Rachel Scott auf der New York Fashion Week

Subversive Eleganz

Designerin Rachel Scott nach ihrer Diotima-Show in New York, 2026
Actionpress

Designerin Rachel Scott nach ihrer Diotima-Show in New York, 2026

Mit zwei Kollektionen prägte Rachel Scott die New Yorker Modewoche. Während ihr Debüt bei Proenza Schouler vorsichtig ausfiel, zeigte sie mit Diotima politische Haltung – im Dialog mit dem Werk von Wifredo Lam

Zwei Shows, zwei Rollen – eine Designerin: Rachel Scott stand im Zentrum dieser New Yorker Modewoche wie kaum eine andere. Als neue Kreativdirektorin von Proenza Schouler zeigte sie ein eher kontrolliertes Debüt. Mit ihrem eigenen Haus Diotima jedoch präsentierte sie eine fair produzierte, dezidiert dekoloniale Kollektion – im Dialog mit dem Werk des kubanischen Künstlers Wifredo Lam. "Femme Cheval", benannt nach seinem Gemälde von 1943, entstand in Zusammenarbeit mit dessen Nachlass. Lam verstand seine Kunst als "Akt der Dekolonisierung" – ein Gedanke, den Scott nun mit Diotima in Mode übersetzte.

Seit 2024 ist Scott Kreativdirektorin des 2002 von Jack McCollough und Lazaro Hernandez gegründeten Hauses – eine Ernennung, die im traditionell männlich geprägten Luxussegment mehr ist als eine Personalentscheidung. Mit Scott übernahm erstmals eine Schwarze, queere Designerin mit Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung die kreative Leitung eines etablierten New Yorker Modehauses.

 

 

Das von Proenza Schouler 2002 gegründete Label galt besonders in den 2010er-Jahren als die vielleicht spannendste Marke der New York Fashion Week: urban, materialbewusst, mit intellektuellem Unterton. Gleichzeitig führt Scott seit 2021 ihr eigenes Label Diotima. Eine persönliche, dezidiert politische Marke, mit deutlichem Bezug zur karibischen Kolonialgeschichte und klar antiimperialistischer Haltung. Handwerk bildet eine zentrale Säule ihrer Arbeit; rund 60 Prozent der aktuellen Diotima-Kollektion sind von Hand gefertigt. Das ist eine Praxis, die im klassischen Modesystem – in dem ökonomische Skalierbarkeit oft über Werte gestellt wird – keine Selbstverständlichkeit ist.

Dass sich diese Haltung auch institutionell durchsetzt, zeigt Scotts rascher Aufstieg: 2023 wurde sie mit Diotima Zweitplatzierte beim CFDA/Vogue Fashion Fund und Finalistin des LVMH Prize. 2024 folgte die Auszeichnung als erste Schwarze Frau zur CFDA American Womenswear Designer of the Year, im November desselben Jahres erhielt sie den neu geschaffenen CFDA Empowered Vision Award. Zudem ist sie Finalistin des International Woolmark Prize 2025. Diese Liste ist mehr als ein Erfolgskatalog – sie markiert eine Verschiebung von Sichtbarkeit und Anerkennung innerhalb einer Branche, in der Diversität oft inszeniert, aber selten strukturell verankert wird.

 

 

Diese Saison zeigte Scott erstmals parallel Kollektionen für beide Häuser, an deren Kreativspitze sie steht. Und auch wenn nur eine davon explizit politisch argumentierte, waren doch beide Statements – wenn auch auf unterschiedliche Weise.

Ihr Herbst/Winter-Debüt bei Proenza Schouler stand unter dem Titel "The First Women’s Collection by Rachel Scott", der bereits für sich als programmatische Setzung gelesen werden kann. Scott sprach davon, eine Distanz aufheben zu wollen, die männliche Designer zwangsläufig zur weiblichen Erfahrung hätten. Als Frau sei ihr Verständnis davon unmittelbarer. 

Ein skulpturales blau-grünes Kleid eröffnete die Schau. Es folgten weich sitzende Kostüme mit kontrastierendem Umlegekragen, kurze, ausgestellte Blazer zu gebleicht-braunen Jeans, durchgeknöpfte Stoffhosen zu einem hochgeschlossenen weißen Mantel. Drapierte Tops in blassem Hahnentritt, asymmetrische Röcke, Knöpfe als verbindendes Motiv. Fransige Lederpumps und gegen Ende zunehmend handwerkliche Details strukturierten die Kollektion. Von modern interpretierter Office Wear entwickelte sich die Schau damit allmählich zu jenen Elementen, die Scotts eigene Handschrift erkennen ließen: gehäkelte, ärmellose Rollkragenkleider, abstrahierte Blumenmotive auf Leder, Taschen und Kleidern, ein rot-weißes Poncho-Kleid mit Metallösen und türkisen Akzenten. Ein elegantes Spiel mit den Codes der Marke – und mit ihrer eigenen ästhetischen Sprache.

Und doch blieb es ein kontrolliertes Debüt. Respektvoll gegenüber dem Haus, präzise im Schnitt, klar in der Linie. Das große "Va-va-voom", das Scott mit Diotima stets wie selbstverständlich einlöst, blitzt hier eher vorsichtig auf. Vielleicht ist das die notwendige Zurückhaltung für den Anfang. Vielleicht aber auch ein Hinweis darauf, wie eng der Spielraum innerhalb einer etablierten Luxusmarke bleibt.

 

 

Deutlicher politisch wurde es bei Diotima. Seit der Gründung 2021 zieht sich die Auseinandersetzung mit Dekolonialisierung und einer nicht-eurozentrischen Perspektive durch Scotts Arbeit. Diese Saison trug den Titel "Femme Cheval" – benannt nach einem Gemälde von Wifredo Lam aus dem Jahr 1943 – und entstand in Zusammenarbeit mit dessen Nachlass. 

Lam, 1902 in Kuba geboren, studierte in Spanien, lebte in Paris, kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und bewegte sich später zwischen Europa, Mexiko und der Karibik. Seine Bildsprache verband europäischen Modernismus und Surrealismus mit afro-kubanischer Symbolik. Er selbst verstand seine Kunst als "Akt der Dekolonisierung". Dass derzeit im Museum of Modern Art in New York mit "When I Don’t Sleep, I Dream" seine erste US-Retrospektive zu sehen ist, positioniert nicht nur die Kollektion im kunsthistorischen Diskurs, sondern verortet zugleich die Aktualität von Lams Werk im Jetzt.

Lam bezeichnete seine Kunst als "trojanisches Pferd" – als ästhetische Form, die zunächst verführt, um dann Machtstrukturen zu hinterfragen. Genau dieses Prinzip überträgt Scott in Mode, wie sie selbst betont. Organza-Intarsien ließen bodenlange Röcke lebendig und skulptural erscheinen, inspiriert von Lams "Femme Cheval". Motive aus dem rhythmischen Gemälde "Omi Obini" wurden in Jacquards übersetzt. Lams Bildsprache prägte die gesamte Farbpalette, bestimmte Materialität und Struktur der Kollektion. Weite Silhouetten trafen auf filigrane Häkel-Cut-outs mit Perlenbesatz – gefertigt in Zusammenarbeit mit Handarbeiterinnen in Jamaika. Loop-Strick-Westen begegneten blockgefärbten Wollkleidern und dreidimensionaler Kordelstickerei. Organisch, laut, selbstbewusst.

 

Wifredo Lam "Harpe astrale (Astral Harp)", 1944
© Succession Wifredo Lam, ADAGP, Paris / ARS, New York 2025

Wifredo Lam "Harpe astrale (Astral Harp)", 1944

 

Einige Models trugen statt klassischer Handtaschen bestickte Peitschen-Seile – ein irritierendes Detail zwischen Ornament und historischer Referenz. Gleichzeitig kooperierte Scott mit dem Refugee Atelier, einer New Yorker Organisation, die mit geflüchteten und migrantischen Designerinnen arbeitet und fair bezahlt. Politik blieb hier nicht abstrakt, sondern wurde Teil des Produktionsprozesses.

Scott sprach offen über die ICE-Razzien in den USA, über politischen Druck auf Kuba und über die Situation in Venezuela. "Wenn man in irgendeiner Form eine Plattform hat, muss man etwas sagen", erklärte sie. Durch ihre neue Position bei Proenza Schouler ist diese Plattform größer denn je. Die entscheidende Frage lautet nun nicht, ob Mode politisch sein kann. Sondern wie weit sie gehen darf, wenn sie im Zentrum der Luxusindustrie stattfindet. Mit Diotima zeigte Scott erneut, wie subversiv Eleganz sein kann. Mit Proenza Schouler zeigte sie nun, wie vorsichtig Transformation beginnt. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die 42-Jährige – und mit ihr eine Branche, die sich entscheiden muss, ob politische Haltung bloße Ästhetik bleibt oder strukturelle Konsequenzen hat.