Peyman Rahimi über den Iran-Krieg

"Es ist naiv zu glauben, dass Bomben Freiheit bringen"

Porträtfoto einer Person im Freien, mit Mütze und Sonnenbrille, rauchend, Handtattoo, beiger Jacke.
Foto: Courtesy the artist

Der Künstler Peyman Rahimi

Der Künstler Peyman Rahimi hat den Iran-Irak-Krieg als Kind erlebt und später Militärdienst leisten müssen, um den Iran verlassen zu können. Hier spricht er über diese Erfahrungen und erklärt, weshalb militärische Interventionen keine Lösung sind

Herr Rahimi, Sie wollen nicht mehr schweigen. Wieso brechen Sie die Stille jetzt?

Weil ich merke, dass ich nicht mehr ausweichen kann. Ich habe sehr lange versucht, den Iran in mir zu löschen. Aber das funktioniert nicht. Heimat bleibt. Und gerade jetzt kommt alles zurück – die Bilder, die Erinnerungen. Schweigen stärkt das Regime. Wer schweigt, macht mit.

Reagieren Sie gerade als Künstler oder als jemand, der Krieg erlebt hat?

Das ist nicht zu trennen. Meine Kunst kommt aus diesen Erfahrungen. Krieg bleibt im Körper. Es ist nicht nur Erinnerung. Und deshalb reagiert man anders auf das, was gerade passiert.

Viele Exil-Iraner reagieren auf Angriffe mit Hoffnung oder Jubel. Sie nicht. Weshalb? 

Weil ich weiß, was Krieg bedeutet. Wenn man das einmal erlebt hat, jubelt man nicht mehr. Natürlich wünsche ich mir, dass dieses Regime verschwindet. Aber zu glauben, dass Bomben Freiheit bringen, ist naiv. Krieg erzeugt neues Leid. Neue Traumata.

Kann man gegen das Regime sein und gleichzeitig gegen militärische Angriffe?

Ja. Ich bin absolut gegen dieses Regime. Aber ich bin auch gegen diese Form von Krieg. Was mich wütend macht: Es hätte andere Wege gegeben. Diese Menschen sind seit Jahrzehnten bekannt. Warum wurde nicht früher gehandelt

Wie sehen Sie die Rolle westlicher Mächte?

Ich glaube nicht an einfache Befreiungsgeschichten. Am Ende geht es immer auch um Interessen. Und den Preis zahlen die Menschen vor Ort.

Sie könnten sich gut eine Frau an der Spitze des Iran vorstellen. Warum?

Weil die Frauen dort seit Jahrzehnten kämpfen. Sie gehen auf die Straße, obwohl sie wissen, dass sie erschossen werden können. Und sie wurden erschossen. Die Machthaber wissen, welche Kraft von ihnen ausgeht. Frauen werden oft direkt getötet. Männer werden verhaftet, gefoltert, vergewaltigt – das zerstört sie auf eine andere Weise. Und trotzdem kämpfen die Frauen weiter. Deshalb glaube ich: Wenn sich etwas verändert, dann durch sie.

Hat das mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun?

Ja. Ich bin mit meiner Mutter und meiner Großmutter aufgewachsen. Meine Mutter hat mich gegen viele Widerstände unterstützt. Ohne sie wäre ich kein Künstler geworden. Diese Stärke prägt. 

Sie sind zum Militär gegangen, um ausreisen zu können. Das war ein hoher Preis.

Ja. Das war die einzige Möglichkeit, einen Pass zu bekommen. Aber das Militär war brutal. Gewalt, Missbrauch, Dinge, die im Körper bleiben. Vielleicht ist das auch ein Teil von dem, was später in meiner Arbeit wieder auftaucht.

Sehen Sie sich als politischen Künstler?

Ich mache keine Kunst, um politische Botschaften zu formulieren. Aber ich kann nicht so tun, als gäbe es diese Realität nicht. Wenn ich ehrlich arbeite, ist das automatisch Teil davon.

In Ihren Bildern tauchen immer wieder Kindergesichter auf. Verstehen Sie heute, woher sie kommen?

Ja. Lange wusste ich das nicht. Das sind Erinnerungen. Krieg, Ruinen, Friedhöfe mit Bildern von Kindersoldaten. Diese Bilder haben sich eingebrannt. Ich male sie nicht bewusst. Sie sind einfach da.

Sie zeigen Gewalt nie direkt – und sie ist trotzdem spürbar.

Weil sie nicht gezeigt werden muss. Sie ist im Raum, in den Materialien, im Licht. Man spürt sie.

Sie erschaffen Räume aus Materialien wie Draht, Metall, Licht, oft haben sie etwas Provisorisches. Woher kommt diese Ästhetik?

Ich habe zwar eine Vorstellung, aber die hält nie lange. Ich schaue mir den Ort an, gehe wieder raus, denke nach – und wenn ich zurückkomme, verändert sich alles. Am Ende entsteht die Arbeit im Prozess. Nicht aus einem festen Plan, sondern aus dem, was der Raum zurückgibt. Das Material kommt aus meiner Erfahrung: Sandsäcke, Draht, diese Materialien – das sind Dinge, die ich aus dem Krieg kenne. Schutz und Bedrohung liegen da sehr nah beieinander. Mich interessiert, was ein Raum mit einem Körper macht. Dass man ihn spürt. Es sind Erinnerungsräume. Die Räume finden mich. Im Iran fand vieles, Gutes wie Furchtbares, in geschlossenen Räumen statt, Draußen war keine Freiheit. Diese Erfahrung trage ich in mir. Und ich baue sie wieder.

Sie sind nach Collenberg in die fränkische Landschaft gezogen, warum?

Weil mich solche Orte anziehen. Auch wenn sie schwer sind. Als ich hierherkam, wusste ich nichts über die Geschichte. Ich hatte eine Ahnung. Da war etwas Dunkles, aber auch etwas Vertrautes. Hier war früher ein Kinderheim, und die Hitlerjugend. Und plötzlich ergibt vieles Sinn. Diese Kinder, die in meinen Arbeiten auftauchen – und dieser Ort. Das ist nichts, was ich plane. Dinge verbinden sich. Es fühlt sich nicht wie Zufall an.

Was ist dieser Ort für Sie heute?

Kein Zuhause. Aber ein Ort, an dem ich mich sicher fühle, den ich teilen möchte – mit Menschen und Freunden, die wirklich an Kunst interessiert sind.

Würden Sie in den Iran zurückkehren?

Ich glaube, ich habe keine klare Heimat mehr. Der Iran, den ich vermisse, existiert so nicht mehr. Und hier bin ich auch nicht ganz zu Hause. Dieses Dazwischen bleibt.

Was vermissen Sie?

Diesen Moment am Freitagmittag. Wenn die Mütter kochen und aus jedem Haus ein anderer Duft kommt. Diese Ruhe. Diese Stimmung. Das bleibt.