Designer Philippe Starck

"Wir müssen ehrliche Objekte und Orte schaffen"

Philippe Starck hat von der Zahnbürste bis zum Weltraummodul schon alles entworfen. Mit der Maison Heler in Metz erfindet er nun das Hotel als literarisches Format. Ein Gespräch über die Vermeidung von Trends und demokratisches Design

 

Philippe Starck, Sie haben im Laufe Ihrer Karriere so ziemlich alles entworfen und gestaltet, was man sich vorstellen kann. Neben Zahnbürsten und Zitronenpressen gehören inzwischen auch mehrere Hotels weltweit zu Ihrem Portfolio. In diesem Jahr ist ein weiteres dazugekommen: das Hotel Maison Heler in Metz. Was hat es mit diesem außergewöhnlichen Design auf sich?

Von außen erscheint die Maison Heler wie eine monolithisch anmutende Struktur, die von einem traditionellen lothringischen Haus aus dem 19. Jahrhundert gekrönt wird. Als wäre es behutsam daraufgesetzt worden. Dabei ist das Gebäude wie ein lebendiges Kunstwerk konzipiert worden, das in einen Dialog mit seinem ikonischen Nachbarn tritt: dem Centre Pompidou Metz. Und es ist der Auftakt zur fiktiven Lebensgeschichte von Manfred Heler.

Wer ist Manfred Heler?

Ich schaffe neue Orte, um neue Erlebnisse zu ermöglichen. Jedes meiner Projekte entfaltet ein Szenario wie ein Film oder ein Buch: Ich stelle mir eine Kulisse, eine Erzählung, eine einzigartige Atmosphäre vor. Ich fühle mich zu Wärme, zu menschlicher Präsenz hingezogen, zu Räumen, in denen man sich wohlfühlt und die zum Träumen einladen. Manfred Heler ist der Protagonist des Romans "The Meticulous Life of Manfred Heler", den ich bei Allary Éditions veröffentlicht habe.

Worum geht es da?

Ich war schon immer fasziniert von dem Autor Raymond Roussel, der seine "Impressions d’Afrique" schrieb, ohne jemals einen Fuß auf diesen Kontinent gesetzt zu haben. In derselben poetischen und surrealistischen Weise erzählt die Geschichte, die ich mir für die Maison Heler ausgedacht habe, von Manfreds Leben, seinen Erfindungen, Träumen und fantasievollen Reisen.

Und wie muss man sich das Leben von Herrn Heler vorstellen?

Manfred erbt das traditionelle Haus seiner Eltern. Allein zurückgelassen in diesem riesigen, von einem Park umgebenen Anwesen, scheint sein Leben friedlich zu sein, bis Langeweile einsetzt. Um die Leere zu füllen, stürzt er sich mit ganzer Energie in das Erfinden. Stets akribisch und unglaublich kreativ, mit Poesie, Intelligenz und einem Hauch kindlicher Neugier. An einem Frühlingstag, als er in seinem Sessel sitzt und tagträumt, beginnt der Boden zu beben. Verwirrt schaut er sich um und stellt zu seinem Erstaunen fest, dass er in den Himmel aufsteigt. Sein Haus, sein Park, sein Sessel: Alles wird angehoben, als wäre es aus der Erde herausgeschnitten und in Bewegung gesetzt worden. Das Beben hört auf. Es folgt Stille. Manfred befindet sich nun hoch über der Stadt, schwebt in der Luft, seine Welt ist buchstäblich emporgehoben worden.

Als Kind hätte ich diese Geschichte bestimmt direkt mit Playmobil nachgespielt und mich ganz darin verloren. Inwieweit ist Ihr fantastisches Universum im Interieur erlebbar?

Im Inneren ist jeder Raum wie ein Kuriositätenkabinett voller Geheimnisse, Emotionen und Bewegung. Im gesamten Hotel erinnern Repliken der pataphysischen Erfindungen von Jacques Carelman - wie der Kristallhammer, die Gipsambosse, die doppelendigen Äxte und die umgekehrten Schaukelstühle - an Manfreds Verrücktheit und Erfindungsreichtum. Und im neunten Stock erhellen die 19 Glasmalereien von Ara Starck den Raum mit traumhafter Energie und fangen die wandelbare Natur unseres menschlichen Unterbewusstseins ein. Eine Sammlung anregender Erfindungen und Kunstwerke, in denen Manfreds poetisches und surreales Universum widerhallt.

Sie haben gerade schon den neunten Stock erwähnt, in dem sich eines von zwei Restaurants mit den von Ihrer Tochter gestalteten Glasfenstern befindet. Zieht sich Manfreds Geschichte auch durch das Menü?

Wenn ich mir einen Ort vorstelle, denke ich an alles. In der Maison Heler spiegeln alle Aspekte, insbesondere die Küche, denselben Geist wider: elegant, poetisch und authentisch. Sie basiert auf traditionellen regionalen Rezepten, wird jedoch durch Manfreds Reise-Erinnerungen bereichert. Beispiele hierfür sind die Rote-Bete-Suppe vom Bauernhof Domangeville, Seeteufel mit Kokos-Curry-Creme und der Éclair XL mit piemontesischer Haselnusscreme.

Sprechen wir ein wenig über Ihre Design-Philosophie. Einer Ihrer Leitsätze lautet, dass ein Objekt erst nützlich sein muss, bevor es schön sein kann. In der Maison Heler sind die Innenräume voller verspielter Kontraste, Farben und Texturen, während die Fassade grau und streng ist. Sollte das Exterieur eines Hotels nicht die Funktion haben, einladend zu wirken?

Das Hotel soll eher geheimnisvoll wirken als verspielt. Alles in diesem Hotel ist auf die Geschichte von Manfred Heler zugeschnitten, auf seine Erfindungen, seine Träume und seine Vorlieben. Auch die Silhouette und die Fassade. Wie der menschliche Geist selbst ist es ein Ort der Gegensätze, des Lichts und der Geheimnisse.

Es ist Ihnen wichtig, dass sich Ihre architektonischen Entwürfe in ihre jeweilige Umgebung einfügen. Sie haben vorhin schon auf das Centre Pompidou Metz verwiesen. Inwiefern war die Stadt Metz eine Inspirationsquelle für Sie?

Metz ist eine Stadt am Rande, sowohl geografisch als auch emotional. In den vergangenen zwei Jahrhunderten wechselte sie wiederholt zwischen französischer und deutscher Herrschaft, und diese Geschichte hat tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur in der Architektur, sondern in der gesamten Atmosphäre der Stadt.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich über Metz nachdenke, kommt mir oft "Le Rivage des Syrtes“ von Julien Gracq in den Sinn. Es erzählt die Geschichte eines Soldaten, der an einer fernen Küste stationiert ist und eine Grenze bewachen soll. Er verbringt sein Leben mit Warten - auf einen Feind, der vielleicht nie kommen wird und dessen Identität unbekannt bleibt. Dennoch wartet er, endlos. Dieses Gefühl der Zeitlosigkeit, der anhaltenden Erwartung, scheint mir tief mit Metz verbunden zu sein. Es ist eine Stadt voller Schönheit, die jedoch vom Schatten der militärischen Präsenz und potenzieller Konflikte geprägt ist. Selbst ihre Häuser ähneln oft Festungen – als wären sie in stiller Vorbereitung auf die Verteidigung gebaut worden. Metz hat eine gewisse Schwere; nicht unbedingt Dunkelheit, sondern eine sanfte, anhaltende Melancholie. Das fasziniert mich. Ich finde eine mysteriöse Poesie in ihrer Zurückhaltung. Diese Atmosphäre wurde zum emotionalen Nährboden, aus dem "The Meticulous Life of Manfred Heler" zu wachsen begann.

Sie haben dazu beigetragen, das Konzept des demokratischen Designs zu definieren, das zugänglich und inklusiv sein soll. Wie spiegelt sich dieser Ansatz in der Gestaltung Ihrer Hotels wider?

Als ich zum ersten Mal in die Welt des Designs eintrat, wurde mir schnell bewusst, wie exklusiv sie war. Schöne Objekte waren oft teuer, nur wenigen Privilegierten vorbehalten und schwer zugänglich. Dieser Elitismus beunruhigte mich zutiefst, da ich schon immer an das Teilen geglaubt habe, sei es von Wissen, Ressourcen oder Ideen. Diese Überzeugung veranlasste mich vor über 40 Jahren dazu, das sogenannte democratic design zu entwickeln: hochwertige Produkte zu erschwinglichen Preisen anzubieten, damit sie für möglichst viele Menschen zugänglich sind. Später habe ich dieses Prinzip auf die Architektur ausgeweitet - mit der Vision von inklusiven, für alle offenen Räumen, die in ihrem lokalen Kontext verwurzelt sind: sei dieser eine Stadt, ein Stadtteil oder eine Gemeinde. Maison Heler entstand in diesem Sinne aus dem Wunsch heraus, einen einzigartigen und zugänglichen Ort für die Menschen in Metz und der Region zu schaffen.

Ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts des demokratischen Designs ist, dass Preise kein Hindernis darstellen sollten und dass Produkte für möglichst viele Menschen erschwinglich sind. Bei Ihnen bekommt man online ein Zimmer ab ungefähr 140 Euro. Das ist zwar nicht superbillig, klingt aber für die Standards eines Vier-Sterne-Hotels erstmal fair …

Ich glaube, dass jedes Produkt einen legitimen Grund für seine Existenz haben sollte und das Leben so vieler Menschen wie möglich verbessern muss. Ich erschaffe niemals nur um der Kreativität willen. Ich habe ein Projekt, und vor dem Projekt habe ich eine Ethik, und vor der Ethik habe ich eine Philosophie, die sich in eine Vision verwandelt. Seit ich angefangen habe zu gestalten – sei es eine Zahnbürste, ein Hotel oder ein Modul für die Raumfahrt – hatte ich immer dieselbe Vision und Mission: den bestmöglichen Dienst für meine Community zu leisten. Je nach Art des Projekts, an dem ich arbeite, passe ich einfach die Parameter an. Barrierefreiheit ist ein zentraler Parameter und wurde deshalb von Anfang an in alle Aspekte des Projekts integriert.

Sie sprechen immer wieder von nachhaltigem und umweltfreundlichen Design. Inwiefern ist das Projekt Maison Heler umweltbewusst oder ressourceneffizient? 

Nachhaltigkeit und ökologische Verantwortung sind stets zentrale Parameter meiner Kreationen. Das Wichtigste ist, Trends und Moden zu vermeiden. Denn wenn man ein Hotel nach Trends baut und eröffnet, wie es heute so viele tun, wird es jeder zunächst großartig finden, aber nach zwei Jahren wird nichts mehr davon übrig sein außer der Verschwendung von Geld, Energie und Material, die in die Konzeption geflossen sind. Bei der Maison Heler habe ich daran gearbeitet, Räume zu entwerfen, die von funktionaler Eleganz geprägt sind, ohne Künstlichkeit. 

Heißt?

Die Materialien werden in ihrer ganzen Authentizität verwendet, es gibt keine Verkleidungen, man sieht nur die Wahrheit: das Weiß der Baumwolle, das rohe Grau des Betons an Decken und Wänden. Der Komfort kommt von der Weichheit der Plüschteppiche und der Wärme der Sessel aus Naturleder. Die ökologische Notlage, in der wir uns befinden, erlaubt es uns nicht mehr, Dinge herzustellen, die lügen oder aus der Mode kommen. Wir müssen ehrliche Objekte und Orte schaffen, die sowohl kulturell als auch materiell von höchster Qualität sind. Nur dann können wir zeitlos sein und langfristig bauen, für Langlebigkeit.

Als jemand, der so viele ikonische Hotels entworfen hat – was ist für Sie in Bezug auf Komfort oder Erlebnis in anderen Hotels unverzichtbar?

Es fällt mir auf, wie viele Hotels heutzutage, vielleicht sogar die Mehrheit, versuchen, künstlerisch zu wirken, indem sie ihre Wände mit schrecklichen Gemälden bedecken, unpassende Skulpturen aufstellen oder hier und da seltsame Dekorationsgegenstände platzieren. Dieser Ansatz, der rein von Ästhetik und aktuellen Trends bestimmt ist, wirkt leer – eine Art Dekoration ohne Bedeutung oder Seele, die nicht von Dauer sein kann. 

Wie geht es besser?

Ich persönlich glaube, dass ein Hotel, oder jeder andere Ort, an dem Menschen leben, für Menschen konzipiert sein sollte. Es sollte niemals von Marketingzielen oder Nutzerprofilen bestimmt werden, sondern von echten Menschen: Menschen, die wir lieben, Menschen, mit denen wir leben, Menschen wie wir selbst. Was ein Hotel wirklich besonders macht, ist seine Fähigkeit, auf emotionaler und menschlicher Ebene eine Verbindung herzustellen. Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von einem perfekten Aufenthalt, aber für mich beginnt dieser mit Herzlichkeit, Freundlichkeit und dem Gefühl, dass man nicht nur ein Gast ist, sondern wirklich willkommen. Im Idealfall fühlt man sich sogar noch wohler als zu Hause. Ein unvergessliches Hotelerlebnis liegt oft in kleinen, aufrichtigen Gesten. Ich denke an Orte, an denen sich jemand an meinen Namen und meine Vorlieben erinnert. Es ist diese Art von Aufmerksamkeit, die bei der Ankunft einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Wenn ich ein Zimmer betrete, fallen mir sofort das Licht und die Aussicht auf, sowie der Komfort mit hochwertigen Kissen, Matratzen und Bettwäsche. Aber vor allem geht es darum, mit der Person dorthin zu gehen, die man liebt.