Raphael in New York

Meister der Madonnen und des Marktes

Eine Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum zeigt, wie eng Raphaels Werk mit Geld und Prestige verbunden war. Doch die Bilder des Renaissance-Malers erinnern auch daran, dass Kunst nie ganz in den Verhältnissen aufgeht, die sie ermöglicht

Neulich, als ein Freund den ökonomischen Untergang der jungen New Yorker Galerien zwischen NoHo und SoHo besang, fragte jemand am Kneipentisch: Und wie wirkt sich das auf die Kunst selbst aus? Betretenes Schweigen über dem Tequila-Soda-Glas. Ob das jemals anders war – dass Kunst nie unabhängig von den Verhältnissen ist, in denen sie entsteht –, frage ich mich tags darauf beim Gang durch die gerade eröffnete Megaausstellung "Raphael: Sublime Poetry" im Metropolitan Museum of Art in New York. Raphael, der 1483 als Raffaello di Giovanni Santi im italienischen Urbino zur Welt kam, erarbeitete sich in glücklicher Kombination aus Talent, Poesie in Bild und Wort sowie geschäftlichem Instinkt ein bemerkenswertes Gespür für den Kunstbetrieb. Seine lebendig wirkenden Madonnen mit den weichen Gesichtszügen und den pausbäckigen Jesuskindern auf ihren Schößen verdanken wir nicht zuletzt den Aufträgen wohlhabender Förderer und – ja, auch – Förderinnen.

Da gab es zum Beispiel die Aristokratin Elena Duglioli, bekannt für ihre Frömmigkeit, die auf einem über zwei mal anderthalb Meter messenden Altargemälde zu sehen ist. Elena, so heißt es, wollte mit dem Auftragsbild ihre innigsten Glaubensüberzeugungen zum Ausdruck gebracht wissen. Den fünf Gestalten in "Die Ekstase der Heiligen Cäcilia mit den Heiligen Paulus, Johannes dem Evangelisten, Augustinus und Maria Magdalena" liegen zertrümmerte Musikinstrumente zu Füßen. Es scheint sie nicht arg zu trüben. Was bedeutet schon irdische Musik gegenüber den Klängen himmlischer Chöre? Paulus hingegen, das Kinn in die Hand gestützt, schaut als einziger nachdenklich auf den Trümmerhaufen. Auch die Gottesfürchtigen hadern gelegentlich mit ihrer Lossagung von weltlichen Verlockungen.
 

Raphael "Die Ekstase der Heiligen Cäcilia mit den Heiligen Paulus, Johannes dem Evangelisten, Augustinus und Maria Magdalena", ca. 1515/1516
Foto: Scala / Art Resource, NY

Raphael "Die Ekstase der Heiligen Cäcilia mit den Heiligen Paulus, Johannes dem
Evangelisten, Augustinus und Maria Magdalena", ca. 1515/1516


Die kompositorische Wiedergabe von Paulus' Denkerpose wird in einem Beitrag im kiloschweren Katalogschinken Michelangelo zugeschrieben – Raphaels ärgstem Wettstreiter. In der Ausstellung offenbart sich einem das Ausmaß der Rivalität der Zeitgenossen unweit des Altargemäldes in einem länglichen Raum, der mit drei monumentalen Wandteppichen ausgekleidet ist. Es handelt sich hierbei um eine Edition, die der spanische König Philipp II. nach Raphaels Originalentwürfen anfertigen ließ. Nachdem Michelangelo wenige Jahre zuvor im Auftrag von Papst Julius II. die berühmten Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle vollendet hatte, beauftragte Papst Leo X. im Jahr 1515 Raphael mit Entwürfen für eine Serie extravaganter Wandteppiche – ebenfalls für die Sixtinische Kapelle. Damit besiegelte der Papst womöglich den Bankrott seines Pontifikats, denn der ehrgeizige Raphael ließ seine Entwürfe in Brüssel aus teuersten Stoffen weben – "Money got messy", um es mit den Worten eines Galeristen auszudrücken, der Anfang dieses Jahres seine Galerie in Tribeca geschlossen hat.

Mentoren und Kontrahenten

Auf wie viele Schultern sich ein Künstlergenie verteilt, auch davon erzählt der Gang durch eine Raumdramaturgie, die mit weißen Bogen- und Kuppelelementen an Paläste, Klöster oder Höfe aus der Hochrenaissance erinnert. Raphaels Vater, ein Hofmaler und Dichter, führte seinen Sohn früh an die Kunst als Beruf heran. Zwei seiner Arbeiten weisen den Weg der chronologisch durch Raphaels Leben und Werk führenden Ausstellung.

Es folgen Werke von Raphaels frühen Mentoren, Papierarbeiten von Künstlern, denen er nacheiferte – Leonardos grobe, schnelle Skizzen beeinflussten Raphaels zuvor stärker handwerklich bedachte Kompositionsmethode –, bis hin zu Werken von späteren Kontrahenten. Der Ausstellungskatalog hält auch Gossip bereit, wie jenes stolze Zitat von Michelangelo: "Raphael hatte allen Grund [neidisch zu sein], denn was er über Kunst wusste, hatte er von mir gelernt." An die vielen künstlerischen Einflüsse schließt eine Sektion an, in der sich Auftragsarbeiten der erwähnten Kaufleute und Mäzene des Malers aneinanderreihen. Und nicht nur der spätere Raum mit Bildteppichen stellt unter Beweis, dass die schiere Menge an Werken nicht aus einer einzigen Hand geflossen sein kann, sondern dass sich Raphael der Fertigkeiten einiger Atelierassistenten bediente.

 

Raphael "Engel in brusthoher Darstellung (Fragment aus dem Baronci-Altarbild)", ca. 1500/1501
Foto: Pinacoteca Tosio Martinengo

Raphael "Engel in brusthoher Darstellung (Fragment aus dem Baronci-Altarbild)", ca. 1500/1501


Doch unter dem ökonomischen Kalkül – das sich in der Ausstellung aufdrängt und auch den letzten Romantikern bedeutet, dass die Kunst auch vor 500 Jahren nicht aus einem von der Welt isolierten künstlerischen Geist entsprang – liegt immer noch die Poesie. Was Raphaels Bilder für eine heutige Betrachterin besonders zugänglich macht, sind Affekte und Gefühle, die im kleinsten Detail zum Ausdruck kommen. Traut man sich nah genug heran an das gerade mal 31 mal 27 Zentimeter große Fragment "Engel in brusthoher Darstellung", kann man eine zarte Rötung auf der rechten Schulter des Engels erkennen, die unter seinem Gewand hervorblitzt. Die Ölfarbe, vor einem halben Jahrtausend aufgetragen, vermittelt immer noch den Eindruck einer menschlichen Regung.

Die Bildnisse enthalten viele Codierungen aus der Lebenswelt Raphaels. Nicht alle erschließen sich dem zeitgenössischen Blick. Aber wenn allein der angespannte Indexfinger der Witwe im "Porträt einer Frau in Dreiviertelansicht (La Muta)" einem älteren Paar in der Ausstellung Gesprächsstoff für mindestens 20 Minuten bietet, dann zeigt sich an Raphael, wie sehr eine künstlerische Karriere von Aufträgen geprägt sein kann – und wie wenig sich die Wirkung seiner Werke doch von Markt oder Mythos vereinnahmen lässt.