Ästhetischer Protest an der TU Berlin

Pop-up-Wohnen im Matheinstitut

Wohnungsnot trifft Leerstand: Studierende testen temporäres Wohnen im Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin

In Berlin ist Wohnraum knapp. Dabei steht am Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg ein gigantisches Glasgebäude, in dem große Flächen ungenutzt bleiben. Die Designikone – als High-Tech-Solaröko-Vision entworfen – wurde in den 1970er-Jahren als Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin gebaut.

Das Studierendenkollektiv Campus as Commons will das Problem des Leerstands sichtbar machen – und hat dafür ein Szenario gebaut. Masterstudierende aus Architektur, Stadtplanung und Urban Design verwandelten vier Seminarräume im siebten Stock in ein "1:1-Mock-up" für temporäres studentisches Wohnen: ein Testaufbau, ästhetischer Protest und Modellversuch zugleich. Statt eine fertige Lösung zu präsentieren, stellen sie Fragen, die sonst in Gremien hängen bleiben: Wie lassen sich leerstehende Universitätsflächen kurzfristig bewohnbar machen? Welche technischen Eingriffe wären für eine Umnutzung nötig? Und welche rechtlichen Hürden stehen im Weg?

Erstmals war das Mock-up am 20. Februar im Rahmen einer Führung zu sehen. Weitere Termine finden am 5. März und am 12. März, jeweils von 16 bis 19 Uhr, statt.

Rot und Blau sind die Farben des TU-Mathematikinstituts
Foto: Campus as Commons

Rot und Blau sind die Farben des TU-Mathematikinstituts

Wer am U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz die Treppe hochkommt, sieht es sofort: das "Raumschiff" der 70er. Ein gläserner Koloss, gegliedert durch rot und blau lackierte Metallpaneele, außen Treppenanlagen und Technik – ein bisschen wie beim Pariser Centre Pompidou. Ob architektonisches Juwel oder Zumutung: Darüber wird in Berlin seit Jahrzehnten gestritten.

1967 schrieb die TU Berlin einen Wettbewerb zur Erweiterung des Campus aus. Den Neubau für das Institut für Mathematik an der Straße des 17. Juni planten schließlich Georg Kohlmaier und Barna von Sartory. Ihr Entwurf vereint mehrere Strömungen: High-Tech-Architektur, Solararchitektur, farbintensive Pop-Art und einen "soften" Brutalismus.

Kohlmaier und von Sartory konzipierten den Bau als "Glashauskonstruktion" – eine Idee, die in den 1970er-Jahren auch vor dem Hintergrund der Energiekrise, als ökologisch galt: maximale Tageslichtnutzung, solare Wärmegewinnung. Kurz nach Fertigstellung veröffentlichten die beiden Architekten 1981 ihr Standardwerk "Das Glashaus / Houses of Glass", in dem sie die Entwicklung von Gewächshäusern als architektonische Innovation nachzeichnen.

Blick auf den Fernsehturm
Foto: Campus as Commons

Blick auf den Fernsehturm durch die beschlagenen Fenster 

Typisch High-Tech ist die Offenlegung der Technik: Kabel, Lüftungsleitungen und Installationen sind nicht versteckt, sondern sichtbar integriert. Innen trifft das auf rohe Materialität – Betonstützen und -wände –, allerdings gebrochen durch Glasflächen und Farbe: "softer" Brutalismus. Popartige Akzente setzen die leuchtend roten und blauen Details sowie Möbel, deren Formen an Raumschiffe oder die farbintensiven Bahnhöfe der Berliner U-Bahnlinie 7 erinnern.

In der Praxis geht die Nachhaltigkeitsidee der Glashauskonstruktion allerdings nur bedingt auf: In den lichtdurchfluteten Räumen wird es im Sommer schnell zu heiß, im Winter friert man in den großen Hallen. Dazu kommen Wasserschäden und Mängel, auch wegen ausbleibender Instandhaltung. Ob und wann saniert wird, ist offen – die Finanzierung ist ungeklärt.

Die Schlafecke ist durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung abgetrennt
Foto: Alisa Geffert

Die Schlafecke ist durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung abgetrennt

Campus as Commons bringt Wohnungsnot und Leerstand nun am Ostflügel des Mathegebäudes zusammen. In Berlin, so die Gruppe, stehen rund 1,7 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer – rechnerisch entspräche das etwa 25 000 Wohnungen.

Für das Mock-up übersetzen die Studierenden vier Seminarräume in Wohnräume: Holzeinbauten, Vorhänge, modulare Möbel. Alles ist so konstruiert, dass es wieder rückgebaut werden kann. Die Gruppe spricht von "adaptive reuse", einer Umnutzung mit möglichst geringem Eingriff in die bestehende Struktur. Beim Rundgang werden auch Gemeinschaftsbereiche, provisorische Küchen und temporäre Sanitärlösungen vorgestellt.

Auch ästhetisch knüpft das Projekt an die ursprüngliche Architektursprache an: Pop-Art-Akzente in Blau, Gelb und Knallrot sitzen in den Fensterachsen und an den Wänden. Selbstgebaute, verstellbare Möbel und Vorhänge zitieren die 70er-Jahre, ohne die Gebäudestruktur zu überdecken. So wird das Haus wieder als das verstanden, was es einmal sein wollte: ein System, das Bestand nicht kaschiert, sondern nutzt.

Um eine tatsächliche Umnutzung geht es zunächst nicht. Solange das Gebäude als Universitätsbau gilt, würde eine dauerhafte Wohnnutzung formelle Nutzungsänderungen erfordern: baurechtliche Prüfung, Brandschutzkonzept, Genehmigungen. Zudem weist der Bebauungsplan das Gelände als "Sondergebiet für Hochschulnutzung" aus – Wohnen widerspricht dem derzeitigen Planungsrecht, soll hier aber als Option denkbar werden.

Für Stauraum ist gesorgt
Foto: Campus as Commons

Für Stauraum ist gesorgt

Diese Hürden rechnet die Gruppe in Szenarien durch – vom einmonatigen Testaufbau über eine zweijährige Zwischennutzung bis hin zur langfristigen Umnutzung. Für jedes Modell legt sie Kostenabschätzungen, Organisationsformen und juristische Bedenken vor, inklusive der Frage, unter welchen Bedingungen eine Befreiung vom Bebauungsplan möglich wäre.

Campus as Commons protestiert damit nicht mit Parolen, sondern mit einem Entwurf. Die ungenutzte Ressource Mathematikgebäude, so ihr Argument, ist politisch – und in einer Stadt mit Wohnungsnot nicht länger hinnehmbar. Wenn Sanierungsgelder fehlen: Warum nicht das, was da ist, temporär bewohnbar machen – und in der Praxis zeigen, was möglich ist?

Während des Ausstellungsrundgangs gab es Programm: Führung, Panel-Diskussion und DJ-Set
Foto: Campus as Commons

Während des Ausstellungsrundgangs gab es Programm: Führung, Panel-Diskussion und DJ-Set