Raoul Hausmann in der Berlinischen Galerie

Die Unruhe war sein Lebensprinzip

Er war Dadaist, Erfinder, Fotograf, Provokateur: Die Berlinische Galerie widmet Raoul Hausmann eine große Retrospektive. Sie zeigt, dass hinter dem "Dadasophen" weit mehr steckt als Spott und Zerstörungslust

"Der deutsche Spießer ärgert sich", war ein Flugblatt des Jahres 1920 überschrieben, in dessen von Invektiven strotzendem Text es unter anderem – unter vielem anderen! – heißt: "Uns hat die Welt heute keinen tiefen Sinn, als den des unergründlichsten Unsinns, wir wollen nichts von Geist oder Kunst wissen." Und: "Wir wünschen  die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe."

Der Verfasser war der Künstler Raoul Hausmann, der sich selbst schon früh als "Dadasoph" bezeichnete, neben allerlei weiteren Phantasietiteln. Und "Dada" war die Bewegung, in der Hausmann eine zentrale Rolle spielte, entstanden während des Ersten Weltkriegs und mit ihrem Höhepunkt in den paar Jahren nach dessen Ende, ehe spätestens 1923 eine neue, sachliche Kunst auftrat. Hausmann aber blieb, wenn schon nicht in Worten, so doch in seinem ganzen Auftritt Dadaist, verstanden als das Gegenteil des ihm und seinesgleichen so verhassten "Spießers".

Ja, Dada ging vorbei, aber Raoul Hausmann blieb und machte Kunst, bis zu seinem Tod 1971 im selbstgewählten Exil im französischen Limoges, nun wahrlich nicht der Nabel der (Kunst-)Welt. Dorthin hatte es ihn verschlagen, nachdem er, des Spanischen Bürgerkriegs wegen, nicht länger auf Ibiza bleiben konnte, wohin er, nach erster Übersiedlung nach Paris 1933, gegangen war; es muss damals sehr beschaulich auf der Insel gewesen sein. Er fotografierte dort die bäuerlich-kargen Häuser.

Einige Beispiele dieser Foto-Ausbeute sind jetzt in der umfassenden Retrospektive zu sehen, die die Berlinische Galerie Raoul Hausmann (1886-1971) ausrichtet, als Teil ihres Jubiläumsprogramms zum 50. Bestehen des Vereins, der dieses Museums einst als Privatinitiative gegründet hat. Die letzte Hausmann-Ausstellung überhaupt, ebenfalls in der Berlinischen, liegt auch schon wieder 31 Jahre zurück, und während sie damals das Spottwort gegen den Spießer als Titel trug, ist die diesmal nüchterner mit "Vision. Provokation. Dada" überschrieben. So wird schon vor dem Rundgang deutlich, dass Hausmann mehr ist als nur der "Dadasoph", auch wenn er seine größte, später schmerzlich vermisste Wirkung in eben dieser kurzlebigen Richtung hatte.

Ein Leben in Bewegung

Der Nachlass des frühen Hausmann wird in der Berlinische Galerie bewahrt, der des späten in Frankreich; aus beiden Teilbeständen speist sich die Ausstellung, ergänzt um hochkarätige Leihgaben aus Museen wie der Tate in London oder dem MoMA in New York, dazu von zahlreichen Privatsammlern. Es wird mindestens eine weitere Generation dauern, bis eine vergleichbare Ausstellung zustande kommt, diesmal zusammengestellt von Ralf Burmeister, dem Archivleiter des Museums. Er hat sehr genau darauf geachtet, alle Phasen des künstlerischen Werdegangs Hausmanns gleichberechtigt vorzustellen und eben nicht, so bequem es wäre, beim Dadaisten stehen zu bleiben.

Hausmann blieb, wie er es von der "Welt" gefordert hatte, zeitlebens "bewegt und beweglich". Er begann als Expressionist, eine Richtung, die er wenige Jahre danach mit Hohn und Spott bedachte, er betrieb die Provokationen Dadas, aber er wird in der jetzigen Ausstellung besser als je zuvor sichtbar als einer der Miterfinder der Collage, und sichtbar als einer, der diese Technik beibehielt und sogar im französischen Exil wiederbelebte. Das Zusammensetzen disparater Teile, das die Collage ausmacht, ging bei ihm weit darüber hinaus: Hausmann wollte Sehen, Sprechen, Hören und Fühlen zusammenführen, er sprach von der "Eroberung all unserer Sinne". Damit dieser Aspekt zumindest angerissen wird, sind in die Ausstellung drei Hörstationen integriert, wie überhaupt die Ausstellungsgestaltung von Bfs Design ganz hervorragend mit dem oft kleinteiligen Material umgeht.

Vor allem als Fotograf ist Hausmann zu entdecken. Ihn als Person hatte der große August Sander 1929 abgelichtet, mit der merkwürdigen Berufsbezeichnung "Erfinder und Dadaist", was in eigentümlichem Kontrast steht zur bürgerlichen Erscheinung mit Anzug und Krawatte. Und Monokel! Hausmann litt seit der Kindheit an einer Beeinträchtigung des linken Auges und trug daher ein Einglas, was ihm, der auf Fotografien fast nie lächelt, ein zusätzlich herrisches Aussehen gab. Seine Frauengeschichten sind legendär; gern trat er mit zwei oder drei Partnerinnen gleichzeitig auf. Dass er materiell von ihnen abhängig war und nie auch nur annähernd von seiner künstlerischen Arbeit leben konnte, es wohl auch gar nicht versuchte, gehört zum Bild dieses Anti-Bürgers par excellence.

Der Fotograf des Nebensächlichen

Als Fotograf widmete er sich vorwiegend dem Unbeachteten und Nebensächlichen, der Schaumkrone einer Welle – er verbrachte viele Sommer an Nord- oder Ostsee –, einem zerwühlten Bett, einem Astloch oder einem Fuß im Sand. Das sind keine neusachlichen Kompositionen, sondern Annäherungen an die Dinglichkeit der Dinge im Medium der Fotografie, ein Widerspruch in sich, wenn man so will. Hausmann wollte die ihn umgebende Wirklichkeit zur Gänze erfassen. 1931 fotografiert er ein "Auge im Vergrößerungsglas", das den Betrachter dieser Fotografie geradezu beschwörend anblickt, als wollte Hausmann auf seinen immer gefährdeten Seh-Sinn aufmerksam machen.

Das Spätwerk im französischen Exil greift dann wieder auf die Anfänge zurück, ein Bleistift-Selbstportrait wie aus einem Akademie-Unterricht markiert 1943 den Auftakt zu den entsprechenden Ausstellungskapiteln. Später geht er nochmals durch seine Techniken hindurch, durch Collagen und so etwas wie Plakatmalerei, bis hin zur allerspätesten Collage "Weiß auf weiß" von 1970, als er bereits erblindete. Wenige Jahre zuvor hatte er in einem Brief erklärt, "I invented 1. Fotomontage, 2. Decollage, 3. Sound (letter) poem, 4. Optophone". An Selbstbewusstsein hat es ihm nie gemangelt. Aber das braucht es auch, wenn man es mit der ganzen Welt aufnehmen will, wie Raoul Hausmann es getan hat. Die Unruhe war sein Lebensprinzip.