Kaum eine deutsche Stadt ist so eng mit der Reiterei und dem Namen Karls des Großen verbunden wie Aachen. Der Legende nach verdankt die Grenzmetropole ihre Bedeutung sogar einem Pferd: Während einer Jagd soll Karls Ross im Morast eingesunken sein. Als es sich befreite, stiegen Dampf und heißes Wasser aus dem Boden auf – die Thermalquellen, für die Aachen bis heute bekannt ist.
Der Sage zufolge erkannte Karl (747/748 bis 814), der als "Reisekönig" sein Reich vom Sattel aus regierte, sofort die Besonderheit des Ortes und beschloss, hier seine Pfalz zu errichten. Historisch belegt ist diese Erzählung zwar nicht, doch sie gehört zu den bekanntesten Gründungslegenden der Kaiserstadt und verweist auf die zentrale Rolle der heißen Quellen für Aachens Entwicklung.
Ross und Reiter sind nun sowohl auf einem Gemälde als auch als Skulptur in "Das Glück dieser Erde. Dürer, Rubens, Goya: Pferde in der Kunst" im Suermondt Ludwig Museum zu sehen. Die so betitelte Ausstellung ist eine von drei Aachener Schauen, die sich dem Thema Pferd widmen. Anlass ist die Reitsport-WM, bei der vom 11. bis zum 23. August rund 650 Athleten aus 35 Ländern in verschiedenen Disziplinen um Medaillen kämpfen. Für dieses Ereignis wurde das traditionsreiche Sommerturnier CHIO, das in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, bereits im Mai ausgetragen.
Ritt durch die Kunstgeschichte
Dass die Hauptschau nun im Suermondt Museum zu sehen ist, kommt nicht von ungefähr. Die Stadt Aachen verdankt der Familie Suermondt nicht nur eine reiche Kunstsammlung, sondern auch wichtige Impulse für den Pferdesport. Henry Suermondt (1846–1930) - Sohn des Kunstmäzens und Museumsgründers Barthold - betrieb eine Pferdezucht und besaß neben Gestüten bei Aachen und Düren auch das größte deutsche Gestüt im westfälischen Werne. Nicht zuletzt gewann er als Reiter diverse Wettbewerbe. Noch erfolgreicher war sein jüngerer Stiefbruder Otto Suermondt, der in den 14 Jahren seiner Karriere bei über 1200 Rennen antrat und als neunmaliger Champion einer der erfolgreichsten deutschen Herrenreiter ist.
Gleich zu Beginn der Schau begrüßt ein Einhorn den Besucher. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich: Das Horn auf dem Kopf des Wallachs ist nichts anderes als eine Möhre. Und damit nicht genug. Im nächsten Raum hängt ein weiterer Pferdekopf von Marcel Walldorf (Jahrgang 1983) an der Wand, über dessen Stirn eine umgedrehte Eiswaffel zu schmelzen scheint. In "Pik-Bube" (2023) – ebenfalls von dem Wahl-Frankfurter – verschmelzen Jockey und Pferd zu einer hybriden Kentaurenfigur. Antreiber und Getriebener sind dabei kaum noch voneinander zu unterscheiden. Das aus der antiken Mythologie bekannte Mischwesen wird bei Walldorf zum Spiegelbild einer leistungsorientierten Gesellschaft zwischen Kontrolle und Instinkt, Erfolg und Misserfolg sowie Macht und Ohnmacht.
Marcel Walldorf "Pik Bube", 2023, zu sehen im Suermondt-Ludwig-Museum
Auch die Belgierin Berlinde De Bruyckere (Jahrgang 1964) ist mit einer aufgebockten Pferdehaut vertreten, vor der so mancher – wie aus dem Museum zu hören ist – weniger wegen der abgezogenen Tierhaut als wegen des fehlenden Kopfes schaudert. Die Bildhauerin nutzt Pferdehäute, um tierisches Leid, Verletzlichkeit, Schmerz und Tod darzustellen und bricht damit bewusst mit seiner traditionellen Darstellung als Symbol der Stärke. Oft erinnern diese Inszenierungen an die Schrecken des Ersten Weltkriegs in Flandern, dem mehr als acht Millionen Pferde vielfach bestialisch zum Opfer fielen. Auch Künstler wie Max Klinger (1857-1920) und Alfred Kubin (1877-1959) haben das Grauen in apokalyptischen Szenen verarbeitet, die die existenziellen Ängste ihrer Zeit zum Ausdruck bringen.
Im weiteren Parcours begegnet einem der Mythos Pferd in der Kunst, von der Antike bis in die Gegenwart. Statt einer chronologischen Abfolge setzt die Ausstellung auf thematische Sprünge und verdeutlicht damit, wie unterschiedlich der Mensch das Pferd über die Jahrhunderte ins Bild gesetzt hat. Über 130 Werke – Druckgrafiken, Holzschnitte, Gemälde und Skulpturen – sind zu sehen, viele davon aus dem eigenen Depot. Leihgaben aus anderen Museen in Deutschland, den Niederlanden und Belgien ergänzen die Schau, darunter solche von Albrecht Dürer, Peter Paul Rubens, Francisco de Goya, Lovis Corinth, Renée Sintenis und Maximiliane Baumgartner.
Ein Höhepunkt markiert ein Gemälde von Max Liebermann, das erstmals aus Belgien ins benachbarte Deutschland ausgeliehen wurde. Es zeigt Ross und Reiter bei einem Ausritt am Strand. Das Pferd erscheint hier als selbstverständlicher Begleiter in der Freizeit. An anderer Stelle dagegen wird es als Arbeitstier, Statussymbol, Jagdgefährte, Schutzschild oder Jugendfreund stilisiert.
Max Liebermann "Le Cavalier sur la plage", 1904, zu sehen im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen
Eine Wand ist behängt mit Pferdebildern, -fotografien und -collagen von Aachener Bürgerinnen und Bürgern. Aus mehr als 100 Einsendungen wurde eine Auswahl getroffen, die ahnen lässt, welche Rolle das Pferd bis heute im Leben der Menschen spielt – als Sehnsuchtswesen, Sportpartner und, nicht zuletzt, als Objekt einer bisweilen leidenschaftlichen Verehrung.
Weitere Häuser beteiligt
Während das Suermondt Ludwig Museum inhaltlich und ästhetisch die kulturelle Bedeutung des Pferdes beleuchtet, hat sich das Centre Charlemagne der 100-jährigen CHIO-Geschichte angenommen. Rund 90 Dokumentaraufnahmen (zumeist in Farbe) zeichnen die Entwicklung des Turniers in der Soers nach – von den ersten Reit-, Spring- und Fahrprüfungen bis zum heutigen Weltfest des Pferdesports. Hierfür hat der CHIO-Veranstalter, der Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV), der im Jahr 1898 gegründet wurde, in seinen Archiven gewühlt. Zu sehen sind sportliche Höhepunkte, emotionale Momente und legendäre Persönlichkeiten wie Hans Günter Winkler, Isabell Werth und Ludger Beerbaum.
Zugleich öffnet die Ausstellung den Blick hinter die Kulissen, auf Ställe, Grooms (professionelle Pferdepfleger), Vet-Checks und allgemein, die komplexe Organisation eines internationalen Spitzenevents. Dabei wird deutlich, dass der CHIO seit Jahrzehnten weit mehr ist als ein Turnier, nämlich ein Treffpunkt von Sport, Gesellschaft und Politik.
Auch das Ludwig Forum beteiligt sich an der Aachener Pferde-Trias. In der zentralen Ausstellungshalle versammelt die Filminstallation "Centaur – Mensch und Pferd" zwei Kurzfilme, die das Verhältnis von Mensch und Pferd aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Während die deutsch-iranische Künstlerin Yalda Afsah in "Centaur" einen dokumentarischen Blick auf die Welt der Pferdedressur wirft, nähert sich das Schweizer Künstlerduo Marianne Halter und Mario Marchisella dem Thema in "Pferde über Wiese" mit poetischer Leichtigkeit.