Zigarette als Statussymbol

Wie Rauchen wieder cool wurde

Vincent van Gogh "Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette", 1886
Foto: Wikimedia Commons

Vincent van Gogh "Kopf eines Skeletts mit brennender Zigarette", 1886

Stars von heute rauchen wieder Kette, fast wie James Dean und Co. in den 50ern. Risiken hin oder her, die Kippe ist zurück in der Popkultur - oder war sie nie weg?

In einem weißen "Nova Cora"-Kleid von Vivienne Westwood, Pumps von Jimmy Choo und einer schlichten Schleppe sitzt Sängerin Charli XCX an einem Tisch der Trattoria Dalla in London. Soeben hat sie sich mit dem Drummer der Band The 1975 vermählt, und jetzt genießt sie erstmal - eine Zigarette. 

Nichts Ungewöhnliches, die Britin raucht auf der Bühne, hat von Sängerin Rosalía zu ihrem Geburtstag einen Zigaretten-Blumenstrauß bekommen und auch bei ihrer Hochzeitsparty die Glimmstängel verteilt. Der Besitzer der Location Ellie's Bar erzählte später dem "Face Magazine", dass zehn Packungen Vogue Essence Bleue auf Silbertabletts bereitlagen. 

Charli ist nicht die Einzige, die gern öffentlich raucht. Auch ihre Popstar-Kolleginnen greifen gerade sehr performativ zur Zigarette - sei es privat oder bei der Arbeit. Sängerin Addison Rae pafft im Musikvideo zu ihrem Song "Aquamarine" zwei Kippen gleichzeitig. Sabrina Carpenter benutzt im Clip zu "Manchild"eine Gabel als Zigarettenhalter und soll während der Met Gala eine Zigarre genossen haben. Auch Dua Lipa kennt man mit Zigarette zwischen den Fingern, ebenso Lorde. 

 

Rauchen wird gerade wieder salonfähig, nachdem viele dem ungesunden Laster gefühlt für immer abgeschworen hatten. Lange galt es schlicht als uncool und offensichtlich lebensgefährlich. Doch während vor etwa 20 Jahren die Schüler-VZ-Gruppe "Ich rauche nicht, denn es gibt coolere Wege zu sterben" eine der beliebtesten ihrer Art war, scheint es heute wieder ein akzeptierter Weg zu sein, diese Welt zu verlassen. 

In den vergangenen 30 Jahren rauchten immer weniger Menschen, bis zum Jahr 2021 kaum mehr Teenager: Nur noch 6,1 Prozent zwischen 12 und 17 Jahren qualmten. Doch laut Befragungen zum deutschen Rauchverhalten (DEBRA) gaben 2022 ganze 15,9 Prozent der 14- bis 17-Jährigen und 40,8 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, aktuell Tabak zu konsumieren. Ein Höchstwert. 2024 gingen die Zahlen zurück, liegen mit 25,7 Prozent bei den jungen Erwachsenen und 30,9 Prozent bei den über 25-Jährigen aber immer noch hoch.

Liegt das an einer generellen Haltungsänderung? An schlechten, berühmten Vorbildern, oder der Idee, dass Rauchen sexy und rebellisch ist, egal, welche unattraktiven Krankheiten es verursacht? 

Ein Trauma durch Kippe überstehen

"Eine Zigarette ist eine schicke Art, mit existenzieller Angst umzugehen", fasst es Esther Zuckerman in der "New York Times" zusammen. Sie bezieht sich hier auf die Pop-Mädchen, die in ihren Liedern das Rauchen oft mit einem emotionalen, vielleicht traumatischen Erlebnis verbinden, es durch die Kippe überstehen. 

Aber auch in der Realität kann man das, was passiert, für einen kurzen Moment ausblenden und eine entspannte Raucherpause gegen 20 Minuten Lebenszeit eintauschen - denn so viel soll eine Zigarette den Konsumenten durchschnittlich kosten. Für die Generation Z, die sich dem Rauchen gerade wieder höchst Social-Media-tauglich zuwendet, ordnen sich echte Zigaretten - keine digitalen, blinkenden Vapes - in eine Art Retro-Nostalgie ein. Wie Polaroid-Bilder oder Klapphandys gehört auch das Rauchen zu einer wiederkehrenden Ästhetik, die mit Vintage-Kleidung und "Revivals" einhergeht. 

Man denke etwa an Carrie Bradshaw in "Sex and the City" - so nonchalant, so 2000er, wie sie rauchend und schwadronierend vor ihrem gigantischen Apple-Computer sitzt. Gleichzeitig soll die in der Pandemie erlebte Ohnmacht ein Grund dafür sein, dass die junge Generation wie in einer Trotzreaktion zum Glimmstängel greift. 

Und na klar: rauchende Lieblingsstars oder aktuelle Seriencharaktere wie Carmy in der Restaurant-Serie "The Bear" machen es nicht besser. "If smoking bad, why hot?" steht etwa unter einem Meme, in dem sich Hauptdarsteller Jeremy Allen White eine Zigarette anzündet. 

Was macht da schon eine kleine Zigarette?

Rauchen verleiht offenbar immer noch eine frivole edginess, Coolness, Überlegenheit. Und das, obwohl man heute weiß, wie schädlich das Inhalieren ist - anders als während der ersten Tabak-Booms. Wer sich also dafür entscheidet, ist "jemand mit einer Portion hedonistischer Lässigkeit, der zugleich ein bisschen über allem steht, was in der Welt so passiert", wie Zuckerman den modernen Raucher beschreibt. 

Bei alldem, was gerade den Bach runtergeht, was macht da schon eine kleine Zigarette? Das Problem ist vielleicht, wie bei so vielem, die Normalisierung der neuen alten Angewohnheit. Wenn alle es machen, kann es so schlimm wohl nicht sein. Schock-Kampagnen gibt es kaum noch, die haben wir ja schon durch. Krebswarnungen, ja, aber was verursacht eigentlich keinen Krebs? 

Rauchen, ein schädliches Hobby, passt zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Rückschritt. Man denke etwa an den neuen Magerwahn, der unbedingt nach einer Zigarette als Frühstücksersatz verlangt. Selbstzerstörung in Zeitlupe - das passiert ohnehin im Großen, und jetzt eben auch wieder auf individueller Ebene. 

"Cigfluencer" machen's vor

Wie einst ein Starbucks-Becher, ein Blackberry oder zuletzt ein Stanley-Cup-Trinkgefäß könnte die Zigarette wieder das Accessoire werden, das auf Paparazzi-Bildern und Streetstyle-Fotos nicht fehlen darf. Der Instagram-Account @cigfluencers hat bereits 447 Beiträge von rauchenden Stars und Sternchen gepostet - und 74.000 Abonnenten, die sich an ihnen ergötzen. Während des Scrollens durch aktuelle und weit zurückliegende Bilder (etwa Donatella Versace 2001) wird auch klar: So richtig verschwunden waren Zigaretten nie.

In der Kunst wurde quasi durchgeraucht. Die Zigarette taucht seit dem 19. Jahrhundert in den Arbeiten von Künstlern auf. Henri de Toulouse-Lautrec zeigt in "Frau mit Zigarette" eine Szene aus dem Pariser Nachtleben. Vincent van Goghs "Kopf eines Skeletts mit einer brennenden Zigarette" spielt mit dem Motiv der Vergänglichkeit. Marcel Duchamps Fotografie "Cigarette" (1911) reduziert das Motiv auf seine grafische Form. Lucian Freud zeigt in "Boy Smoking" (1950) einen jungen Mann mit Fluppe. Sie steht hier für Rebellion und Jugend. 

Nan Goldin dokumentiert und inszeniert in ihren Fotografien das Rauchen in privaten Momenten - oft in Clubs, Schlafzimmern oder Bars. Sarah Lucas baute ganze Skulpturen aus fags, kombinierte sie mit Alltagsgegenständen und Körperfragmenten. Xu Bings "Tobacco Project" ist eine vielteilige Installation, in der er Zigaretten als Material nutzt, um Konsumkultur, koloniale Geschichte und Abhängigkeit zu reflektieren

"Nur noch eine"

Auch in der Mode wurden Rauchwaren immer wieder gezielt als Stilmittel eingesetzt - nicht zuletzt, weil sie ikonische Momente visuell mitgeprägt oder erst ermöglicht haben. Besonders berühmt ist Kate Moss' Auftritt bei der Louis-Vuitton-Show im März 2011: Rauchend drehte sie die Abschlussrunde auf dem Laufsteg. Ein kalkulierter Tabubruch, den Designer Marc Jacobs damit erklärte, man wolle keine anonymen Models, sondern Charaktere mit ihren Gewohnheiten zeigen. 

Bereits in den 1960er-Jahren inszenierte Yves Saint Laurent seine Modelle in seiner "Le Smoking"-Kampagne mit Zigarette - festgehalten auch in den Fotografien von Helmut Newton, bei dem das Rauchen als Teil eines androgynen, selbstbewussten Frauenbildes omnipräsent schien. In den 1990ern wurde die Kippe zum festen Bestandteil des Off-Duty-Looks von Supermodels wie Naomi Campbell oder Carolyn Murphy. Auch jüngere Designer greifen das Motiv wieder auf: Bei der New York Fashion Week 2024 waren qualmende Models etwa bei LaQuan Smith oder Christian Cowan zu sehen.

Gerade im kulturellen Kontext hat das Laster überlebt, zu sehr ist es symbolisch aufgeladen, zu viel sagt oft eine einzige Zigarette im richtigen Kontext aus. So ist das Comeback, angetrieben von viralen Musikvideos und durch gefeierte Popstars, nicht allzu verwunderlich. Wer schön - schick, lässig, en vogue - sein will, muss leiden. Und es ist ja wirklich "nur eine Zigarette". Wenn man trinkt. Im Sommer. Und so weiter.