersbach, von dem er künftig mehr sehen möchte und ein anderer teilte mir offen mit, dass er sich für die mineralogische Sammlung endlich eine gebührende Sichtbarkeit wünscht. Zu Recht, denn wir bewahren in der Tat die "Bodenschatzkammer" Westsachsen bei uns. Mit so viel Verbundenheit zur Sammlung hatte ich nicht gerechnet. Diese Nähe zu Menschen hat meine Arbeit schon in Waldenburg sehr geprägt und wird es hier wieder tun.

Derzeit ist das Museum sanierungsbedingt geschlossen. Wann rechnen Sie mit der Eröffnung?

FS: Ich bin eine gnadenlose Optimistin: Die Eröffnung ist für 2028 geplant, Ende 2027 sollen die Baumaßnahmen abgeschlossen sein. Wir befinden uns noch in der Fördermittelakquise. Der sächsische Ministerpräsident hat das Gebäude kürzlich besichtigt. Wir möchten die Chance der Sanierung effektiv nutzen, so dass die  Menschen gleich im Anschluss die Möglichkeit haben, die Sammlung neu zu entdecken und Teil von ihr zu werden. 

Was haben Sie konkret vor?

FS: Wir werden Kunst nicht im klassischen Sinne kunsthistorisch erzählen. Ich halte einen stärkeren kulturgeschichtlichen Zugriff für den richtigen Ansatz für unser Museum. Das 20. Jahrhundert mit all seinen Veränderungen, Zäsuren, Brüchen und Potentialen hat das Haus und seine Sammlung auf besondere Weise geprägt und sich in der Kunst niedergeschlagen – nicht nur im bildenden Bereich, sondern auch in der angewandten Kunst, die ebenso Teil der Ausstellung werden soll. Bestimmte Themen müssen prominenter positioniert werden, etwa dass Zwickau mit den Künstlern Max Pechstein und Fritz Bleyl eine bedeutende Wiege des Expressionismus war. Hierfür stehen wir in engem Kontakt mit den Kunstsammlungen Chemnitz und dem Schmidt-Rottluff-Haus sowie den Pechstein-Nachfahren und arbeiten gemeinsam an einem Expressionismus-Pfad. Auch Marketing spielt dabei eine zentrale Rolle. Wir wollen stärker mit den Nachbarstädten zusammenarbeiten – mit Halle, Chemnitz, Leipzig, Dresden, auch mit Blick auf den Tourismus. Zwickau soll ein Leuchtturm der Region werden. Und wir müssen diese Übertragungsleistung auf die mineralogischen und geologischen Schätze der Region ausdehnen und die Bergbaugeschichte nicht als volkstümelnde Episoden abtun – das war von der Gotik bis in die DDR ein relevanter Nährboden, aus dem heraus künstlerische Positionen entstanden sind. An diesem sparten- und zeitübergreifenden Gedanken muss künftig das Sonderausstellungsprogramm ausgerichtet werden. Und was aktuelle künstlerische Positionen betrifft: Ich wünsche mir sehr, dass die Kunstsammlungen Zwickau bald wieder ein Austragungsort für die Präsentation der jährlichen Ankäufe der Kulturstiftung Sachsen werden.