Reisefotografie des 19. Jahrhunderts in Wien

Als die Welt zum Bild wurde

Lange bevor Smartphones die Welt in Milliarden Bildern festhielten, dokumentierten Fotografen die Reisen des 19. Jahrhunderts. Eine Ausstellung in der Wiener Albertina zeigt, wie aus Sehnsuchtsorten ein neuer Bildervorrat entstand

Die Tourismusbranche wächhst trotz Kritik an ihr unaufhörlich weiter. Mit ihr die Bildproduktion. So sind aus den Millionen von analogen Amateurfotografien vergangener Jahrzehnte Milliarden von Smartphone-Aufnahmen geworden. Mit den notorischen Selfies hat das Allroundgerät aus Telefon, Bezahlstation und Kamera eine eigene Bildkategorie hervorgebracht, die das im Menschen anscheinend genetisch veranlagte Bedürfnis nach Mitteilung des eigenen Daseins perfekt bedient.

Was bedeutet, dass es dieses Bedürfnis latent immer schon gab. Und die Fotografie hat es erfüllt. Nur war sie in ihrem heroischen Jahrhundert, dem ihrer Erfindung und allmählichen Durchsetzung, noch nicht so eitel auf die Person bezogen, sondern wollte mitteilen, was die Person hinter der Kamera und deren Begleiter oder auch Auftraggeber so machten und wo sie sich aufhielten.

Die Reisefotografie ist eine der typischen Bildpraktiken des 19. Jahrhunderts, wenn nicht ihre bezeichnendste. Denn der Aufstieg der Fotografie zum maßgeblichen Bildmedium geht mit dem geradezu explosiven Wachstum des Reisens als eigenwertiger Tätigkeit parallel. So ist die Ausstellung "Die Welt im Fokus", die die Wiener Albertina, eine der führenden Kunst-auf-Papier-Sammlungen weltweit, gänzlich aus eigenem Bestand realisiert, eben nicht nur eine Ausstellung über das Sehen und Staunen vor all den Wundern dieser Welt, sondern zugleich über die gesellschaftlichen Veränderungen von etwa 1850 bis zur folgenden Jahrhundertwende.

Indien und Ägypten als Sehnsuchtsziele

Einige bekannte Fotografennamen hat Kuratorin Anna Hanreich aus den Abertausenden von Reisefotos herausfiltern können, darunter den des Franzosen Edouard Baldus. Zumeist aber sind es Bildautoren, die in der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie tätig waren, die ihrer enormen geografischen Ausdehnung halber ausreichende Gelegenheit zu Erkundungen und Pioniertaten bot. Da kommt neben der touristischen Reise ein weiterer Antrieb der Fotografie hinzu: die Erschließung von zuvor jahrhundertelang kaum veränderten Territorien durch den Eisenbahnbau.

An den Anfang ihrer Auswahl von gut einhundert sepiafarbenen Abzügen jeweils im Originalformat der Glasplatten, mit denen allein Fotografie möglich war, hat Anna Hanreich die "exotischsten" Länder und Motive gestellt: Ägypten und Indien. Nach Napoleons Feldzügen und den Entdeckungen der altägyptischen Monumente drängte es Forscher und Betuchte gleichermaßen an den Nil, und Fotografen wie Johann Victor Krämer lieferten die bildlichen Dokumente. 

Das andere Sehnsuchtsziel des europäischen Exotismus war Indien, durch die britische Kolonialherrschaft vergleichsweise gut und vor allem sicher erreichbar. Dass die entsprechenden Fotografien der Ausstellung von unbekannter Hand im Jahr 1859 entstanden, lässt aufmerken. Denn in diesem Jahr endete blutig niedergeschlagene Sepoy-Aufstand, bei dem Tausende Menschen starben und der zwei Jahre zuvor gegen die East India Company ausgebrochen war. Keine Spur davon auf den Fotos, die die figurenreichen Tempel Südindiens zeigen, nicht aber verwüstete Städte des Nordens.

Keine Schnappschüsse, sondern Arrangements

Die Beschönigung der Realität ist eine Begleiterscheinung der Reisefotografie, die ja gerade kein dokumentarisches, sondern ein idealisiertes Bild der Ferne liefern soll. Die berufsmäßigen Fotografen wie Wilhelm Burger zeigen sich enorm stilsicher in der Komposition ihrer Aufnahmen. Das sind keine Schnappschüsse, sondern Arrangements, die die Erhabenheit von Natur und Geschichtsmonumenten feiern, wie es den langen Belichtungszeiten der frühen Fotografie geschuldet ist. Wer einmal die unhandlichen und schwer zu bedienenden Apparate in Stellung gebracht und die kostbaren, über die ganze Reise hinweg mitzuschleppenden Glasnegative eingelegt hatte, verschwendete sein Material nicht an Zufälliges. Größer könnte der Unterschied zur mühelosen Knipserei von heute nicht sein.

Freilich, auch damals bildete sich der Zweig der Amateurfotografie. Man musste betucht sein, um sich das Vergnügen leisten zu können. Der aus der Bankiersfamilie der Rothschilds stammende Nathaniel war dazu in der Lage, als er 1893 mit der Yacht "Aurora" das Mittelmeer bereiste. Am Ende konnte er seine Erlebnisse in einem aufwendig produzierten Album in Wort und Bild festhalten. Ein solches Album, stellvertretend für diese Spezies in der Ausstellung gezeigt, vermittelt zugleich die Rezeption der Fotografie: Man betrachtete sie im Kreise der Familie oder eigener Clubs, man lebte das Erlebte selbst nach.

Anders die Berufsfotografie der Ingenieure, die den Eisenbahnbau vorantrieben und vor allem auf ihre kühnen Brücken stolz waren. Mit sachlichen Aufnahmen wie denen von Adolf Schoon von Corbitzthal wurde auf Weltausstellungen, etwa in Wien 1873, und den noch weit zahlreicheren Gewerbeausstellungen geworben und einem breiten Publikum der Grundtenor der zweiten Jahrhunderthälfte vorgespielt: der Stolz auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Ihm hatte sich die ganze Welt zu öffnen, wie das zuvor verschlossene Japan, das der Berufsfotograf Raimund von Stillfried-Rathenitz nach 1870 erschloss. Fremde Völker und Sitten schrumpften zum pittoresken Ambiente zusammen, das Fotografen wie Josef Löwy im nach und nach annektierten Balkan vor ihren Kameras aufbauten. Die wurden im Laufe der Zeit merklich "schneller" und konnten nun auch Bewegtes wie Volkstänze festhalten.

Ansichten von Jerusalem und Italien

Eine Sonderstellung nahm das "Heilige Land" ein, dem sich im 19. Jahrhundert die europäische Politik immer stärker zuwandte. Ansichten von Jerusalem bedienten zugleich die Bedürfnisse der Gläubigen. Prominent in den Aufnahmen von Christian Paier von 1864 platziert ist das damals neue österreichische Hospiz, und der sehr schön gestaltete Katalog bringt gleich zwei der Jerusalem-Panoramen Paiers als Ausklapptafeln zur Ansicht.

Keine Ausstellung zum historischen Reisen wäre vollständig ohne ein eigenes Kapitel zu Italien, dem klassischen Sehnsuchtsland Europas. In der Albertina sind es jedoch nicht die erwartbaren Ansichten von Rom oder den antiken Ruinen in der noch kaum besiedelten Campagna, sondern solche von "Giorgio" Sommer mit den bizarren Felsen vor Capri oder der Standseilbahn auf den Vesuv, die für den sogleich kommerzialisierten Reisebetrieb stehen.

Die Ausstellung klingt mit einer Diashow aus – mit den ersten Farbfotografien. Das war die nochmals aufwendigere Technik der "Autochrome", erstmals 1907 und damit bereits im neuen Jahrhundert vorgestellt. Die fertigen Bilder ließen sich am besten in  Durchsicht, also wie spätere Diapositive, betrachten, und als solche werden sie im letzten Albertina-Raum wandfüllend projiziert. Nun kam die Blumenpracht der Côte d'Azur zu voller Geltung. 

Die im Laufe der Zeit matt und bräunlich gewordenen Abzüge der frühen Glasplatten behalten daneben ihren eigenen Rang, ja er tritt erst so recht zu Bewusstsein: dass nämlich die frühen Fotografen ihre Bilder komponierten, mit feinem Sinn für Größenverhältnisse, Bildwinkel, Hell-Dunkel-Kontraste, für Vorder- und Hintergrund, kurz für ein Bild, das nicht in Sekundenbruchteilen am Auge vorüberrauscht, sondern sich ins Gedächtnis einprägt. Diesen kollektiven Bildervorrat teilen wir Heutigen immer noch, ohne es überhaupt zu wissen.