"Fantasiemuskel"-Podcast #72

Sinn bilden - mit Juan S. Guse

Podcast "Fantasiemuskel" mit Juan Guse

Der Autor und Soziologe Juan S. Guse interessiert sich für Brüche und Zumutungen der Gegenwart. Im Podcast "Fantasiemuskel" erzählt er, wie er mit Unternehmen arbeitet - und wo Textarbeit in Zeiten von KI beginnt

"Literatur ist ein unglaublich informationsarmes Medium", sagt Autor, Soziologe und Hochschuldozent Juan S. Guse in der aktuellen Ausgabe des Podcasts "Fantasiemuskel". In jedem Bild steckten so viel mehr Bytes als in einem Text – und doch ist genau das für ihn "das Großartige". Nichts ist fertig ausbuchstabiert, nichts wird als finale Deutung mitgeliefert. Zwischen den Wörtern liegt ein Raum, in dem Leserinnen und Leser selbst arbeiten müssen. Literatur als Ort, an dem Sinn nicht geliefert, sondern gebildet wird.

Guse verrät dem Podcaster Torsten Fremer, wie dieser Prozess für ihn begonnen hat: als Teenager in Argentinien nämlich, mit einer kleinen Reihe deutschsprachiger Bücher – Kafka, Camus, Wittgenstein – und der Erfahrung, dass diese Texte etwas von ihm wollten. Guse nimmt Niklas Luhmanns Satz ernst, Kunst sei Kommunikation: Lesen als Anrede, Schreiben als Antwort. Und diese beginnt – eher ungenial – mit "ganz viel Nachahmung", wie er sagt. Gewissermaßen als Gegenprogramm zu jenem "Originalitätirrsinn", der so tut, als müsse jede Geschichte die Welt neu erfinden.

Und so interessieren ihn als Autor heute vor allem die Brüche und Zumutungen unserer Gegenwart, die sich durch sein gesamtes Schreiben ziehen. Er verrät, was ihn an den Figuren seines aktuellen Buchs "1000 Mal so viel Geld wie jetzt" besonders fasziniert: nicht die laute Erfolgsgeste, sondern das Bemühen, trotz plötzlichen Reichtums "auf dem Boden" zu bleiben. "Ganz normale Männer", wie er sagt, die mit Kryptowährungen reich geworden sind und doch keinen Lamborghini kaufen, sondern einen VW Golf tunen und ihren Kontostand verbergen. Guse interessiert diese Spannung zwischen äußerer Normalität und innerem Kippmoment. Er nennt sie "Sleeper": Krypto erscheint hier als Projektionsfläche für die Diagnose, dass das Lohnarbeitssystem für viele nicht mehr aufgeht, dass Gehälter, Mieten und Lebensrealität nicht mehr zusammenpassen.

Bei Dax-Unternehmen braucht er Zeit beim Vorstand

Guse ist kein Autor, der sich in die Literaturblase zurückzieht. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit als Soziologe interessiert ihn auch die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und Unternehmen. So hat er Texte mit und für Organisationen entwickelt und erlebt, wie stark solche literarischen Spiegelungen wirken können, wenn Menschen ihre eigene Realität plötzlich als Erzählung vor sich sehen. 

Zugleich warnt er davor, Kunst als Allzweckwaffe zu überschätzen: Man könne nicht "zehn transformative Romane in eine Organisation schmeißen" und hoffen, dass sich dadurch alles ändert. Ohne strukturelle Bewegung bleibe das "nur Kosmetik". Wenn er mit einem Dax-Konzern arbeiten müsste, sagt Guse, dann brauche er Zeit beim Vorstand – dort, wo Budgets, Macht und damit auch Sinn-Angebote verhandelt werden.

Seit einem Jahr lehrt Juan Guse auch literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Wichtig ist ihm dabei die Fähigkeit, eigene Fragen, Perspektiven und Zumutungen zu formulieren. KI könne heute Texte am Fließband erzeugen, sagt er, aber die eigentliche Arbeit beginne dort, wo man auswählt, verdichtet, weglässt – und Verantwortung dafür übernimmt, warum man etwas erzählt. Man könnte fast sagen: So verstanden bleibt Sinn bilden im Zeitalter von KI eine der wirklich wichtigen menschlichen Fähigkeiten.

Sie können "Fantasiemuskel", den Monopol-Podcast über Kunst, Wirtschaft und gesellschaftliche Transformation, auf allen bekannten Plattformen hören – oder die neue Folge direkt hier: