Wie wird eigentlich aus einem Motiv ein starkes Bild? Eines, das sofort die Blicke auf sich zieht – und das man erinnert, auch nach Jahren? Hier kann man es lernen: Der 1942 in Edinburgh geborene Albert Watson blickt mit dem Bildband "KAOS" auf sein über 50-jähriges Schaffen zurück. Das Chaos, auf das der Titel anspielt, ist wohl eine Chiffre für die unglaubliche stilistische Vielfalt dieses Werks, die Menge an Manipulationen, um Bildwirkungen zu steigern. Fast hat man beim Blättern den Eindruck, dieses Buch sei das Resümee mehrere Fotografinnen und Fotografen, mit ganz unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten.
Neben der Fülle von klassischen Porträtfotografien gibt es hier Landschaften, die nebelverhangen und seltsam verzaubert erscheinen, oder auch rein dokumentarische Sachaufnahmen historischer Objekte wie dem Handschuh von Tutanchamun oder einem Bühnenanzug von Elvis Presley. Hier und da: eine offensichtliche Hommage an einen berühmten Kollegen wie Man Ray oder William Eggleston.
Watsons Porträts hätte man bündeln können nach Rock- und Popstars (etwa: Mick Jagger, Keith Richards, Lou Reed, Grace Jones, David Bowie, Frank Zappa, Tupac, Prince) und Hollywood-Größen (Alfred Hitchcock, Dennis Hopper, Uma Thurman, Denzel Washington, Angelina Jolie, Quentin Tarantino, Michael Douglas). Aber dann wäre wohl kaum das angestrebte, kreative Chaos in der Bildabfolge entstanden.
Albert Watsons Fotografie des goldenen Anzugs von Elvis Presley, im Fotobuch KAOS
2006 machte Albert Watson sein berühmtestes Porträt: jenes von Apple-Chef Steve Jobs in Cupertino. Der Künstler wählte eine klare Bildaufteilung, verzichtete auf Farbe und setzte auf denkbar hohe Schärfe durch analoge Fotografie im Stile Richard Avedons. Jedes Fältchen, jedes Barthaar ist auf diesem Bild detailliert erkennbar. Jobs hatte wenig Zeit und war dankbar zu hören, dass der Fotograf nur etwa ein halbe statt der angesetzten Stunde benötigen würde. Watson gab ihm eine Aufgabe: sich ein Meeting vorzustellen, bei dem Jobs sämtliche Personen gegen sich hätte – aber trotzdem wüsste, dass er am Ende Recht behalten und triumphieren würde.
Natürlich kam eine solche Versuchsanordnung Jobs entgegen. Er blickte entschlossen und legte den Daumen an die Kinnspitze, so als wartete er noch einen kurzen, entscheidenden Moment, bevor er sämtliche Gegenargumente rhetorisch pulverisieren würde.
Albert Watson "Steve Jobs", Cupertino, California 2006
Etwa fünf Jahre später wusste Jobs, dass sein Ende nahte und wünschte sich ausdrücklich Watsons Porträt auf der Apple-Website am Tag seines Todes. Später wählte man es auch für das Cover der Jobs-Biografie von Walter Isaacson in allen Sprachversionen. Das Bild wurde eine Ikone des noch jungen 21. Jahrhunderts – und steht doch ganz in der Tradition des 20.
So beeindruckend die globale Verbreitung des Jobs-Porträts heute sein mag, weithin berühmt gemacht hat es den Mann hinter der Kamera nicht. Watson gilt als "photographer's photographer": Nur ausgesprochene Branchenkenner und Insider der amerikanischen Creative Industries dürfte der Name des Fotografen geläufig sein. Dies könnte sich nun, da man sich Seite für Seite in sein Gesamtwerk vertiefen kann, ändern.
Es gibt in diesem auffallend präzise und wohlüberlegt arrangierten Chaos viel zu entdecken. Manche Bilder scheinen Geheimnisse zu bergen, sind dunkel, verschwommen, traumhaft-theatralisch. Andere wollen bewusst irritieren durch Masken, Schleier, Federn und Blätter im Haar oder schimmernde Schmetterlingsflügel auf der Haut.
Sind womöglich Watsons einfachste Bilder seine besten? Unter künstlerischen Gesichtspunkten mag das zutreffen. Ohne Zweifel: Viele der hier versammelten Fotografien hatten zum Zeitpunkt ihrer Entstehung klare kommunikative Aufgaben zu erfüllen, sollten Prominente neu und anders darstellen, mussten Hefte verkaufen oder auf Filme aufmerksam machen. Diese Ziele bleiben den meisten Fotografien Watsons eingeschrieben. Aber zu betören vermögen sie doch, selbst nach Jahren und Jahrzehnten.