Bemalte Pappschilder und Herzchenluftballons säumen die Straße vor der Fondazione Prada in Mailand, auf der die Limousinen mit den VIP-Gästen anrollen. Auch K-Pop-Stars steigen aus. Die Fangemeinde steht Spalier. Es ist Milan Fashion Week und die Show von Prada, einer der wichtigsten Modemarken der Welt, steht an. Die kreischenden Teenager mit der kitschigen Staffage sind ein anrührender Kontrast zu den perfekten Outfits und den ernsten Mienen der Menschen auf der anderen Seite. Darunter Meta-Chef Mark Zuckerberg, Schauspielerin Carey Mulligan, Musikerin Nina Kraviz, Künstler Thomas Demand sowie Fotograf Juergen Teller, dessen pinke Wollmütze vor der grauen Mauer grell leuchtet.
Vom Gin-Lager zum Ausstellungshaus
Während die Teenager draußen noch mit handgemalten Liebesbekundungen winken, wirkt es drinnen, als hätten die Erwachsenen längst die Abrissbirne schwingen lassen – in der riesigen Halle, wo gleich die neue Herbst/Winter-Kollektion von Prada zu sehen sein wird. Seit 2018 inszeniert die italienische Luxusmarke hier alle vier Präsentationen pro Jahr – in einem Gebäude, in dem einst Gin lagerte und das heute Sitz der Fondazione Prada ist. Die imposanten Show-Sets gestaltet AMO, eine Abspaltung von OMA, dem Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture von Rem Koolhaas, nach dessen Plänen das Gebäudeensemble für Prada saniert und erweitert wurde.
Die Hallen der Fondazione Prada in Mailand
So steht das Modepublikum nun also in einem riesigen Haus, das bis auf seine Grundmauern entkernt wurde. Hoch oben an den blassfarbenen Wänden mit den Türen, Fenstern und dem Stuck sind noch die Überbleibsel der Stockwerke zu erkennen. Die ehemaligen Zimmer zeichnen sich durch Reste von Holzfußböden und grauen Steinen ab. Sogar verschnörkelte Kamine und historische Bilder schweben an den Wänden über den Köpfen der Gäste.
Imaginäres Runterrocken
Giulio Margheri, Leiter des Prada-Projektteams beim Büro von Rem Koolhaas, erzählt, die Kulisse sei aus einer Mischung echter und unechter Objekte zusammengebaut: "Die Kamine wurden zum Beispiel aus dem Großraum Mailand herangeschafft." Ebenfalls beeindruckend zu sehen: ein venezianischer Spiegel, alte Wandteppiche und Gemälde. Aber was ist mit dem Prada-Haus passiert? Geht es hier wirklich um Abriss oder eher um Sanierung? Das Interesse am Objekt an diesem Donnerstagnachmittag ist jedenfalls groß.
Und dann beginnt die Modenschau mit den wuchtigen Klängen des 1990er-Tracks "Techno Trance" von D-Shake und die Eigentümer schicken ihre Baubrigade durch den Raum. Sofort wird klar: Verkauft oder gar abgerissen werden soll hier gar nichts. Vielmehr erlaubt man sich, die eigene Immobilie imaginär herunterzurocken und sie zur Bühne einer Mode-Demontage zu machen:
Prada Herbst/Winter 2026
Denn zu Beginn der Modenschau stapelte sich die Kleidung in unzähligen Schichten auf den Körpern der Models, um nach und nach von ihnen abzufallen. Für diesen Effekt buchten Miuccia Prada und Raf Simons nur 15 Models, die je viermal über den Runway liefen und somit insgesamt 60 Looks präsentierten. Was anfänglich unter eleganten Mänteln verborgen war, entblätterte sich Schicht für Schicht: von Strickjacken und Kleider bis hin zu Cropped Tops und nackter Haut.
Dabei trafen in einem "non-hierarchical mixing", wie es Prada im Begleittext nennt, luxuriöse Materialien und Schnitte auf mutwillige Abgewetztheit. Kostbare Stoffe und Ziersteine versus offene Nähte, Used-Effekte und gealterte Stickereien. Auffällig waren vor allem die scheinbar zerfetzten Kleider, in deren vermeintlichen Rissen bunte Blumen blühten. Damit impliziert Prada eine Historie des Kleidungsstücks, die jedoch gänzlich artifiziell ist.
Das Konzept, dieselben Models viermal laufen zu lassen und sie dabei quasi auszuziehen, könnte man unterdessen auch als Styling-Vorschlag verstehen. Miuccia Prada betont seit jeher, dass Mode alltagstauglich bleiben soll. Ein gutes Gefühl in schöner, aber auch praktikabler und vielfach kombinierbarer Kleidung. Eben für die Baustelle des Lebens geeignet, auch wenn diese Baustelle sicher nicht die einer Durchschnittskundin ist. Denn die Prada-Ruine ist ja ebenfalls nur zum Schein ein alter Kasten.
Auch Bella Hadid musste sich während der Show viermal umziehen