Am Mittwoch demonstrierten Mitglieder der feministischen Gruppen Pussy Riot und Femen gegen die erneute Teilnahme Russlands an der renommierten Ausstellung. Nach Angaben von Augenzeugen versammelten sich am Vormittag rund 50 Protestierende vor dem russischen Pavillon in den Giardini. Einige trugen die für Pussy Riot typischen bunten Sturmhauben. Begleitet von lauter Punkmusik wurden bengalische Feuer gezündet und Slogans wie "War is Russia’s art" und "Art for show, graves below" skandiert. Mehrere Aktivistinnen hielten ukrainische Flaggen hoch, andere präsentierten politische Botschaften auf ihren nackten Oberkörpern.
Die Aktion begann gegen 11 Uhr kurz nach Öffnung des Geländes und dauerte etwa 20 Minuten. Zwischenzeitlich kletterten einzelne Teilnehmerinnen auf das Gebäude und entrollten Fahnen. Eine erkennbare Reaktion aus dem russischen Pavillon blieb aus. Auch die Leitung der Biennale griff zunächst nicht ein.
Pussy-Riot-Mitgründerin Nadeschda Tolokonnikowa forderte die Schließung des russischen Beitrags und sprach sich dafür aus, den Pavillon Künstlerinnen und Künstlern aus unterdrückten Gruppen zu überlassen. Die Aktivistin kritisierte die Entscheidung der Biennale-Leitung, Russland nach einer vierjährigen Pause wieder teilnehmen zu lassen, scharf.
Russlands Rückkehr zur Biennale war im März bekanntgegeben worden und hatte bereits im Vorfeld Kritik aus Politik und Kulturbetrieb ausgelöst. Hintergrund ist der Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022, nach dem das Land zuletzt von der Ausstellung ausgeschlossen worden war.
Buttafuoco beklagt Rufe nach Zensur und Ausschluss
Derweil verwahrt sich Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco gegen Kritik an der Teilnahme Russlands und wirft seinen Kritikern Intoleranz vor. Es habe hitzige Diskussionen, Ausschluss-Forderungen und Stellungnahmen gegeben, die oft dem Zuhören vorausgegangen seien, beklagte Buttafuoco. Er wundere sich darüber, dass die Welt, die aus der Französischen Revolution, der Aufklärung, dem Laizismus und dem Streben nach perfekter Demokratie hervorgegangen sei, sich in ihr genaues Gegenteil verkehrt habe, sagte Buttafuoco. Er beklagte "eine Werkstatt der Intoleranz und der Rufe nach Zensur, nach Zensur und Ausschluss".
Man sei nicht blind gegenüber Diskriminierung, Gewalt und Krieg, betonte Buttafuoco. Aber: "Sich jemandem zu verschließen, bedeutet, die Öffnung gegenüber anderen zu schwächen. Und wenn die Biennale damit begänne, nicht Werke auszuwählen, sondern Zugehörigkeiten, nicht Visionen, sondern Pässe, dann würde sie aufhören, das zu sein, was sie immer gewesen ist." Venedig habe seit Jahrhunderten keine Angst vor der Begegnung.
"Wir schüren hier keine Polemiken, wir geben keine Antworten, wir eröffnen Diskussionen", erklärte Buttafuco. Er beklagte eine vorweggenommene Zensur noch vor der Ausstellung eines Werks. Die Biennale sei kein Gericht. "Dies ist ein Garten des Friedens, ein Ort, an dem ausgestellt wird, ein Ort, an dem diskutiert wird, ein Ort, wo man sich zuhört."
Kritik vom russischen Botschafter
Italiens Kulturminister Alessandro Giuli hatte dem Biennale-Präsidenten zuletzt vorgeworfen, mit der Wiederzulassung von Russland zu der sechsmonatigen Ausstellung Neben-Außenpolitik betreiben zu wollen und damit gescheitert zu sein. "Er ist Opfer einer pazifistischen Fantasie geworden", sagte Giuli der Zeitung "La Repubblica" (Sonntag).
Der Journalist und Schriftsteller Buttafuoco leitet die Kunstbiennale seit März 2024. Ernannt wurde er von der rechten Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Der 62-Jährige kommt ebenfalls aus dem rechten Lager und galt bislang als Freund des heutigen Kulturministers.
Der russische Botschafter Alexej Paramonow beklagte bei der Präsentation des Pavillons, die EU und ihre Bürokraten täten seit Jahren alles, um einen Eisernen Vorhang zu errichten und Austausch zu verhindern. Die EU droht der Biennale damit, wegen Russlands Beteiligung Zuschüsse in Millionenhöhe zu streichen.
Die diesjährige Kunstbiennale wird am Samstag offiziell eröffnet.