Ich habe heute schlechte Laune. Nicht etwa, weil Timmy, der verrottende Herzens-Wal, am dänischen Strand obduziert wird, die AfD schon wieder in Umfragewerten bei einer Million Prozent steht oder weil jedes Mal, wenn ich irgendwas streamen will, ein Spot der Bundeswehr aufploppt, der so etwas sagt wie: "Du siehst uns nicht, aber wir sind immer da und sehen dich und passen super auf dich auf." Nein, ich habe schlechte Laune wegen des Podcasts "Lanz + Precht", den ich genauso wenig sehe, wie die Bundeswehr mich mit 18 gesehen hat. Aber heute habe ich ihn mir mal angeschaut, wegen eines Reels, das ich auf Instagram entdeckte, mit dem Headliner: "Killt KI die Kunst?"
Das wollte ich natürlich wissen. Jedenfalls sitzen Markus Lanz und unser deutscher Chefphilosoph da mit einem KI-Experten, Andreas O. Loff, der mit seinem Kumpel "Richard, wo erreiche ich dich?" macht, einen Fan-Podcast über, na?, "Lanz + Precht". Dazu postet er auf Instagram KI-Fotos und Reels von veganen Würstchen, die Augen haben, Frikadellen, die sprechen, Angela Merkel als Biker-Oma und eben auch Verarschungen von Precht und Lanz, die er als "Umarmungen" bezeichnet. Sie treten als Chirurgen, Ostler, Walretter oder im Rokoko-Kostüm auf.
Man sieht zum Beispiel Precht im Gespräch mit schon wieder Angela Merkel an so einem Tisch im Garten. Und da stehen dahinter Bill und Tom Kaulitz sowie Lanz als Kellner. Die Kunst mit KI, sagt Loff, sei, dass man seine Visionen möglichst genau beschreiben kann. Loff, der mit der deutschen Comedy-Szene verbandelt ist, kommt wirklich sympathisch rüber. Er hat schon alles Mögliche in der Kreativwirtschaft gemacht, Cloud-Systeme für Mercedes-Benz entwickelt oder Pokerturniere organisiert, er hat diverse Agenturen ins Leben gerufen und beschreibt sich heute als "Bewegtbildbieger, Geschichtenerzähler und Podcast-Onkel". Oder kurz gefasst: "Unternehmer".
Die drei diskutieren also über die Gefahr oder den Profit von KI für Kunst, Musik und Kultur. Loff sagt Sachen wie: "KI demokratisiert Herrschaftswissen". Oder "Professor Jung hat es neulich so schön beschrieben: KI ist nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Werkstoff. Wie Lehm, aus dem man etwas formen kann". Dann bringt Precht einen reaktionären Kracher, der so zum Himmel stinkt wie der ausgeweidete Timmy. Er möchte noch einen Aspekt reinbringen, "der ist für die meisten Leute nicht wichtig, aber wenn man Kunstgeschichte studiert hat oder Philosophie oder so, dann ist einem das schon wichtig". Kunst, sagt er, habe in der Moderne eine gewisse gesellschaftliche Rolle gespielt: "Die ist von den Künstlern auch überschätzt worden."
Jedenfalls sei zu Beginn der Moderne die Fotografie gekommen. Und dann habe es eben nicht mehr gereicht, virtuos und fotorealistisch zu malen; man musste sich halt etwas anderes ausdenken. Daraufhin entstand das Credo, so Precht, dass Kunst formal innovativer werden musste und sozial provokanter. Und dann zieht er eine Linie von der "berühmten Avantgarde-Kunst", dem Expressionismus, bis hin zur Fluxusbewegung der 1960er-Jahre. Man "bildete sich damals ein", so Precht, "dass Kunst eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielt, die ganz andere neue Sichtweisen ermöglicht, eben nicht nur ästhetische, sondern auch gesellschaftliche Sichtweisen". Und das sei halt immer so das Programm der modernen Kunst gewesen. Doch dann, wahrscheinlich irgendwann Ende des 20. Jahrhunderts, "ist das alles schon aus der Gesellschaft raus", sagt Precht, und dann, ohne eine Miene zu verziehen: Kunst hat auch keinerlei gesellschaftliche Bedeutung mehr. Und er glaubt nicht, dass das an der KI liege, sondern dass KI diese schon bestehende Bedeutungslosigkeit quasi nur vollende.
Das wird in der Diskussionsrunde einfach mal so angenommen. Woran das nun gelegen hat, dass Kunst bedeutungslos wurde, führt er nicht genau aus, lediglich, dass das "Handwerk", die persönlichen Erfahrungen, das Lernen und der Einsatz der eigenen Zeit verloren gegangen seien. Ein bisschen muss man angesichts der völlig fehlenden Begründung auch an Timothée Chalamet mit seiner überheblichen Ballett-Phobie denken. Da muss ich doch mal forschen. Warum hört die Bedeutung der Kunst irgendwann in den Sixties mit Joseph Beuys auf? Wann begannen alle, außer dem Kunstbetrieb selbst, das Interesse zu verlieren?
Brecht und Grosz verehren, Linke hassen
Es dauert für mich als Hobby-KI-Dichterin, Krimiautorin und Detektivin Miss Koerner etwa zwei Minuten, um dieses Rätsel zu lösen. 2025, in einer Folge des Podcasts "Hotel Matze", erzählt Precht zum Thema Empörungskultur und Meinungsfreiheit, wieso "avancierte Kunst" nichts mehr zu sagen hat: "Ich kann natürlich als avancierter Künstler etwas machen, wo ich gegen Rechtspopulismus Kunst mache. Und wahrscheinlich unendlich viele. Was ist denn, wenn ich als avancierter Künstler Kunst gegen die Wokeness-Kultur mache? Das ist das Ende meiner Karriere."
Hier möchte ich gerne mal reingrätschen. Nicht nur, dass antifaschistische Kunst nicht "woke" sein muss und außerdem gerade nicht so hoch im Kurs steht. Öfter, als dass sie einen Preis bekommt, wird sie als antisemitisch oder linksradikal diffamiert. Und gäbe es wirklich einen anti-woken Kunstpreis, wer würde den wohl gewinnen? Das können nur Linke oder Faschisten. Ob Precht das so gut fände? Dann fährt er fort: "Das heißt, auch der Künstler hat heute eine Schere im Kopf, die viel, viel größer ist, als sie früher war. Ich denke mal, dass in den 20er-Jahren, also wie avanciert da kritische Kunst gewesen ist, egal ob das in Romanen gewesen ist, wie radikal Kritik gewesen ist, Brecht oder an Döblin oder eine Malerei von George Grosz und was weiß ich."
In dieser Form sei das nicht mehr möglich, postuliert Precht: "Natürlich soll die Kunst kritisch sein, aber nur in eine Richtung, in die Richtung, die schon vorgeschrieben ist. Der sozialistische Realismus sollte auch kritisch sein gegenüber dem Kapitalismus. Ja, also den durfte er natürlich kritisieren, aber er durfte den real existierenden Sozialismus nicht kritisieren." Hier möchte ich ihm wieder etwas zurufen: So geil, dass du ausschließlich Kommunisten, ehemalige Kommunisten oder Sozialisten als Paradebeispiele der Freiheit nennst, die allesamt kapitalismuskritisch waren und fest davon überzeugt, dass Kunst, genau wie im sozialistischen Realismus, einen politischen Auftrag hat. Das vereint ja all diese liberalen oder libertären Wohlstandssäcke, dass sie Brecht lesen und Grosz angucken wollen, aber die heutige Linke nicht ausstehen können.
Angst im Kunstbetrieb
"Unsere Kultur ist politisch eingeschlafen", sagt Precht, "und von allen gesellschaftlichen Bereichen ist unser Kunst- und Kulturbetrieb der ängstlichste geworden. Und er sollte, um das Land innovativ voranzubringen und so weiter, eigentlich der mutigste sein. Das liegt auch daran, dass die avancierte Kunst nichts mehr darf."
Mich würde mal interessieren, wer da was nicht mehr darf. Die MeToo-Black-Lives-Matter-Cancel-Welle ist doch längst vorbei. In Buchhandlungen wie König liegen noch woke Sachen rum, wie Robin Wall Kimmerers "The Service Berry – An Economy of Gifts and Abundance", auf Biennalen werden tüchtig weiter Töpferarbeiten und Erdflüsterarbeiten gezeigt, aber die Critical Race Theory ist im Moment mehr oder weniger erledigt, Klimaschutz kommt nach endlosem Vergessen langsam zurück. Die Angst im Kulturbetrieb kommt nicht von woker Übermacht, sondern wegen rechter Kürzungen, Schließungen, Diffamierungen, Kriminalisierung. "Defund the Kunstbetrieb"? Die Idee ist gerade nicht, Mut zu fördern, sondern den Hahn für jede unangenehme Kritik abzudrehen, den gesamten Kulturbetrieb komplett von allen Steuermitteln zu befreien: "Keinen Euro mehr für einen gekippten antisemitischen oder linksradikalen oder nur langweiligen, öden, marktuntauglichen Schrott, ausschließlich produziert für eine shitbürgerliche Elite". Das Bückbürgertum, heißt das jetzt; da lodert einem das Hirn sofort in Flammen, wie in Heinz Rühmanns Feuerzangenbowle. In Zehlendorf wird das bestimmt der Hit.
Dabei können alle Rebellen aus der Upper Crust im Kunstbetrieb irgendwas Reaktionäres sagen oder machen, solange Geld und Macht dahinterstehen. Ich habe noch nie gehört, dass jemand wegen AfD-naher Ansichten irgendwo nicht eingeladen oder von den Makern und Shakern geschnitten wurde. Diejenigen hingegen, die zumindest nach dem Willen der jetzigen deutschen Regierung nichts mehr dürfen, sind Leute, die das, was in Gaza passiert, einen Genozid nennen und Israel kritisieren. Ansonsten funktioniert unsere Demokratie noch ganz gut. Es ist noch keinem "anti-woken" Künstler ein Haar gekrümmt worden, alle dürfen Peter Thiel anbeten oder Erika Kirk "the Toast of the Town" finden.
Widerstand mit Preview-Pass
Genauso darf auch der akademische Betrieb bleiben, wenn er nicht die "De-Kolonialisierungskeule" rausholt. Auch all die tugendhaften, selbstgerechten Akademiker und Akademikerinnen, von deren pseudo-poetischem Kontrollwahn die Rechte ihre "Dark-Wokeness", diese Scheiß-Culture-Wars, abgekupfert hat, dürfen natürlich weitermachen – nur nicht zu links, nicht zu antiisraelisch werden, sonst: Mittel, Stipendien, Job weg.
Klar gibt es Antisemitismus in der Linken, aber der Begriff ist durch die inflationäre Nutzung längst entwertet; inzwischen sind unglaublich viele jüdische Akteure aus dem Kunstbetrieb betroffen. Die wenigsten Leute haben ein Interesse daran, sich über einen neuen Faschismusbegriff Gedanken zu machen. Genauso sind viele der Aktivisten und progressiven Akteure im Kunstbetrieb auch nicht daran interessiert, ihre Doppelrollen und Privilegien zu verhandeln. Jeder, der schon mal auf der Biennale in Venedig war, weiß, dass man da vielleicht auf Schleichpfaden reingeholt werden kann, aber nicht Hunderte von Demonstranten. Das heißt, die Leute, die da in den Giardini gegen den bigotten Kunstbetrieb und "Art Washing" demonstrierten, waren Teil von ihm – Mitwirkende, Künstler, Kuratoren, Leute mit Preview-Pass. Und ich würde sagen – da lasse ich mich gerne eines Besseren belehren –, 90 Prozent von ihnen hoffen auf einen Job, eine Zukunft in der Kunstwelt.
Das spricht nicht gegen das Recht, auf die Barrikaden zu gehen, zeugt aber auch von der fehlenden Reflexion der eigenen Rolle in den Machtverhältnissen. Ich habe noch nie gehört, dass irgendwelche antikapitalistischen, antikolonialistischen Pro-Pali-Nachwuchskuratoren angesichts des Horror-Betriebs auf eine Karriere im Kunstbetrieb verzichten und etwas anderes gemacht hätten. Du kannst dich am Wochenende in Neukölln mit Bullen kloppen und am Montag für den Klassenfeind arbeiten oder Skulpturen für seine Landhäuser basteln, ohne das je thematisieren zu müssen. Dabei wäre das ganz spannend, so ähnlich wie ein Outing in Aids- und Act-Up-Zeiten.
Grenzenloser Kulturpessimismus
Und damit direkt zurück zu unserem Top-Kunstexperten Richard David Precht. Es ist paradox, ohne jedes wirkliche Interesse an der gegenwärtigen, eben auch politisierten Kunst, ohne jede Evidenz zu behaupten, Kunst hätte keine gesellschaftliche Relevanz mehr. Ich gehe ja auch nicht nach diesen Ausführungen hin und sage, Philosophie hätte jede Relevanz verloren. Wenn Kunst wirklich irrelevant wäre, würde darüber nicht gestritten, stünden die Zerstörung von Kunst und Kultur nicht ganz oben auf der To-do-Liste bei der AfD, siehe Sachsen. Wenn das so wäre, würden eure Podcasts wohl ausfallen.
Es ist verlogen zu behaupten, wir bräuchten mehr Mut und Meinungsfreiheit, mehr Debatte, wenn man nichts anderes auf dem Kasten hat, als immer weiter gegen irgendeine ominöse "Wokeness" zu wettern und dabei Brecht und Grosz zu zitieren. Entweder ist das einfältig oder es spielt mit Absicht Leuten in die Hände, die tatsächlich denken, der Kanon der Gegenwartskunst endete irgendwann in den 2010er-Jahren, als man anfing, auch in den Institutionen zu dekolonisieren und den globalen Süden miteinzubeziehen.
Ob KI Kunst killt, ist eine überflüssige, polemische Frage, wenn man denkt, dass KI keinen wesentlichen Anteil am völligen Verfall der Kunst hat, sondern "Wokeness". Dieser Podcast aus der Hölle will nichts über Kunst herausfinden, sondern uns mit diesem Gewimmer schon mal auf die gegenwärtige Echokammer einstimmen, in der keine Zukunft, keine Debatten oder kein Fortschritt auf uns warteten, sondern Wal Timmy, deine dreijährige Tochter, die das alles mit KI besser machen oder malen kann, und grenzenloser Kulturpessimismus.