Morgens Punkt neun in Frankfurt: Noch sind die Gänge der Kleinmarkthalle luftig leer. Schon bald werden die Casual-Business-Lunch-Schlemmer, Biomarktgemüsekäufer, Gastro-Hype-Tiktoker und Zwischenlandungs-Schweinshaxenesser die Markthalle füllen. 1954 auf dem Areal der zehn Jahre zuvor durch die Royal Air Force zerstörten Fachwerkaltstadt errichtet, verströmt die luftige Kleinmarkthalle den unprätentiösen Charme der westdeutschen Wiederaufbaujahre.
Bevor der Trubel anbricht, grüßen sich die Gastronomen und Händler, die ihre Stände schon eröffnet haben: Man kennt sich. Mit suchendem Blick durchmessen wir derweil die labyrinthisch anmutenden Markthallengänge: Ein Obst- und Gemüsestand soll die Ausstellung "Fruits of the Market" des Galeristen Philipp Pflug beherbergen – nur welcher? So versuchen wir, mehrere Obst- und Gemüsehändler passierend, zeitgenössische Kunst zu erspähen.
"Esst Friesers Obst und Gemüs’ – ist gut für’s Hirn u. für die Füß!": Das in drolliger Frankfurter Mundart formulierte, in einer beiläufig wirkenden Kritzeltypografie gesetzte und mit einer betont unscharfen, grell ausgeleuchteten Food-Fotografie bebilderte Schild am Stand 118–119 ist so schreiend cringe, dass es Kunst sein muss. Ganz falsch liegen wir tatsächlich nicht, denn dort treffen wir Philipp Pflug an, der, an seiner grünen Schürze als Standinhaber erkennbar, die ersten früh angerückten Kunden berät.
"Fruits of the Market", Frankfurter Kleinmarkthalle, Ausstellungsansicht, 2026
Vor über einem Jahr hat Pflug seine Räume an der Berliner Straße, einer nahe gelegenen Nachkriegsverkehrsschneise, aufgegeben. Mit Ausstellungen an wechselnden Orten jenseits der althergebrachten White-Cube-Zusammenhänge versucht er seitdem, ein neues Galeriekonzept zu etablieren. "Ich suche mir spannende, interessante Orte, mit denen man arbeiten kann", sagt Pflug. So zeigte er zuletzt Ausstellungen in einer leerstehenden Villa am Main, einem privaten Garten im Taunus, einem Berliner Designmöbelladen und in seiner Wohnung auf dem Römerberg, dem Frankfurter Rathausplatz.
Die Kleinmarkthalle passe ganz wunderbar in das Konzept, betont Pflug, der bald darauf einer erschrockenen "Friesers"-Kundin erklären muss, dass der Obst- und Gemüsestand lediglich eine einwöchige Urlaubspause einlegt und vorübergehend mit Kunst bespielt wird. "The End is Near": Ob Marcel Walldorfs in zwei von Keramikraupen belagerte Äpfel geritzte Botschaft das nahende Ende der Sommerferien oder eine andere Katastrophe ankündigt, bleibt offen.
Walldorf verrät uns, dass sämtliche Werkbeschilderungen der über 20 Positionen umfassenden Ausstellung von der Standbesitzerin selbst geschrieben wurden. "Touch it, buy it! :)", lautet eines dieser Schilder. Doch so saftig und lecker etwa E. M. C. Collards großformatige, malerische Erdbeerennahaufnahme "aggregate/accessory" daherkommt, trauen wir uns nicht, ihre glänzende Oberfläche zu betasten.
Mit Kunst den Vitamin-C-Bedarf decken
Neben Arbeiten lokaler Künstler wie Marcel Walldorf und E. M. C. Collard sowie Kommissionsware anderer Galerien zeigt Pflug auch Positionen aus seinem eigenen Programm. Beispielhaft nennt er Jagoda Bednarsky, Felix Kultau und Sebastian Stöhrer. Obst und Gemüse bildet die thematisch-motivische Klammer einer Künstlerliste, die auch bekanntere Namen wie Thomas Bayrle, Jiří Georg Dokoupil oder Alicja Kwade umfasst. Derweil erblicken wir ein weiteres Schild mit der mahnenden Aufschrift "Nicht drücken". Fast scheint es mit Bettina von Arnims dystopischer Radierung aus dem Jahr 1977 zu korrespondieren, die eine einschüchternd-technoide Obstzüchtungslandschaft entwirft: Taktiler Fruchtkontakt erscheint da ultimativ unerwünscht.
Sich in der Kleinmarkthalle auf die Kunst zu konzentrieren, kann zur Herausforderung werden. Bei Philipp Pflug liegt Kunst in der Auslage, sie steht auf Waagen und hängt am Standaufbau. Knalliges setzt sich durch, kleinere Formate gehen schnell unter. Irgendwann blicken wir gebannt auf das riesige "Frankfurt Panorama" von Douglas Cooper: Der US-Künstler und Architekturprofessor hat die 1996 in Gemeinschaftsarbeit entstandene großformatige Stadtzeichnung von Frankfurt der Kleinmarkthalle geschenkt. Das Werk changiert zwischen topografischer Stadtdarstellung und erlebter sowie erinnerter Geschichte. Vergilbte Zeitungsausschnitte erinnern noch an seine Einweihung vor 30 Jahren.
Kurz vor zehn schlagen draußen die Kirchenglocken, in der Markthalle wird es allmählich trubeliger. Bevor wir weiterziehen, erfahren wir noch, dass das große "Obst und Gemüs’"-Standschild keine Kunst ist. Seltsam, ist doch Kunstgenuss nicht minder gut "für’s Hirn u. für die Füß".