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Debatte

Ahoi de Meese!

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Jonathan Meese ist einer der wenigen Künstler, die Kunst über alles stellen. Auch über sich selbst. Dass er einerseits das Künstlerego opfert und sich gleichzeitig als Performer exponiert, ist in der Widersprüchlichkeit für viele schwer zu verkraften

Jonathan Meese degradiert sich zur "Ameise der Kunst", die sich sklavisch der "Diktatur der Kunst" unterordnet, feuert dabei aber Salven von Tschingderassabum-Begriffen ab. Staatssatanismus. Erz. Wagner. Ahoi de Angst. Hitler. Sein Reizwörter-Tourette wird ihm als reine Provokation ausgelegt.

Verwerflich wäre ja nur, wenn es in Wahrheit um nichts dabei ginge. Doch Jonathan Meese geht es um alles. Um das Erzeugen einer größtmöglichen Reizung und Verdichtung, um Zumutung, Verausgabung, Anti-Konsens, Übertretung. Diese Intensität, die er herzu­stellen vermag, ist sein eigentliches künstlerisches Material.

Er ist sicher nicht der beste Maler der Welt, und nicht alle seine Skulpturen sind fantastisch. Aber in zwei Punkten ist er unschlagbar: in seinen Rauminstallationen, die immer absolut zwingende Setzungen sind. Angefangen von seinem ersten Auftritt bei der ersten Berlin Biennale 1998 mit seinem verwirrten Kinderzimmer-Chaos über die grandiose Schirn-Ausstellung "Képi Blanc" von 2004 mit ihren grausamen Kinderheim-Waschbecken und -Spinden. Bis hin zur jüngsten VR-Installation "Mutter und Sohn = Realität trifft Kunst", in der Brigitte und Jonathan Meese fast schon Stand-up-Comedy-Qualitäten entwickeln und trotzdem aufrichtige Einblicke in seine Kunstproduktion geben.

Meeses Messie-Ästhetik, das Geschnipsel und Gekleckse, Krickelkrakel und haldenhaft Unaufgeräumte in seinen Werken täuscht darüber hinweg, wie präzise er ist. In jedem Werk gelingt es ihm, einen Moment absoluter Unschuld und Naivität zu erhalten, die beim nächsten schon nicht mehr funktionieren würde. Dazu geht er mit Sprache um wie kaum ein anderer. Höchstens John Bock ist noch zu dem mäandernden Wahnsinn in der Lage, der durch Umverteilung von Bedeutung
in die tieferen Schichten der Verständigung vordringt.

Das vermeintlich Zwanghafte seiner Worte ist in Wirklichkeit Ausdruck allergrößter Freiheit und Menschenfreundlichkeit. In Meeses Assoziationsräumen wohnen so unliebsame, aber kraftvolle Regungen wie Albernheit, Bestürzung oder Scham. Im Grunde geht es ums Aktivieren des schieren, radikalen Lebendigseins durch Kunst. Weil er einer der wenigen ist, die Kunst über alles stellen, ist Jona­than Meese einer der wenigen Künstler überhaupt.

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