Wer traut sich heutzutage noch, Picasso auszustellen? Und wer Francis Bacon? Nicht, dass die Gemälde der beiden Künstler heute anstößig wären – was einige von ihnen sehr wohl einmal waren –, sondern weil es schlicht zu schwierig ist, angemessene Leihzusagen zu erlangen. Welches Museum trennt sich schon von diesen kostbaren und vom eigenen Publikum nachgefragten Werken, und welches anfragende Museum könnte die Kosten aufbringen, voran für Transport und Versicherung?
Andererseits lockt der mögliche Erfolg. Picasso und Bacon, das sind zwei household names, die nicht nur Kunstinteressierte, sondern auch Touristen auf der Durchreise kennen. Und die machen dann, falls in Wien, in der Albertina Station, die sich einst als Grafische Sammlung bezeichnete, längst aber die Begrenzung auf Papier hinter sich gelassen hat und von ihrem Langzeitdirektor Klaus Albrecht Schröder in ein "echtes" Kunstmuseum mit Malerei, Skulptur und Fotografie verwandelt worden ist.
Inzwischen steht Ralph Gleis, gekommen von der Alten Nationalgalerie Berlin, an der Spitze, und für ihn ist es ganz selbstverständlich, in der Albertina eine reine Gemäldeausstellung zu zeigen; ohne ein einziges grafisches Blatt. "Picasso - Bacon. What It Feels Like to Be Human" ist die aktuelle Ausstellung überschrieben, und sie ist keine jener hinreichend bekannten "X im Dialog mit Y"-Konzepte, deren Macher hoffen, es werde irgendwie ein Funke überspringen.
Das muss man sich einfach trauen
Der Wiener Schau liegt allerdings eine ambitionierte Idee zugrunde. Angestrebt wird – in den Worten von Museumsdirektor Ralph Gleis – "die Analyse der künstlerischen Mittel, mit denen Picasso und Bacon auf ihre jeweils spezifische Art die Darstellung des menschlichen Körpers revolutioniert haben".
Das muss man sich erst einmal trauen. Und dank der großzügigen Leihgaben, vielfach aus Privatbesitz, ist hier tatsächlich eine Ausstellung zustande gekommen, die den hohen Anspruch einlösen kann. Die zumindest den Blick des Jüngeren auf den Älteren verfolgt. Denn es ist kein Austausch, der beide Künstler verbindet, sondern eine Wahlverwandtschaft. Picasso war sich seiner selbst stets so sicher, dass er keinerlei Vergleich suchte. Bacon scheute seinerseits die mögliche Nähe. Beide sind einander nie begegnet.
Pablo Picasso, Jahrgang 1881, ist genau eine Generation älter als der 1909 geborene Francis Bacon. Und als Letzterer auf der Suche nach seiner Lebensaufgabe 1927 in Paris erstmals Zeichnungen von Picasso sieht, machen sie auf ihn einen bleibenden Eindruck. Der verstärkt sich wenige Jahre später, als er in London eine umfassendere Jubiläumsausstellung Picassos besucht.
"Der Stil des Herrn Picasso"
Der Autodidakt Bacon, der sich bis dahin in London mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen hatte, wird allmählich zum Künstler, hat erste Ausstellungen, doch wird er von der Kritik beständig mit dem "späteren Stil von Herrn Picasso" in Verbindung gebracht, wie ein Kritiker 1937 schrieb.
Aus dieser Bacon-Epoche ist fast nichts erhalten geblieben. Der Künstler hat sein Frühwerk, so gut es ging, vernichtet. So muss die Wiener Ausstellung einen Sprung machen und die Werke Picassos aus den 1920er-Jahren als Anregung Bacons zeigen, um von diesem selbst erst mit Arbeiten nach Kriegsende einsetzen zu können.
Aber während Picasso von einer Stilphase zur nächsten eilt und den einstigen Kubismus nur mehr als ein virtuos gehandhabtes Werkzeug zur De- und Rekonstruktion von Körpern und Objekten versteht, verläuft Bacons Weg geradezu linear. Er malt früh Porträts von Personen, die in ein kaum angedeutetes und doch schmerzlich fühlbares Gitter eingeschlossen sind; einen imaginären Kasten, gegen den sie lautlos anbrüllen, mit weit geöffnetem Mund wie in der "Porträtstudie" von 1949. Selbst das Lachen der "Sitzenden Figur" von 1955 ist kein Ausdruck von Freude, sondern ein Hohnlachen.
Lebensfreude sucht man vergebens
So geht es weiter, immer an der menschlichen Figur entlang. Picassos Werke haben keinen unmittelbaren Niederschlag bei Bacon gefunden, sondern allein die Darstellung menschlichen Lebens als solchem. Für Bacon waren überraschenderweise die fröhlichen Strandszenen Picassos Ende der 1920er Jahre prägend. Gerade diese Bilder, äußerte sich Bacon später, hätten ihm gezeigt, "wie es sich wirklich anfühlt, ein Mensch zu sein".
Das Zitat wurde in Wien zum Ausstellungstitel genommen; doch vergleichbare Lebensfreude strahlen Bacons Bilder nun gerade nicht aus. Das hat zweifellos auch mit seinem turbulenten Liebesleben zu tun, das von den Todesfällen mehrerer seiner Liebhaber gezeichnet ist.
Doch geht das Werk nicht im Biografischen auf. Denn es bleibt die künstlerische Problematik, wie der Mensch in seiner Flüchtigkeit darzustellen sei. Die Verwischung der Farben, die mehr und mehr zum Markenzeichen Bacons wird, widerspricht der Fixierung einer einzigen Kopf- und Körperhaltung. Mehr und mehr rückt Bacon in die Rolle des Aufsehers, vor dem sich Körper auf Tischen wie im Operationssaal winden, beleuchtet von einer nackten Glühbirne. Ob darin auch das Wissen um die allgegenwärtigen Verhör- und Foltermethoden des 20. Jahrhunderts eingeht, ist eine Frage, die die Ausstellung und ihr Kurator Michael Peppiatt, ein jahrzehntelanger Freund und Interpret Bacons, nicht stellen.
Kein allzu schönes Gefühl, ein Mensch zu sein
Bacons Figuren sind existentiell. So viele von ihnen in großen Formaten nebeneinander zu sehen, nimmt dem Betrachter in Wien geradezu den Atem. Zumal der reife Bacon der 1970er und 1980er Jahre keinerlei Qualitätsschwankungen zu kennen scheint. Jedes der hier gezeigten Gemälde verbreitet eine Aura von Endgültigkeit. In den Kreaturen, die Bacon darstellt, verdichtet sich das Menschsein. Es ist, nimmt man Bacons Bilder ernst, kein allzu schönes Gefühl.
Wenn jetzt schon mehrere Sätze lang nicht von Picasso die Rede war, so spiegelt das die Ausstellung. Sie fällt in ihrer Picasso gewidmeten Hälfte regelrecht ab. Frühe Werke, insbesondere das Großformat der "Mutter mit totem Kind" aus dem Umkreis des epochalen "Guernica"-Bildes für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung von 1937, bezeichnen eine künstlerische Höhe, die die Leihgaben aus späteren Jahren weder erreichen noch überhaupt beabsichtigen.
Interessanterweise hat Bacon den Einfluss gerade von "Guernica" später heruntergespielt. Dabei zeigt sein rares Frühwerk der "Figurenstudie (Furie)" von 1944 eine geradezu verstörende Verdichtung des Motivs der schreienden Frau.
Eine neue, archaische Auffassung
Picasso ist in seinem spätesten Spätwerk, also vor und um 1970, von einer Lebensfreude und -feier, die Bacon zeitlebens fremd gewesen sein muss. Als diese Bilder dann 1971 im Papstpalast von Avignon ausgestellt wurden, reagierte die Kritik befremdet. Auch Bacon meinte einmal, Picasso hätte viele seiner späten Bilder nicht "herausgeben" sollen. Aber weniger als Vorbild, sondern eher wie ein Schatten bleibt Picasso im Werk Bacons präsent.
Dabei hat der Moderne Meister zumindest in dem für Wien ausgeliehenen "Liegenden Akt" von 1971 noch einmal gezeigt, wie aus der Dekonstruktion des menschlichen Körpers eine neue und zugleich archaische Auffassung erwachsen kann. 1973 stirbt Picasso, 19 Jahre später Bacon, beide bis zuletzt hochaktiv. Beide auch im Vollbesitz ihrer künstlerischen Kräfte.
Aber dass sie schon früh unterschiedliche Wege gingen, wird in der Wiener Ausstellung doch sehr deutlich. Sie zeigt die Möglichkeiten, aber zugleich die Grenzen eines künstlerischen Vergleichs. In Wien hinterlässt Bacon den weitaus stärkeren Eindruck, und man wünschte sich nur, es wären von Picasso mehr starke Bilder dabei.