Reinhard Voigt im Porträt

Der Künstler, der Pixel malte, bevor wir in Pixel sahen

Der Künstler Reinhard Voigt ist nur wenigen bekannt. Dabei malte er schon Ende der 1960er-Jahre Rasterbilder, lange bevor Pixel unseren Alltag zu bestimmen begannen. Ein Atelierbesuch

Gerhard Richter mochte seine Rasterbilder nicht besonders. Die Keramiken habe er besser gefunden, erinnert sich Reinhard Voigt an seine Studienzeit Mitte der 1960er-Jahre in Hamburg. Kurz darauf sagte ihm Künstlerkollege Alan Jones, er habe mit diesen Gemälden "ein Jahr verloren" und solle von vorn anfangen. Voigt ging nach Hause und malte dort weiter. In die Kunsthochschule kehrte er vorerst nicht zurück. 

Nur ein Bild blieb dort: hoch oben unter der Decke, in einer Ecke der Klasse, wie ein Abschiedsgruß oder ein Stellvertreter. Im nächsten Semester kam David Hockney als Dozent an die Hochschule und interessierte sich ausgerechnet für "dieses Ding da oben unter der Decke". Als ein Kommilitone Voigt davon berichtete, kehrte sein Selbstbewusstsein zurück. "Auferstanden aus Ruinen", sagt er heute. Er lacht, aber er meint das todernst.

1968 malt er sein erstes Rasterbild. Und das ist im Rückblick schon ziemlich erstaunlich, weil diese Bilder heute aussehen, als hätte da jemand an Pixel gedacht, bevor Pixel Teil unseres Alltags wurden. Nur kommen sie bei Voigt eben nicht aus dem Computer, sondern entstehen aus einer ziemlich langsamen Arbeit mit Transparentpapier, Raster, Bleistift, Leinwand und Ölfarbe. 

Erste große Schau mit 83

Trotzdem ist Voigt nie so bekannt geworden wie seine berühmten Hamburger Dozenten. Seine erste große Ausstellung, "Pure Pleasure" 2023/2024 in Nürnberg, hätten ihm "irgendwelche Engel geschenkt". Aktuell zeigt der Berliner Kunstraum Grotto in der Duo-Ausstellung "High on Low" mit Anna-Sophie Berger Bilder aus Voigts Serie der Word Paintings.

Aus der Nähe wirkt das Bild im Grotto-Schaufenster abstrakt. Tritt man ein paar Schritte zurück, werden die weißen Lettern auf grünem Grund, oben und unten von einem gelben Rand gefasst, zu einem Wort: "Themenraum". "Eine Leinwand ist eben ein Raum, in dem man ein Thema unterbringt", sagt Voigt. "Und das kann alles Mögliche sein." 
 

Reinhard Voigt "Themenraum" 1997, Ausstellungsansicht, Grotto, Berlin, 2026
© Courtesy Reinhard Voigt, Anna-Lena Berger und Grotto, Berlin; Foto: Nick Ash

Reinhard Voigt "Themenraum" 1997, Ausstellungsansicht, Grotto, Berlin, 2026


Und die Ausstellung erstreckt sich auf zwei weitere Orte in unmittelbarer Nähe im Hansaviertel: Im Café Tiergarten, das Kuratorin Herweg mit Simon Freund und Nicolas Mertens betreibt, leuchtet: "Vote For Flavor", eine Art konsumkritischer Wahlkampfslogan, der den Zusammenhang zwischen Politik, Landwirtschaft und Genuss in Farbe und Ordnung übersetzt.

 

Reinhard Voigt "Vote for Flavor", 1996, Ausstellungsansicht, Grotto, Berlin, 2026
© Courtesy Reinhard Voigt, Grotto, Berlin; Foto: Nick Ash

Reinhard Voigt "Vote for Flavor", 1996, Ausstellungsansicht, Grotto, Berlin, 2026


In der Hansabibliothek hängt: "Vanilla". Ein Wort, das nach Kindheit schmeckt, nach Eis, Pudding, Kuchen, nach etwas Süßem und Vertrautem. Gleichzeitig bedeutet "vanilla" im Englischen auch: einfach, schlicht, die Version ohne Extras. Bei Voigt passt das gut zusammen: Auch in etwas Einfachem kann eine lange persönliche Geschichte stecken.
 

Reinhard Voigt "Vanilla", 1994, Ausstellungsansicht, Grotto
© Courtesy the artist, Foto: Nick Ash

Reinhard Voigt "Vanilla", 1994, Ausstellungsansicht, Grotto


Eine Woche nach der Eröffnung sitzt Voigt in seinem Atelier in einer großen Altbauwohnung in Berlin-Prenzlauer Berg. Dort wohnt er mit seiner Frau Susan Elias, die auch Künstlerin ist, und zwei Katzen. Die frühlingsgrünen Bäume vor den Fenstern nehmen etwas von dem Licht, das in den Raum dringt. 

Das Atelier ist ziemlich voll, aber es herrscht ein eigenes System, kein akribisches, eher ein pragmatisches. Alles hat seine Bewandnis. An mehreren Nägeln hängen Dreieckslineale, auf dem Arbeitstisch stehen Pinsel, nach Größe sortiert, überall hängen Bilder, Einladungskarten stapeln sich, Schnipsel mit Telefonnummern und Notizen kleben am Computer, an den Wänden. Man kann auf jedes beliebige Objekt zeigen, und Voigt hat eine Geschichte dazu. 

Schleifen und Umwege

Meist beginnt er bei einer Anekdote und kommt dann zum Kern der Sache. Er dreht Schleifen und macht Umwege, manchmal vergisst er, weshalb er gerade etwas erzählt, und entschuldigt sich mehrmals dafür, sodass man erst verwirrt ist und dann verwundert, weil alles Vorhergesagte am Ende doch wieder Sinn ergibt.

Er trägt eine braune Cap mit der Aufschrift "River Station", ein kariertes Hemd und klobige Wanderschuhe. Der 85-Jährige hat seinen Stil gefunden. Er greift eine Pappkiste, um eine alte Rasterarbeit zu zeigen. Die einzelnen Werke sind mit Transparentpapier geschützt. Unter die Stapel hat Voigt Papierstreifen gelegt, die rechts und links aus der Kiste ragen, sodass er die Blätter herausheben kann, ohne sie zu berühren. "Das habe ich von meinem Vater gelernt", sagt er. "Der hat das in der Bäckerei mit seinen Torten immer so gemacht."
 

Zwischen die einzelnen Arbeiten hat Voigt Papierstreifen gelegt: Ein Trick aus der Bäckerei seines Vaters, um Torten einfach aus Schachteln heben zu können
Foto: Alicja Schindler

Zwischen die einzelnen Arbeiten hat Voigt Papierstreifen gelegt: Ein Trick aus der Bäckerei seines Vaters, um Torten einfach aus Schachteln heben zu können


Voigt wird 1940 in Berlin-Schöneberg geboren. Die Bäckerei seiner Eltern befindet sich in der heutigen Pohlstraße, nahe dem Gleisdreieckpark; Betrieb und Wohnung sind im selben Haus. Im Krieg geht die Familie nach Oderberg, das nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone liegt und ab 1949 zur DDR gehört. Als Voigt zwölf Jahre alt ist, flieht die Familie von dort nach West-Berlin. "Wir waren mittellos", erinnert er sich an diese schwere Zeit, an die er nicht gern zurückdenkt. 

"Slightly modernistisch"

Nach der Schule soll er Bäcker werden, aber Voigt macht stattdessen eine Ausbildung als Chemielaborant an der Technischen Universität. Neben der Ausbildung besucht er abends einen Malkurs an der Volkshochschule Berlin-Steglitz. Dort malt er Stillleben, nicht streng realistisch, sondern, wie Voigt sagt, "slightly modernistisch". Und im Grunde liegt die Chemie ja auch gar nicht so entfernt vom Bäckerhandwerk, und auch zur Malerei ist es von dort vielleicht nicht so weit, wie man denkt: Es geht um Mischungen, nur sind sie nicht essbar. 

"Das hat mir solchen Spaß gemacht, dass ich dachte, das mache ich für immer." Man kann sich gut vorstellen, wie Voigt die Präzision und Geduld, mit denen er später seine Rasterbilder malt, beim Abwiegen und Mischen von Stoffen in Reagenzgläsern gelernt hat. Bis heute folgt er seinen genauen Verfahren. Er denkt mit dem Material, mit der Farbe, im Raster.

 

Der Eindruck täuscht: Voigt hat seine Arbeiten feinsäuberlich in Kisten sortiert und nach Jahren geordnet
Foto: Alicja Schindler

Der Eindruck täuscht: Voigt hat seine Arbeiten feinsäuberlich in Kisten sortiert und nach Jahren geordnet


Irgendwann wird ihm das Konkurrenz- und Hierarchiegehabe an der Uni zu viel. Durch einen Freund kommt er zur Keramik. Er zieht nach Erbach im Rheingau, um eine Ausbildung bei einer Keramikerin zu machen, die mit Otto Lindig und der Bauhaus-Tradition verbunden war. "Als ich dann in diese Töpferei kam, das war, als ob ich Tag ein, Tag aus Yoga machte", sagt Voigt über diese Lebensphase Anfang 20. Er habe sich bei dieser Arbeit "wunderbar erholt". Um ihn herum der Rheingau: "ein Paradies". Wein trinken habe er dort auch gelernt, sagt er und lacht verschmitzt.

Während Voigt erzählt, wird klar, dass er – nach der Chemie – auch in der Keramik dachte, seine Berufung gefunden zu haben. Er ist ein Mensch, der ganz in den Dingen aufgeht, die er macht. Und wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt, lässt er es. Man kann sich also vorstellen, wie richtig sich das Malen für ihn anfühlen muss. Denn er tut es seit über 60 Jahren.

Fotos, Fotos, Fotos

1964 geht Voigt zum Kunststudium nach Hamburg. Seine Arbeitsweise bei den Rasterbildern geht so: Er fotografiert Freundinnen, Freunde, Menschen aus seinem Umfeld. "Das waren Leute, die ich schön fand und malen wollte", sagt er. Dann entwickelt er die Negative selbst in der Dunkelkammer. Über ein Foto legt er Transparentpapier – rastert, zeichnet, notiert, und überträgt es dann mit Ölfarbe auf die Leinwand. Eine Schwarz-Weiß-Arbeit von 1968 zeigt zwei Studentinnen auf einem Alsterdampfer. Voigt hatte sie gebeten, sich dort hinzusetzen, und er fotografierte mindestens einen ganzen Film voll, wie er sich erinnert. Aus einem realen Moment menschlicher Nähe wurde später ein Bild, das erst aus der Distanz als Porträt sichtbar wird.

Auf die Idee mit dem Raster kommt Voigt durch seine Mutter. Als Kind sieht er ihr dabei zu, wie sie abends Tischdecken im Kreuzstich bestickt, wie aus einzelnen Stichen Bilder entstehen. "Meine Freunde haben mich ausgelacht", erinnert sich Voigt an die ablehnende Haltung gegenüber seinen Rasterbildern. Ein Kommilitone fragte ihn einmal: "Na, wie viele Maschen hast du heute schon geschafft?" Eine Abwertung, die auch deshalb so hart ist, weil sie nicht nur seine Arbeit, sondern auch weiblich konnotierte Handarbeit zu etwas Lächerlichem degradiert.
 

"Oft waren das Girlfriends", sagt Voigt mit einem verschmitzten Lächeln über die Frauen, die er fotografierte und dann in Rastern abmalte
Foto: Alicja Schindler

"Oft waren das Girlfriends", sagt Voigt mit einem verschmitzten Lächeln über die Frauen, die er fotografierte und dann in Rastern abmalte


1978 geht Voigt nach New York, vielleicht war auch wieder Hamburg so ein Abschnitt geworden, der sich nicht mehr richtig anfühlte. Ein Jahr später lernt er dort Susan Elias kennen; sie wird seine Frau. Später leben sie in Los Angeles, dann in Upstate New York. Seit 2017 sind sie wieder in Berlin. Obwohl Voigt Berliner ist, fühlt er sich hier fremd. Er würde sofort zurückgehen, wären dort nicht die ganzen "contradictions" und wäre das Gesundheitssystem besser. 

In Berlin sei trotzdem das Deutsche manchmal zu nah. Mit dem Wort Künstler könne er sich nicht identifizieren. Deshalb sage er lieber "artist", das schaffe den nötigen Abstand. Wo gehört einer hin, der sich weder je richtig als Teil der US-amerikanischen noch der deutschen Kunstszene verstanden hat? Vielleicht ist diese Distanz ein Grund dafür, warum Voigts Arbeit bis heute nie so bekannt geworden ist, wie sie es hätte werden können. Tatsächlich hat er sich einen eigenen Kosmos geschaffen, einen Kosmos zum Mitnehmen. Einen, der eigenständig ist und in ihm selbst lebt, egal, wo er ist.
 

Bei der Arbeit im Atelier in Wilmington, Los Angeles, Juni 1993
Foto: © Courtesy Studio Reinhard Voigt, Berlin

Bei der Arbeit im Atelier in Wilmington, Los Angeles, Juni 1993


Anfang der 1990er-Jahre malt Voigt sein erstes Word Painting: "Tomato". Der Anlass ist simpel: "Weil die Tomaten in Amerika, wie ja auch hier oft, schrecklich waren, geschmacklos." Voigt malt sich nicht nur ein Bild von der Tomate, er beginnt auch, eigenes Gemüse im Garten anzubauen. "Du kannst dich natürlich ärgern", sagt er, "aber vielleicht kannst du ja auch mal selber was machen." 

Seine Kunst kommt aus etwas ganz Bodenständigem. Aus Handwerk, Geschmack, Alltag. Natürlich haben seine Bilder auch mit Pop Art zu tun, mit Farbe, Sprache, Witz und Konsum. Aber sie sind persönlicher. Sie bestehen zwar aus Quadraten, aber sie entstehen aus Nähe – aus der Nähe zu Menschen, die er schön fand, aus Wörtern, die bei ihm hängen bleiben, aus Ärger über schlechte Tomaten, aus Erinnerungen an Torten und Tischdecken.
 

"Meine Bilder sind ein Archiv der Sehnsüchte" lautet das abgewandelte Zitat von Susan Sontag, das Voigt in einer Berliner U-Bahn entdeckte und sich notierte
Foto: Alicja Schindler

"Meine Bilder sind ein Archiv der Sehnsüchte" lautet das abgewandelte Zitat von Susan Sontag, das Voigt in einer Berliner U-Bahn entdeckte und sich notierte


Auf einem Zettel, der unter der Tastatur seines Macs liegt, hat Voigt sich einen Satz notiert, den er in der Berliner U-Bahn auf einem dieser Bildschirme mit Sprüchen des Tages gesehen hat. Es ist ein Satz von Susan Sontag, den Voigt für seinen eigenen Bereich, die Malerei, leicht umformuliert hat: "Meine Bilder sind ein Archiv der Sehnsüchte". Nach was er sich sehnt? "Darf ich mal ein schweres Wort benutzen? Schönheit". Und dann, auf die Frage, was Schönheit für ihn bedeutet, antwortet er ohne Zögern: "Alles das, was ich mache." Und plötzlich ist alles ganz leicht.