Im Januar musste Pierre Huyghe viel Kritik einstecken für die Premiere seiner jüngsten Arbeit "Liminals" im Berliner Berghain. Von "Edelkitsch" war die Rede und von raunender Überwältigungskunst. Nichts, was man nach drei Jahren intensiver Arbeit gerne hören möchte, erst recht nicht, wenn man sich mit so viel philosophischem Ernst und technologischem Ehrgeiz Gedanken über mögliche Welten von morgen macht, wie Huyghe es in seinen Ausstellungen tut, die er oft als "spekulative Fiktionen" bezeichnet.
Jetzt ist der Künstler mit einer umfassenden Werkschau in der Fondation Beyeler bei Basel zu Gast. Sie startet auf fast schon anrührend bescheidene Weise mit ein paar Ameisen, die aus der Wand kriechen. Eine Aufsicht bittet, beim Fotografieren mit dem Smartphone Abstand zu halten, aus Respekt: "Das sind Lebewesen". Auf der Rückseite der Wand gibt es eine Klappe, durch die sie gefüttert werden, wie im Zoo.
Im Raum nebenan windet sich dagegen ein blinder, bleicher Wurm auf dem Boden, so groß wie ein menschlicher Arm. Sein Summen ist kaum zu hören. Besucher stehen herum, starren ihn an, beugen sich herunter. Die Aufsicht flüstert: "Bitte nicht berühren, das ist kein Lebewesen".
Installationsansicht "Pierre Huyghe", 2026
Diese Unterscheidung wird im Folgenden immer wieder auftauchen: Biologische oder unbelebte Materie? Lebensform oder intelligente Technologie? Was verdient Rücksicht, was nur Aufmerksamkeit? Dazu atmet es schwer aus Löchern im Putz, als wäre das ganze Haus ein lebender Organismus. Laut Saalzettel stammt das Schnaufen von "Apnea", einem künstlichen Atmungsorgan, das in einem der hinteren Räume auf dem Sandboden eines großen Aquariums pulsiert. Über ihm schwebt ein Stein im Wasser. Die diffusen Schatten, die er wirft, schimmern in immer neuen Nuancen, je nachdem, welche Farbe der Wandabrieb vergangener Ausstellungen an diesem Ort gerade hat, die ein unter der Decke patrouillierender Zerstäuber in den Räumen verteilt.
Bilder einer alten Zukunft
In der Welt von Pierre Huyghe gibt es keinen Zufall. Zumindest soll das so wirken. Alles ist Teil einer präzise entworfenen Umgebung, in der nichts einfach nur herumsteht und nichts ganz für sich bleibt – Materie, Licht, Sound, die Plots der Arbeiten und natürlich auch die Besucher. Wie im wirklichen Leben werden deren Bewegungen hier auf Schritt und Tritt getrackt und tragen so zur Gestalt der Arbeiten bei, die sie sich ansehen.
Die Filmarbeit "Camata" zum Beispiel: Maschinen umkreisen das Skelett eines Menschen in der Atacama-Wüste, der dort vermutlich verdurstete. Dass sie keinen Begriff von Pietät haben, gehört zu ihrer Natur. Die Einöde im Westen Chiles ist eine der lebensfeindlichsten Gegenden der Welt. Die Filmdokumentation dieses sich selbst inszenierenden Totenrituals, die in Basel in wandfüllender Projektion zu sehen ist, wird von einer KI in Echtzeit ständig neu geschnitten. Es wirkt wie ein dystopisches Ballett, das den Sieg des körperlosen Bewusstseins über das biologische Leben in Szene setzt. Oder könnte es auch ganz anders sein – sieht Huyghe darin womöglich utopisches Potenzial?
Pierre Huyghe "Camata", 2024, Robotik, gesteuert durch maschinelles Lernen, selbstinszenierter Film, in Echtzeit produziert, Ton, Sensoren
Auffallend ist in Basel sein Faible für wüste, postapokalyptische Landschaften. Wie in der Videoarbeit "Human Mask" von 2014, für die er einen als Mädchen maskierten Affen durch ein verlassenes Haus im nuklearen Sperrgebiet von Fukushima streunen ließ. Auch die karge Wüste ist Todeszone und Erwartungsgebiet in einem. Nicht zufällig steht in der Fondation Beyeler das monumentale, KI-generierte Relief eines idealen Terrain Vague wie ein noch geschlossenes Portal im Raum. Diese Zukunft sieht leer aus, steinig, ausgebrannt. Man kennt sie aus Science-Fiction, Katastrophenbildern oder alten Träumen vom Neuanfang nach dem Ende. Unter Tech Bros gelten Mond und Mars schon lange als Orte der Zukunft, ohne Atmosphäre zum Atmen zwar, aber mit Sonne satt für Solarstrom zum Betreiben der Server bis in alle Ewigkeit.
Womit am Ende tatsächlich kein Weg an "Liminals" vorbeiführt, diesem "modernen Mythos", wie Pierre Huyghe sagt, beauftragt von der LAS Foundation und der Hartwig Art Foundation, zwei Institutionen, die den Austausch zwischen Kunst, Wissenschaft und neuester Technologie programmatisch vorantreiben. Entstanden ist die Arbeit in enger Zusammenarbeit mit dem Quantenphysiker Tommaso Calcaro vom Forschungszentrum Jülich und dem Philosophen Tobias Rees, der eine neue Infrastruktur des Denkens fordert. Hier kamen viel Geld, Expertise und Rechenleistung zusammen – allerdings noch unter den wenig zukunftsweisenden Bedingungen des Petrokapitalismus.
Stabiles Pathos
Im Zentrum von "Liminals", dem Film, der Anfang des Jahres in der Halle am Berghain gezeigt wurde, steht die Hülle einer weiblichen Gestalt, der statt Gesicht und Gehirn ein unendliches schwarzes Loch zwischen den Ohren klafft. Zu sehen ist die Geburt dieses KI-generierten Wesens aus dem Schutt einer Felslandschaft. Knapp eine Stunde lang begleitet der Film ihr Tasten und Taumeln durch fahle Dämmerung im Dauerregen. In Wellen füllen dazu vibrierendes Dröhnen und kristallspitzes Knistern den Raum.
Auf totalen Lärm folgt absolute Stille. Alles ist in Bewegung. Nur das Pathos bleibt stabil – und der überraschend geläufige Look des existenziellen Dramas der Liminalität: Edvard Munchs "Schrei" ist hier nicht weit. Hin und wieder erinnert die Verlorenheit der Gesichtlosen an Ron Muecks "Junge" in der Hocke, der leere "Blick" entfernt an den Sandwurm aus Denis Villeneuves "Dune", dieses Schwellenwesen zwischen Pflanze, Tier und Landschaft. In einem der Räume hängt Max Ernsts "The Witch" an der Wand, auch hier Körper im Übergang vor wüster Gegend.
"Fiktionen sind Vehikel, die uns Zugang zu anderen möglichen Welten verschaffen, zu einer kontrafaktischen Vorstellungskraft", sagt Huyghe. "Solche Fiktionen, frei vom Hier und Jetzt, lassen Raum für Spekulationen und für andere Wege, die nicht eingeschlagen wurden. Sie ermöglichen es uns, uns selbst von außen zu erfahren." Das klingt nach radikaler Öffnung. In der Ausstellung sieht diese allerdings erstaunlich oft aus wie eine sehr alte Vorstellung von Endzeit: Felsen, Leere, Schrei. So gesehen stellt sich die Frage, ob es nun beruhigend oder beunruhigend ist, wenn postapokalyptische Welten auch in Zeiten von Künstlicher Intelligenz und Quantentechnologie kaum anders aussehen als vor 100 Jahren.