In Berlin gibt es seit 2021 ein Bordell, in dem man ausschließlich Sex mit lebensechten Silikonpuppen haben kann. "Cybrothel" nennt sich dieser Ort, der vom österreichischen Filmemacher Philipp Fussenegger gegründet wurde. Ursprünglich als Kunstprojekt inszeniert, läuft der Betrieb heute wie ein reguläres Bordell. Ein Ort, der sowohl neugierig macht als auch beunruhigt. Und der zu viele Fragen aufwirft, als dass die journalistische Wissbegier ihn unbeachtet lassen könnte.
Und so steht man an einem Donnerstag im Juli im zweiten Stock eines Altbaus in Berlin-Friedrichshain. Im Treppenhaus ist es schwül und stickig, die Klamotten kleben am Körper. Beinahe unschuldig wirkt die kahle, weiße Wohnungstür, die nicht preisgibt, was sich hinter ihr befindet. Ein Bordellbetrieb, hier? Verunsichert gleicht man erneut die Adresse ab. Doch, genau hier muss es sein. In der Wohnung hört man es jetzt auch rascheln. Also nochmal tief Luft holen und Gedanken sortieren - bevor es raus aus der Komfortzone und rein in den Puppenfetisch geht.
Philipp Fussenegger ist gerade allein vor Ort. Er muss die benutzten Puppen der letzten Nacht reinigen und desinfizieren, bevor dann gegen 22 Uhr die nächsten Gäste kommen. Ganz in Schwarz ist er gekleidet. Die blonden Locken fallen ihm über die linke Schulter, während er rechts einen markanten Undercut trägt. Ein Hauch von futuristischem Glamour umweht ihn, in seiner Gestik schwingen immer wieder auch theatrale Nuancen mit. Man merkt, dass er vom Film kommt. Er wirkt freundlich, wenn auch ein wenig nervös, und führt in die Räumlichkeiten des Bordells.
Philipp Fussenegger, Sie haben Ihr Berliner Puppenbordell ursprünglich als Kunstprojekt gestartet. Um direkt zum Punkt zu kommen: Wo steckt da der Kunstgehalt?
Ich habe das Projekt während Corona aufgezogen, als ich auf der Suche nach etwas war, das ohne Mensch-zu-Mensch-Kontakt funktioniert. Die Ursprungsidee war, eine immersive Ausstellung zu machen, in der man mit dem Kunstwerk interagieren und sogar Sex haben kann. Ein Kunstwerk wird immer erst durch den Betrachter vollendet, das habe ich durch meine Arbeit bei der britischen Design- und Digitalagentur Onedotzero gelernt. Und das wollte ich mit diesem Projekt auf ein neues Level bringen. Zentral war dabei auch die Frage, was ein Gast so einer Sexpuppe alles erzählt und anvertraut. Die hat ja keine Mimik und schaut dich völlig wertfrei an – und ist damit eigentlich die perfekte Therapeutin.
Wie sah die Umsetzung dieses Konzepts konkret aus?
Ich habe eine weibliche Sexpuppe besorgt und ein Zimmer in meiner eigenen Wohnung komplett umgebaut. Die Puppe hieß Kokeshi – ein intergalaktisches Wesen, das auf die Erde kommt und versucht herauszufinden, wie die Menschen leben und lieben. Das war ihre Geschichte. Es wurde dann eine Website erstellt, auf der man mit der Puppe via Chatbot Kontakt aufnehmen konnte. Diese Website wurde auf unterschiedlichen Porno- und Sexarbeits-Seiten gestreut. Interessierte konnten sich dann einen Zeit-Slot für eine halbe oder ganze Stunde mit der Puppe buchen. Entgeltlich. Damals gab es allerdings nur einen Kunden pro Woche.
Sie sprechen von einer "immersiven Ausstellung". Mit Ausstellungen assoziiere ich ein Publikum. Das gab es in diesem Fall aber nicht, oder?
Nicht im klassischen Sinne, nein. Das war vielmehr ein "One on One"-Theater. Aber es gab eine sogenannte "Voice Queen", die in meinem begehbaren Kleiderschrank saß und per Video alles genau beobachtet hat. Eine Stimmschauspielerin, die in die Rolle der Puppe geschlüpft ist und sie live eingesprochen hat. Auch ich saß oftmals dabei und habe mir die Interaktion angeschaut. Die Gäste wussten natürlich im Vorhinein, dass sie die ganze Zeit beobachtet werden. Viele haben übrigens tatsächlich in erster Linie mit der Puppe gesprochen, haben Nähe gesucht, nicht nur körperliche.
Gab es für das Konzept, aber auch die ästhetische Ausrichtung Ihres Projekts Vorbilder - filmische, literarische oder künstlerische?
Das Science-Fiction-Drama "Her" von Spike Jonze war die Steilvorlage, ganz klar. Ansonsten habe ich mich auch von Chris Cunninghams Ästhetik und dem Film "Under the skin" mit Scarlett Johansson inspirieren lassen.
Weil die Anfragen rasant zunahmen, machte sich Philipp Fussenegger nur wenige Monate nach dem Start des Projekts auf die Suche nach neuen Räumlichkeiten, um zu expandieren und das temporäre Kunst(s)experiment in ein Start-up zu transformieren. Fündig wurde er in Berlin-Friedrichshain, wo sich das Bordell auch vier Jahre später noch befindet und heute von einem interdisziplinären Team getragen wird, das neben Fussenegger ausschließlich aus Frauen und non-binären Menschen besteht.
Derzeit gibt es zwei buchbare Räume mit eigenem Badezimmer und einer Küchenzeile, bald soll ein dritter eröffnet werden. In den weitläufigen Zimmern steht mittig je ein großes Bett. Ansonsten ist die Ausstaffierung sehr clean gehalten. Ohne das atmosphärische Neonlicht und die Wandprojektionen, die die Gäste nachts empfangen, wirken die Räume beinahe trostlos – wie sehr sterile Hotelzimmer. Verloren steht in einer Ecke ein gynäkologischer Stuhl, der in seiner mechanischen Anmutung eher wie ein Folterinstrument wirkt.
"Vorsicht, nicht anfassen!", warnt Fussenegger und deutet auf die beiden Puppen, die rücklings nackt in einem der Betten liegen. Eine männliche Figur mit erigiertem Glied und eine weibliche, in deren Schambereich weißlich-glänzende Verkrustungen kleben. Er müsse sie erst noch waschen. Letzte Nacht war hier ein heterosexuelles Paar, erzählt er, auch Paare würden gern herkommen.
Dann führt er hinter die Kulissen des Bordells, wo sich der Kostümfundus, die Waschstraße und die Puppen selbst befinden. Sie baumeln nackt und kopflos an Karabinerhaken von der Decke. Wie Tierkadaver im Schlachthaus. Weibliche Körper mit riesigen Brüsten und Hintern, dafür umso schmaleren Wespentaillen. Der Anblick verstört – auf unterschiedlichen Ebenen. Und man muss augenblicklich an eine Vielzahl realer nackter Frauenkörper denken, die man erst kürzlich gesehen hat – auf der Bühne von Florentina Holzinger. Vielfältige Körper, die gezeichnet sind von Lust, Alter, Schmerz, Ekstase, Erregung, Trauma und Verletzung. Frauenkörper, die widerständig sind und im direkten Vergleich mit den normierten Silikonleichen wie eine Kampfansage wirken.
Sie haben das "Cybrothel" ursprünglich als Kunstprojekt aufgezogen. Blickt man auf die Kunstgeschichte, dann finden sich auch dort Beispiele von nackten, weiblichen Puppen – geschaffen für den begehrenden, männlichen Blick. Ich muss an Kokoschkas Puppe nach dem Vorbild seiner verlorenen Geliebten Alma Mahler denken oder an eine Installation von Marcel Duchamp, bei der man durch ein Guckloch den Körper einer Frau mit gespreizten Beinen und entblößter Scham erblicken konnte. Eine Parallele zu Ihrem Bordell, das von Beginn an dezidiert auf das männliche Verlangen zugeschnitten zu sein schien. Denn bis auf zwei Puppen sind auch heute noch alle weiblich und entsprechen mit ihren Proportionen einem stereotypen, pornografischen Bild von Frauen. Warum nicht mehr Diversität und Realismus?
Das ist ein valider Kritikpunkt. Ich würde mir auch wünschen, dass das anders ist. Diese Puppen werden von weißen Männern in China produziert, deren Vorstellung von Frauenkörpern den Puppenkörpern entspricht. Wir sind letztlich auch nur ein Spiegelbild der patriarchalen Gesellschaft und können das nicht von heute auf morgen ändern. Außerdem müssen wir auch wirtschaftlich arbeiten und haben leider noch nicht die finanziellen Möglichkeiten, eigene Sexpuppen zu entwickeln. Aber das würden wir in Zukunft gern. Auch viele Kunden fragen immer wieder nach anderen, unperfekteren Körperformen.
Was heißt "unperfekt"?
Realistischere Formen, nicht 90-60-90. So sehen ja keine normalen Frauen aus.
Die Puppen können nicht für sich sprechen und eigene Entscheidungen treffen. Und so haben Ihre Gäste wie Ovids Pygmalion bei seiner Galatea auch freie Hand bei den Gestaltungsmöglichkeiten. Aus welchen Komponenten können sich die Freier ihre Puppen zusammenbasteln?
Augen, Köpfe, Perücken, Klamotten, Schuhe, Genitalien. Alles Mögliche!
Man kann sich die Puppe auch mit künstlichem Urin oder Sperma überschüttet bestellen. Auf der einen Seite scheinen Sie die Objektifizierung dieser weiblichen Puppenkörper als schlichtes Sextoy forcieren zu wollen – auf der anderen Seite geht es, unter anderem auch durch den Einsatz menschlicher Stimmen, um möglichst viel Lebendigkeit. Ist das nicht ein Paradox?
Die Objektifizierung ist ein großes Thema, für das wir viel Kritik bekommen. Ich verstehe auch das Problem. Aber ich sehe die Puppen eben als große Masturbations-Toys.
Feministinnen haben Angst, dass Sie hier einen gewaltverherrlichenden Raum etablieren, in dem sich Männer brutal an Frauenkörpern vergreifen können.
Ich weiß. Aber bei uns gibt es klare juristische und ethische Regeln. Das "Cybrothel" ist kein rechtsfreier Raum, keine Puppe darf beschädigt werden. Und wenn die "Voice Queens" dazu gebucht werden – das ist inzwischen optional - dann werden am Anfang der Sessions auch klare Benimmregeln formuliert. Es ist in vier Jahren auch bisher nur einmal passiert, dass eine Puppe wirklich Schaden genommen hat. Ich muss da auch meine Männer in Schutz nehmen. Die allermeisten kommen nicht mit Gewaltfantasien her, die decken beim Gehen die Puppen wieder liebevoll zu. Männer können auch abstrahieren. Und trotzdem ist für mich klar, dass ich das Bordell wieder schließen werde, wenn ich merke, dass es keinen positiven gesellschaftlichen Beitrag mehr leistet.
Wir hatten es eben schon von Kokoschka, der 1919 versuchte, seine verlorene Liebe klonen zu lassen. Das klappte damals nur mittelmäßig. Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten – und nachweislich Menschen, primär Männer, die in Beziehungen mit lebensechten Frauenpuppen sind. Wie bewerten Sie diese Affinität zum Künstlichen, Regungslosen – sind das Versuche von Eskapismus?
Vielleicht. Ich habe immer wieder mit Gästen gesprochen, um herauszufinden, warum sie hierherkommen und die Nähe zu den Puppen suchen. Für die meisten ist das eine Art Urlaub, ein Ort, wo sie dem Alltag entfliehen können. Hier können sie ganz im Einklang mit ihrer eigenen Sexualität sein, ohne Leistungsdruck. Und ich glaube schon, dass diese Beziehung der Menschen zum Maschinellen stärker werden wird. Gerade auch in Zeiten von ChatGPT, wo die allermeisten eine individuelle Verbindung zu ihrer KI haben.
"Eine Art Urlaub" hat man noch im Ohr, als ganz frisch eine neue Anfrage hereinkommt. Ein Mann möchte eines der Zimmer für eine ganze Nacht buchen. Eine sogenannte "Night Session" mit gleich zwei Puppen für 15 Stunden. Dazu allerlei Sextoys, die zusätzlich bezahlt werden müssen. Gesamtkosten: 455 Euro.
In einem Text, der einer Regieanweisung gleicht, beschreibt er in akribischer Genauigkeit, in welcher Position und Kostümierung er die Puppen vorfinden möchte: Die eine soll sich liegend unter der Bettdecke befinden, die andere auf der Bettkante sitzend aus dem Fenster schauen. Mit roter Perücke und kurzem Röckchen. Bevor er die Puppen später drapiere, müsse er sich die Nachricht noch einmal gründlich durchlesen, sagt Fussenegger und lacht. Er scheint sich sichtlich über den gestalterischen Furor seines Kunden zu freuen.
Sie bieten nicht nur gängige Sexpuppen an, sondern auch welche in Gestalt einer Meerjungfrau oder einer Sci-Fi-Androidin mit Tentakeln. Ich musste da an die sexuelle Beziehung zwischen der stummen Reinigungskraft Elisa und ihrem amphibischen Freund in dem Film "The Shape of Water" von Guillermo del Toro denken. Auch in der populären Netflix-Serie "Sex Education" wird Lust zwischen Mensch und Alien thematisiert. Sex mit Fantasy-Figuren – ist das ein zunehmender Fetisch?
Ja, total. Ich bin selbst auch ein großer Fan von Sex mit Aliens. Ich möchte das auch noch weiter forcieren mit den Fantasy-Figuren. Vielleicht gibt es bei uns auch mal einen Zentauren. Oder ganz weg von Menschen: Sex mit Objekten wie einer Pyramide. Ich bin da offen.
Sie experimentieren in Ihrem "Cybrothel" viel mit modernster Technologie. Was gehört alles dazu?
Bei uns bekommt man ein immersives, also ganzheitliches Erlebnis. Da spielt die Technologie eine wichtige Rolle. So gehört zu den Zimmern immer auch ein Heimkino, das genutzt werden kann. Man kann sich außerdem auch ein VR-Erlebnis dazubuchen, das die Puppe zum Leben erweckt und den realen mit dem digitalen Raum verschwimmen lässt. Geplant ist zudem, dass die "Voice Queens" irgendwann durch eine KI ersetzt werden, da arbeiten wir gerade noch dran. Und ich kann mir gut vorstellen, dass wir in gar nicht allzu weiter Zukunft auch Roboter-Puppen haben werden, die sich eigenständig bewegen können.
Diese Abwendung vom Menschlichen – macht Sie das nicht traurig?
Nein, eigentlich nicht. Ich sehe im Digitalen und Virtuellen viele Chancen.
Sie sind jetzt eine Art Bordellbetreiber – auch wenn das "Cybrothel" keine Bordell-Lizenz braucht und offiziell eine Event-Location ist. Ursprünglich kannte man Sie als Filmemacher. Wobei Sie natürlich auch vor dem Projekt schon in der sexpositiven Berliner Szene unterwegs waren und gerade eine Dokumentation über den Techno-Club KitKat drehen. Haben Sie Angst, dass Sie dieses Sex-Label durch das Puppenbordell nun gar nicht mehr loswerden? Oder haben Sie das sogar ganz gern?
Ich glaube, als Künstler braucht man immer eine Spezialisierung. Und mit dem Puppenbordell bist du auf jeden Fall Gesprächsthema Nummer eins an jedem Tisch. Dass dieses Thema polarisiert, ist dabei gar nicht schlimm – das ist letztlich das beste Feedback, das ich als Künstler bekommen kann.
Der Abendhimmel über Berlin färbt sich, Menschen treffen sich in Bars und Restaurants, lassen den Feierabend mit Aperol Spritz ausklingen. Und während man nach dem Besuch des "Cybrothels" durch die Straßen streift, fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre man gerade durch eine Membran von einem Paralleluniversum wieder zurück in die Realität getreten.
Surreal das Ganze. Und grotesk. Im Kopf wird man noch eine Weile in dieser beklemmenden Welt festhängen.