Prada setzte in Mailand nicht nur auf schmale Silhouetten, sondern auch auf irritierende Accessoires. Nachdem die Luxusmarke ihre neue Herrenkollektion "Clarity" präsentiert hatte, sorgten ausgerechnet die Sonnenbrillen für Diskussionen. Die aus zwei unterschiedlichen Gestellen zusammengefügten Modelle wirkten befremdlich – gerade auf den formschönen Nasen der perfekt gestylten Models.
Wer sich nach der Runway-Show jedoch eine Erläuterung für die wunderliche Form des UV-Schutzes erhoffte, wurde enttäuscht. Die Kreativdirektoren Miuccia Prada und Raf Simons sind offenbar keine Erklärbären. Entsprechend knapp war die Pressemitteilung formuliert. Kein Wort über die Brillen. So mussten sich die Journalistinnen und Journalisten selbst einen Reim auf die Sache machen. Die einen erklärten die optischen Hybride mit Kindheitserinnerungen der Designer an kreative Bastelstunden, eine etwas komplexere These verwies auf die Freude am Bruch mit der Symmetrie.
Die Lösung versteckt sich jedoch womöglich in den ultraschmalen Silhouetten der Mode auf dem Laufsteg: superenge Hosen, knappe Oberteile. Dieser Stil hat seine Wurzeln im Punk. Beginnend mit den 1970er-Jahren wurden in der modisch bis heute wahrscheinlich einflussreichsten Subkultur extrem schmale Jeans getragen. Das kam später, in den Nullerjahren, mit dem Skinny-Jeans-Boom im Mainstream an – ein großes Comeback, das hauptsächlich dem damals bei Dior Homme als Kreativchef wirkenden Punkliebhaber Hedi Slimane zugeschrieben wird. Auch bei Prada kann man nun im Jahr 2026 wieder stark davon ausgehen, dass die gute alte Punkmode beim Kreieren der Kleidung Pate stand.
DIY-Kultur aus dem Punk
Denn im Punk blühte, neben besagten engen Schnitten, auch die DIY-Kultur. In der Anti-Haltung der Punks ging es ja bekanntlich stets darum, sich vom Establishment abzugrenzen und das kapitalistische System zu verhöhnen. So wurde auch die gängige Kleiderordnung boykottiert: Man kleidete sich in zerrissene, nur von Sicherheitsnadeln zusammengehalte Shirts und Jacken. Womit wir bei den neuen Prada-Brillen wären, die wirken, als seien sie im Geräteschuppen zusammengelötet worden. Denn geht man davon aus, dass die Kollektion von Frau Prada und Herrn Simons eine übergeordnete Idee verfolgt, dann muss man auch die Accessoires in diesen Kontext stellen. Ob auf dem Prada-Moodboard tatsächlich Fotos von Sid Vicious oder Debbie Harry mit zusammengeklebten Nasenfahrrädern zu sehen waren, ist nicht bekannt – und wohl auch eher unwahrscheinlich.
Sicher ist aber, dass die DIY-Ästhetik des Punks in den 1980er-Jahren von der Mode eingemeindet und in unzähligen Andeutungen in die Popkultur übernommen wurde. Sicherheitsnadeln wurden plötzlich in edlen Schmuckvarianten gefertigt und asymmetrische Pullover kamen in Mode. Schräge Frisuren und schrille Brillen ebenfalls. Die Gestelle des albanisch-französischen Designers Alain Mikli trieben die Asymmetrie zu jener Zeit auf die Spitze. Sein heute legendäres, zu exorbitanten Preisen gehandeltes Sonnenbrillenmodell "Picasso" ist tatsächlich so gestaltet, als seien zwei Modelle zu einem einzigen fusioniert worden – wenngleich wohlgeformt, aus einem Guss. Nicht so wie die Prada-Brillen, die nicht gerade funktional wirken. Ob und wie sie in Produktion gehen werden, wird sich zeigen. Gut möglich, dass sie reine Show-Pieces bleiben und in den Archiven des Modehauses verschwinden.