Sammler Reinhard Ernst

"Wir zeigen großartige Kunst, und dazu gehört ein besonderes Museum"

Der Sammler und Museumsstifter Reinhard Ernst wird 80 Jahre alt. Im Interview erzählt der "Farbenmensch", warum abstrakte Kunst Freiheit bedeutet, welche Künstlerbegegnung ihn geprägt hat und was er sich für sein Haus in Wiesbaden wünscht
 

Reinhard Ernst, 2012 wurde in Australien nach der hässlichsten Farbe gesucht und der Ton opaque couché ausgewählt, ein Olivbraun, um damit Werbung gegen Tabak zu machen. Gibt es für Sie eine hässliche Farbe?

Nein, gibt es nicht.

Welche ist Ihre Lieblingsfarbe?

Meine Lieblingsfarbe ist Rot, gefolgt von Lila.

Das sind politisch aufgeladene Farben.

Das mag sein, aber ich wechsele sie nicht nach der politischen Landschaft.

Seit der Eröffnung im Sommer 2024 sind etwa 200.000 Besucherinnen und Besucher ins Reinhard Ernst Museum nach Wiesbaden gekommen, davon fast zehn Prozent Kinder. Welche Zahl freut Sie mehr?

Die Zahl der Kinder. Wir haben die Vormittage speziell für sie geöffnet und freuen uns, wenn jeden Tag drei, manchmal sogar vier Schulklassen im Haus sind. Unser Ziel ist es, mit der Kunst die Kreativität von Kindern zu wecken, natürlich auch, um ihnen einen schönen Morgen zu bereiten. 

Wie lautet Ihr Fazit bis heute?

Das ist durchweg positiv. Natürlich gibt es ab und zu mal jemanden, der sich beschwert, etwa, dass man Pfandmünzen braucht, um die Schließfächer bedienen zu können. Aber das ist eine Kritik, mit der wir leben können

Substanziell sind die Bilder. Sie haben mal gesagt, Sie möchten damit etwas zurückgeben, was Sie selbst nicht erfahren und erlebt haben. Was gibt Ihnen das Publikum emotional zurück – außer der Freude über die Kinder?

Es sind nicht nur die Kinder, es sind auch ältere Menschen, und die sehen ja oft in der Abstraktion eine noch unbekannte Kunst. Das hat mit unserer deutschen Geschichte zu tun. Trotzdem erlebe ich, dass Besucher etwa morgens um 7 Uhr in Luxemburg mit dem Auto losfahren, über zwei Stunden Fahrt auf sich nehmen, um dann hier den ganzen Tag im Museum zu verbringen und nachmittags um 16 Uhr nach Hause zu fahren, das mit 82, 83 oder 86 Jahren. Es ist eine große Freude, das zu hören. Aber deshalb haben wir unser Museum gebaut.

Wollten Sie etwas Einmaliges bauen? Oder einfach ein Museum, weil Ihr Haus bekanntermaßen für Ihre Sammlung zu klein wurde?

Ich wollte was Besonderes bauen. Wir zeigen großartige Kunst, und dazu gehört ein besonderes Museum. Ich kann in einem 08/15-Museum nicht die Kunst ausstellen, die für mich persönlich die schönste ist.

Das Museum hat das erste Jahr hinter sich und ist etabliert. Jetzt geht es darum, zu stabilisieren. Wie?

Die Eröffnungszeit war schon eine besondere, und wir können nicht damit rechnen, dass es mit den Besucherzahlen so weitergeht. Doch wir haben ein klares Ziel, und ich glaube, das schaffen wir auch. Nach fünf Quartalen erwarten wir in diesem Monat den 200.000 Besucher. Unser Minimalziel sind mehr als 120.000 Besucher pro Jahr. Das können wir nur mit besonderen Ausstellungen und Anstrengungen. Es wird in diesem Museum keine Ausstellung geben, die nicht etwas Besonderes ist. Nur so und durch viele Möglichkeiten der Vermittlung, auch Events, können Sie das Interesse der Besucher halten. Die alten Regeln gelten nicht mehr, und wir Museen müssen uns wandeln, ohne unsere Aufgabe zu vernachlässigen.

Wie hat sich hier die Zusammenarbeit mit der Stadt entwickelt?

Insgesamt ist die Zusammenarbeit mit der Stadt Wiesbaden sehr gut. Wilhelmstraße 1 ist das Grundstück der Stadt Wiesbaden schlechthin. Dieses für den Bau eines Museums zu bekommen, war nicht ganz einfach, und es gab wirklich schon großen Widerstand aus Kreisen, die vorher hier ein Hotel bauen wollten. Aber nachdem der damalige Oberbürgermeister Sven Gerich eine Bürgerbeteiligung angestoßen hatte und die teilnehmenden Bürger mit großer Mehrheit für unser Projekt gestimmt hatten, war das Thema durch. Seit dieser Zeit steht die Stadt hinter uns.

Sie wollten zuerst am Ort Ihrer damaligen Firma in Limburg bauen. Wissen Sie, wie sehr sich die Verantwortlichen dort darüber ärgern, dass daraus nichts wurde?

Ich glaube, dass heute viele Limburger Kunstinteressierte sagen: Naja, für Limburg wäre das möglicherweise auch eine Nummer zu groß geworden. Und der jetzige Standort ist durch keinen anderen zu übertreffen. Am Anfang war ich natürlich sehr enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Aber im Nachhinein sind mir auch die Limburger nicht böse, wenn ich sage, dass ich froh bin, dass alles so gekommen ist. 

Welches ist denn hier im Haus Ihr Lieblingsbild?

Ein Bild gibt es, das ich 2011 als erstes von Helen Frankenthaler erworben habe. Aber ich würde nicht unbedingt sagen, dass es mein Lieblingsbild ist. Es ist mein erstes Bild von ihr, und ansonsten liebe ich alle Bilder. Ich habe zu jedem eine Beziehung, und es würde mir sehr schwerfallen, eines hervorzuheben.

Wenn man das Wort "Bild" durch das Wort "Kind" ersetzt, würden das viele Eltern auch sagen.

Ja, das glaube ich fest.

Sind die Bilder ihre Kinder?

Ja, in etwa schon.

Sie sind mit 40 Jahren Sammler geworden. Wie begründen Sie diese Leidenschaft? Ist das Sammeln deswegen auch faszinierend, weil es kein Ende haben muss? 

Das kann sein, doch ich sehe es anders. Mein Sammeln hat ja eine klare Struktur. Es ist nicht so, dass ich einfach wahllos Bilder sammele, die mir gefallen. Sie müssen mir gefallen, das schon, aber auch in das Sammlungsumfeld passen. Und das ist bei uns eine Voraussetzung bei jedem Bilderkauf. Wir haben klare Schwerpunkte in der Sammlung: Die Werke müssen von Künstlern aus Europa, Amerika oder Japan kommen. Erstens. Zweitens müssen sie einer Kunstrichtung zugeordnet werden können. Wenn ich Deutschland ansehe, gab es nach dem Krieg eine ganze Reihe von Zusammenschlüssen zu Künstlergruppen. Ich habe all diese Gruppierungen und Künstler gesammelt, mir die Abstrakten herausgesucht. Das heißt, es gab immer ein klares Ziel.

Das ist der Unterschied zwischen Hortung und kreativer Sammlung. Sie haben mal gesagt, Deutschland ohne Kreativität sei tot. Was meinten Sie damit?

Das kann man am besten verstehen, wenn man eine Firma führt und Mitarbeiter hat. Ich habe einige hundert Mitarbeiter gehabt, und wenn von 100 zwei Kreative sind, haben Sie viel Glück. Jetzt könnte man sagen, viel mehr verträgt man auch nicht. Die Herausforderung braucht man aber. Und ich glaube einfach, dass unser Unternehmertum in Deutschland, gerade das mittelständische, unbedingt kreative Menschen braucht. Denn wenn der Mittelstand stirbt, stirbt Deutschlands Wirtschaft. Und das können wir uns doch gar nicht erlauben, schon im Hinblick auf unsere Kinder.

Welche Bekanntschaft mit Kreativen hat Sie am meisten begeistert?

Die mit Karl-Otto Götz. Ich habe ihn Anfang der 1990er-Jahre kennengelernt. Er hat mich in meiner Firma in Limburg besucht, und ich habe ihm die kleinen Antriebe gezeigt, die wir produzierten. Er konnte damals schon schlecht sehen, er konnte aber noch sehr, sehr gut fühlen und wahrnehmen. Es war für ihn ein interessanter Nachmittag. Dann sagt er zu mir: "Also ich weiß ja jetzt nicht, was besser ist, deine Antriebe oder meine Bilder. Aber ich sage dir eins, ich verkaufe dir jetzt noch ein sehr schönes, ich habe es zu Hause." Und das hat er auch gemacht. 

Ihre Lieblingsmalerin Helen Frankenthaler war keine Künstlerin, die unter Entbehrungen zum kreativen Schub gekommen ist. Ist das ein Zeichen dafür, dass diese Entbehrungen zwar initial sein können, es aber nicht sein müssen?

Das ist so. Ich glaube, man kann sehr gut so arbeiten, wie ich das getan habe. Ich bin ja nun mal nicht aus betuchtem Hause gekommen. Es ist natürlich viel einfacher mit einem reichen Elternhaus. Die Menschen, die aber mit der Entbehrung groß geworden sind und Kunst gemacht haben, die haben für mich einen anderen Stellenwert. Trotzdem liebe ich die Kunst von Frankenthaler.

Die aktuelle Ausstellung zeigt noch bis Anfang Oktober Bilder von Helen Frankenthaler unter der Überschrift "Farbe ist alles". Wie erklären Sie das?

Mich interessiert an erster Stelle an einem Bild seine Farbe. Ich bin ein Farbenmensch. Leuchtende Farben, so wie sie Frankenthaler mischt, auf die Leinwand bringt, gibt es sehr selten. Deshalb ist sie meine Lieblingskünstlerin geworden, weil sie Farben auf die Leinwand bringt, die man nur bei ihr sieht. Ich bin jemand, der ohne Farben nicht leben kann.

Was kann die abstrakte Kunst den Menschen heute geben, die eher auf der Suche nach konkreten Antworten sind; etwa auf die Frage, wie sich die Spaltung der Gesellschaft überwinden lässt?

Die abstrakte Kunst ist für mich die schönste Kunst. Es ist nun mal die einzige Kunst, in der jeder das sehen kann, was er mag. Hier haben Sie alle Möglichkeiten. Das wollte der Künstler, das will ich als Sammler, und das will das Museum. Die Leute kommen ins Museum, können sehen, was sie wollen und können daraus Schlüsse ziehen, die sie für ihr Leben brauchen.

Wird so das Abstrakte im Blick des Betrachters wieder konkret?

Genau so. In dem Moment, in dem der Betrachter ein Bild sieht und sagt, okay, er sähe hier einen Kirschbaum, ich aber etwas ganz anderes sehe, in dem Moment wird es konkret. Das macht sehr viel Spaß bei der Abstraktion.

Sie finden in der Abstraktion die Freiheit?

Das ist letzten Endes so. Wir bemühen uns ja auch, ein Museum zu sein, in dem Freiheit großgeschrieben wird. Wo wir auch intern im Museumsbereich versuchen, uns viel Freiheit zu nehmen. Was nicht bedeutet, dass jeder machen kann, was er will. Das ist schon klar. 

Ist Abstraktion auch Flucht aus der Wirklichkeit, hinein ins Bild?

Ich glaube, dass viele der Künstler das so gesehen haben. Denn wenn Sie sich mal ansehen, was nach 1933 passiert ist, da sind die Maler ja in die Abstraktion geflüchtet. Gleichzeitig wussten sie, dass ihre Bilder nie gezeigt würden. Das kennen wir ja alle. Deswegen hat Deutschland auch die größten Probleme, die Abstraktion überhaupt zu erkennen, und deshalb hat es so lange gedauert, bis sie hier Fuß fassen konnte. In Frankreich, Amerika, überall auf der Welt ging das viel, viel schneller. Deutschland hat eine ganze Generation gebraucht, die erkennen musste, dass Abstraktion eine der schönsten Kunstformen ist.

Also sind Sie der Ansicht, dass Deutschland noch immer unter dem Verbrennen von Kunst leidet?

Das spielt eine große Rolle. Wenn ich an meine Eltern denke, die mit Abstraktionen gar nichts anfangen konnten … warum? Weil sie im Krieg groß wurden. Wenn ich nicht durch meinen Beruf weltweit unterwegs gewesen wäre, wäre ich möglicherweise nie in ein Museum gegangen. Dann hätte ich vielleicht genau die gleiche Denkweise wie meine Eltern. Viele in meinem Alter haben noch nicht begriffen, was Abstraktion ist, weil sie in der Schule nicht an sie herangeführt wurden. Ich glaube schon, dass wir noch darunter leiden. 

Wenn jemand sagt: "Der will sich hier sein Denkmal setzen", was würden Sie antworten? 

Gar nichts.

Sie haben im hessischen Eppstein eine Musikschule gebaut. Wäre es nicht konsequent, jetzt eine Reinhard-Ernst-Kunstschule zu gründen?

Die Frage der Kunstschule ist sehr interessant, aber die ist nie so sehr an uns herangekommen, weil wir mit Schule in Deutschland viele Vorschriften verbinden. Wenn Sie heute eine Schule bauen wollen, selbst eine Privatschule, haben Sie große Aufgaben vor sich. Sie können unseren Stadtverordnetenvorsteher ja mal fragen. Aber das Museum soll ja nicht das letzte Projekt der Stiftung sein, sondern wir haben uns noch weitere Ziele gesetzt, von denen ich hoffe, sie noch erleben zu können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Museums? 

Dass die Mitarbeiter, die wir heute haben, lange bei uns bleiben. Das ist kein einfaches Thema, dass man genau die Menschen hierher bekommt, die man haben möchte. Wir haben oft lange gesucht, um die Personen zu finden, die heute für uns arbeiten. Dann würde ich mir wünschen, dass die Ausstellungen so gelingen wie gedacht. Je mehr schöne Kunst wir noch in unsere Sammlung bekommen, umso mehr schöne Ausstellungen können wir machen. Da bin ich als Sammler natürlich gefordert.

Ich komme nicht umhin, Sie auch zu fragen, was Sie sich zu Ihrem 80. Geburtstag am 27. September wünschen.

Natürlich das, was alle sich wünschen: weiter gesund zu bleiben. Das ist mein größter Wunsch, und alles andere ergibt sich von allein. Und was meine Frau und ich aufgebaut haben, sollte nun langsam lernen, von allein zu laufen. Und dass es lange nach uns in unserem Sinne läuft. Wir haben dafür unser Bestes getan und hoffen, dass wir noch ein paar schöne gemeinsame Jahre haben.