Putin-Film in Venedig

Wie man einen Despoten erschafft

In Venedig hat der Historien-Thriller "Der Magier im Kreml" Premiere gefeiert. Er handelt von einem fiktiven Politikberater, der Wladimir Putin ins Amt verhilft. In der Konstellation spiegeln sich die Kräfte der jüngeren russischen Geschichte

Erst nach einer halben Filmstunde tritt Wladimir Wladimirowitsch Putin auf, Ende der 1990er noch Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. Gespielt wird er von Jude Law, was im Vorfeld der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig für Diskussionen sorgte. Enorm wandlungsfähig ist der britische Schauspieler ja – aber packt er auch diese Rolle? 

Die Antwort: Nach etwas Eingewöhnung funktioniert es. Kalt kalkulierender Blick, starre Mimik, elastischer Gang: Jude Law gibt einen überzeugend schlangengleichen Putin. Doch der ist gar nicht die Titelfigur von Olivier Assayas' Historien-Drama "Der Magier im Kreml". Paul Dano in der Hauptrolle des Wadim Baranow, des fiktiven inoffiziellen Beraters des modernen "Zaren" Putin, ist das eigentliche Ereignis dieses Films. 

Dano macht die Wandlungen dieser schillernden Figur glaubhaft, in der sich die Entwicklung Russlands seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion spiegeln. Zunächst Avantgarde-Künstler, dann Produzent einer Reality-TV-Show, wird Baranow zum Spin-Doktor des neuen Russlands. Er formt Reden, Fantasien und Wahrnehmungen. Und schließlich wird er zum Putin-Flüsterer.

Bedrohliche Empowerment-Story

Der Film beruht auf einem Roman des Italieners Giuliano Da Empoli. Der hat die Baranow-Figur vor allem nach Wladislav Jurjewitsch Surkow geformt, einem Wissenschaftler, Theaterregisseur und Schriftsteller, der als Architekt von Putins Machtergreifung gilt. 

In der Rahmenhandlung auf der Leinwand hat sich Baranow aus der Politik zurückgezogen. Dennoch behauptet er, noch einen heißen Draht zu Putin zu haben. Ein US-amerikanischer Journalist, gespielt von Jeffrey Wright, besucht den fernab von Moskau auf seinem Landsitz lebenden Zeitzeugen, der ihm bereitwillig von seinem Aufstieg in den innersten Zirkel der Macht erzählt. Dano setzt eine pausbäckige Unschuldsmiene auf, hinter der skrupelloser Machiavellismus lauert, und referiert seine Empowerment-Geschichte mit einem Singsang, in den sich mitunter bedrohliche Töne mischen.

"Der Magier im Kreml" beginnt mit dem Rausch der postsowjetischen 1990er, in denen die junge Generation auf demokratische Zustände hoffte. Assayas zeigt die Partystimmung und die Gewaltexzesse dieser Zeit. Sein Protagonist inszeniert Theaterstücke in Moskau. Die Stoffe behandeln das Chaos, und Baranow begreift, dass die Kunst als Baukasten für eine zukünftige Politik genutzt werden kann.

Die Manipulationskunst einer Spielernatur

Er lernt den einflussreichen Geschäftsmann und TV-Mogul Boris Beresowski (Will Keen) kennen, den Strippenzieher hinter Boris Jelzin, der trotz seiner Gebrechlichkeit 1996 als Präsident wiedergewählt wird. Anders als Baranow ist Beresowski eine historische Figur. Er half, Putin als Nachfolger von Jelzin zu installieren, wurde von Putin dann abserviert und starb im britischen Exil. 

Beresowski wurde in seinem Haus erhängt aufgefunden. Ob es Suizid oder Mord war, konnte nicht zweifelsfrei aufgeklärt werden. Im Film wechselt Wadim Baranow vom Theater ins TV-Geschäft und trifft den damals noch unantastbaren Strippenzieher beim populären ORT-Sender. Beresowski nimmt ihn zur Audienz beim Geheimdienstler Putin mit. 

Baranow wird daraufhin Kommunikationsstratege des Direktors. Der ehemalige Künstler, eine Spielernatur, beherrscht virtuos die Gratwanderung zwischen Wahrheit und Täuschung. Die Konsequenz seiner Manipulationskunst, die in der uneingeschränkten Machtfülle Putins resultiert, scheint Baranow in seiner Leidenschaft fürs politische Spiel zu ignorieren.

Staunend über das angerichtete Unheil

In der Hauptfigur des "Magiers" spiegeln sich die tektonischen Kräfte der jüngeren russischen Geschichte. Aber letztlich geht es um die atemberaubenden globalen Entwicklungen in den zurückliegenden drei Jahrzehnten, geprägt von Aufbrüchen, Hoffnungen, bitteren Enttäuschungen und unsäglicher Gewalt. All das kristallisiert sich in Assayas' Historien-Thriller, einem Film der furiosen Orts- und Identitätswechsel. Das Gesicht von Paul Dano erinnert an das stille Auge eines Orkans: unberührt, staunend über das angerichtete Unheil, beunruhigend leer.

Ob Baranow seine Winkelzüge und geknüpften Seilschaften am Ende wirklich bereut, lässt der Regisseur im Dunkeln. Der Ukraine-Krieg ist ausgebrochen, den Baranow zu missbilligen vorgibt. Jedenfalls erklärt er das dem US-Reporter, der ihn interviewen darf. Aber vielleicht stören ihn nur die Sanktionen des Westens, die auch ihn betreffen. 

Man wird aus ihm nicht schlau. Kann jemand Kosmopolit und Stalinist zugleich sein? Wie kann einer Demokratie begrüßen und dann einen Despoten kreieren? Baranow hat tausend Gesichter, wie eine Art russischer Doktor Mabuse. Dabei blickt Assayas furioses Zeitstück weit über Russland hinaus. Denn was Baranow mit seinem Land macht, sehen wir heute auch in Europa und den USA. Abrakadabra – weg sind Freiheit und Demokratie. Da hilft kein Gegenzauber, aber womöglich helfen Aufklärung und Reflexion. 2026 soll "Der Magier im Kreml" in den Kinos anlaufen.