Prominentenkinder als Models

Die Erbmonarchien der Celebrities

Lily-Rose Depp, Lila Grace Moss, Damian Hurley: Die Kinder der Supermodel-Ära betreten die Laufstege und lassen den Geist der 90er wiederaufleben. Die neuen Modedynastien streben nach den klassischen Qualitäten der Kunst

Als neulich Damian Hurley sein Debut als Model gab, staunten viele Kommentatoren über seine Ähnlichkeit zu seiner schönen Mutter. Dass Damian heute so aussieht wie das damalige Topmodel Liz Hurley vor 25 Jahren, mag sich einem fein gestrickten Bauplan des Lebens verdanken. Dass er aber nicht nur ihr Äußeres geerbt hat, sondern auch den gleichen Glamour ausstrahlt, wurde mindestens als Magie gedeutet – und genau danach scheint sich die weitgehend entzauberte Laufstegwelt dringlichst zu sehnen.

Der 17-Jährige ist nur eines von vielen Prominentenkindern, die die aktuelle Modeindustrie prägen. Auf der Londoner Fashion Week lief soeben Paris Brosnan, Sohn der 007-Legende, über den Laufsteg. Lila Grace Moss Hack, Tochter von Kate Moss, war gerade auf der Longchamp-Schau in New York zu Besuch. Kaia und Presley Gerber, die Kinder von Cindy Crawford, sind ohnehin omnipräsent.

Dann ist da Lily-Rose Depp (Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis), der Nachwuchs der Beckhams und Schwarzeneggers und über allem schweben die modernen Großdynastien der Jenners/Kardashians und Hadids. Auch Deutschland hat erste Celebrity-Kids: Die Kinder von Boris Becker modeln genauso wie Zec und York Meiré, Söhne von Mike Meire und Michelle Elie.

Glückliche Kombination von Schönheit und Status

Offensichtlich reizt es die Öffentlichkeit sehr zu erfahren, wie diese "Kinder-von" aussehen und ob sie das gleiche Charisma haben wie ihre Eltern. Dahinter steckt sicher eine Portion Retromanie – die Kids lassen uns in eine selbstverständlich bessere Vergangenheit zurückreisen (Liz Hurley und Hugh Grant, das coole London der 90er etc.).

Für die Modewelt bedeutet der family turn aber auch eine Kehrtwende zu den Castingshows und ihrem Peitschen-Protestantismus des "Du kannst es schaffen, wenn du nur hart arbeitest". Diesem vordergründig demokratischen, aber auch brutalen Leistungsprinzip steht die Erbmonarchie der Celebrity-Kids, die statt auf Selbstoptimierung allein auf der glücklichen Kombination von Schönheit und Status beruht, diametral entgegen. 

Gültigkeit über die Saison hinaus

Daher ist es wohl auch kein Zufall, dass heute ausgerechnet die Kinder der Supermodel-Ära der frühen 90er-Jahre in die Öffentlichkeit treten und damit einen Glamour wiederaufleben lassen, der durch die mageren Russinnen der Jahrtausendwende und dann durch die vielen Next Topmodels unterbrochen war. Wenn der Crawford- und Moss-Nachwuchs jetzt vor den Augen seiner in der First Row versammelten Eltern den Laufsteg betritt, hat das Ganze auch etwas von einer Krönungszeremonie – und die Modewelt endlich erreicht, was ihr bislang verwehrt blieb: Gültigkeit über die Saison hinaus.

Die neuen Modedynastien streben damit nach den klassischen Qualitäten der Kunst, nach Ewigkeit, Aura, Erhabenheit. Doch obwohl die Kunst gerne Aristokratiemetaphern ("Malerfürst") verwendet, ist ihr selbst ein dynastisches Denken völlig fremd. Fast niemand weiß, was die Kinder von Ai Weiwei oder Jeff Koons, Marina Abramovic, Gerhard Richter oder Cindy Sherman treiben (oder ob sie überhaupt welche haben). Der Nachwuchs von Picasso und Matisse, Georg Baselitz und Julian Schnabel brachte es zum Kunsthändler – aber in die Fußstapfen von Vater oder Mutter treten Künstlerkinder fast nie.

Kunst kennt keine Idealmaße

Natürlich spielen die Gene dort eine größere Rolle, wo das Aussehen im Vordergrund steht. Aber nicht nur die Mode kennt berühmte Familien. Es gibt den Wagner-Clan, die Manns, die Gainsbourgs, die Coppolas, die Bachs, die Georges, die Kinskis, die Walsers. Warum soll ein Talent fürs Musizieren und Komponieren, Schreiben, Filmen und Schauspielen vererblich sein, nicht aber fürs Malen oder die Bildhauerei?

Möglicherweise liegt das am Geniekult, der sich in der Kunstwelt penetranter hält als in anderen Sparten. An den großen Egos der Künstler, die niemanden neben sich dulden und erst recht nicht nach sich; die als größte Schöpfung ihre Bilder und Skulpturen erachten, nicht ihre Familien. Am Fetisch der Unerklärlichkeit, die gute Kunst ja ausmachen soll.

Die Kunst kennt keine Idealmaße, sie definiert sich nicht allein über Schönheit, der Lauf der Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Mode möchte jetzt auch so sein. An der Abschaffung des Alters arbeiten sie derweil auch im Silicon Valley. Ewigkeit liegt in dieser Saison voll im Trend.