Tony Cragg hat im Wuppertaler Wald ein Skulpturenreich geschaffen. Jetzt trifft dort Rebecca Horns poetische Maschinenkunst auf Hügel, Bäume und elektrische Energie – und entfaltet eine eigentümliche Wucht
Gleich hinter dem Hauptbahnhof geht es in Wuppertal steil bergan. Logisch, dass für diese Topografie vor rund 100 Jahren die elektrische Schwebebahn zur Überbrückung erfunden wurde. Die Hügel sind grün bewaldet, durch die Bäume blickt man auf die Stadt herunter und liest auf einem Gebäude in großen roten Buchstaben: "Wicküler City". Anscheinend wurde auch die Biermarke, die jetzt bei jungen deutschen Bands ironischen Kultstatus hat, hier erfunden.
Und dann gibt es diesen Wald in herrlicher Hanglage, in dem Skulpturen bedeutender Künstlerinnen und Künstler stehen. Einige davon stammen von Tony Cragg, der das Anwesen 2006 erwarb, um hier ein Ausstellungsgelände für Skulptur zu schaffen. Cragg zählt zu den wenigen glücklichen Künstlern, die nicht nur großen Einfluss in der Lehre hatten – er leitete die Kunstakademie Düsseldorf –, sondern ihren Erfolg am Kunstmarkt auch zu Lebzeiten miterleben können: Seine amorphen, in Bewegung geratenen Steinskulpturen sind bei Privatsammlern sehr gefragt. Mit dem Waldfrieden-Projekt setzt er schließlich auch der Kunst selbst ein Denkmal, indem er Werke von Kolleginnen und Kollegen dauerhaft installiert und Wechselausstellungen in den über das Gelände verteilten gläsernen Pavillons organisiert.
Die Werke von Rebecca Horn passen hervorragend in diesen Wald. Aus dem Odenwald kam sie, und dorthin kehrte die 2024 dort verstorbene Künstlerin nach einer Weltkarriere auch wieder zurück. Ihre Moontower Foundation liegt, ein wenig wie hier, in einem tiefen, hügeligen Mischwald, denkt man, während der Kies auf dem steil ansteigenden Pfad knirscht, die Vögel zwitschern, und sich von hinten etwas sehr schnell auf Rädern nähert.
"Steigen Sie auf!", ruft jemand mit britischem Unterton, "aber festhalten!", während die erstaunliche Schubkraft des Golfcaddys einen fast vom hinteren Sitz fegt. Am Steuer sitzt der Bildhauer Tony Cragg, auf dem Weg, der Presse die Ausstellung vorzustellen.
Im oberen Pavillon ist Horns berühmter "Turm der Namenlosen" errichtet, der aus fragil verkanteten Obstleitern und Violinen besteht. Lynette Roth, Leiterin des Busch-Reisinger Museum der Harvard University und Vertraute der Künstlerin, erzählt ergreifend von der Konzeption der Arbeit, die diese in Wien entwickelte. Geflüchtete aus dem Jugoslawienkrieg und ihre Musik waren dort zu dieser Zeit allgegenwärtig. Die Violinen lassen immer wieder dissonante Klänge hören. Es passt auf beunruhigende Weise, dass an diesem Tag aus allen Mobiltelefonen Alarm ertönt – probehalber.
Bei ihren Werke könne man fast nichts falsch machen, sagt Tony Cragg ehrfürchtig über seine Bildhauerkollegin, doch in Wahrheit ist hier jede einzelne Arbeit wirklich meisterlich installiert. Horns Team weiß genau, wie sie es gemacht hätte. Und während es hier im Außenraum manchmal so wirkt, als wollten die Skulpturen der meist männlichen Bildhauer mit der Natur konkurrieren, so hat Rebecca Horn bei jeder einzelnen Arbeit immer ein eigenes, elegantes Destillat von Natur gefunden.
Die Schwerkraft elektronisch überwinden
"Hauchkörper" sind zart wogende Messingstangen, die die Vertikalen der Bäume hinter den Glasfronten aufgreifen. "Das Rad der Zeit" ist die Bronze-Nachbildung eines Baums aus Horns Odenwälder Umgebung; durch einen unsichtbaren Motor öffnen und schließen sich Bronzenadeln wie bei einer Seeanemone. Ihr ikonischer, kopfüber hängender Konzertflügel "Concert for Anarchy", der sich auch in der Sammlung der Tate Modern befindet, lässt scheinbar unkontrolliert die Tasten aus dem Klavierkörper schießen. Und der "Kuss des Rhinozeros" hat an elektrisierender Kraft nichts eingebüßt: Eine großformatige Stahlkonstruktion aus zwei sich aufeinander zubewegenden Bögen, jeweils gekrönt von einem Horn, erzeugt sichtbare elektrische Blitze. Rebecca Horns poetische, manchmal romantische Formensprache hat immer noch eine große Wucht.
Rebecca Horn "Kuss des Rhinozeros", 1989
Hier wird seit 100 Jahren die Schwerkraft elektronisch überwunden, es gibt den angeblich besten Techno-Club der Welt mit einer so sensationellen Technik, dass die besten DJs der Welt im "Open Ground" auflegen wollen. Und Rebecca Horn schlägt ihre kraftvollen Funken. Wuppertal ist elektrisch.