Renée Levis Fassadenarbeit in London

Die Hayward Gallery wird zur Leinwand

Mit "September" erobert Renée Levi die brutalistische Fassade der Hayward Gallery in London. Ihre monumentale, fluoreszierende Malerei reagiert auf Architektur und Umgebung – und wird zur Meditation über Bewegung, Wandel und Vergänglichkeit

Die Titel ihrer Bilder seien wichtig. Das erklärte die Künstlerin Renée Levi im Juni in Basel, als sie und ihr Partner in ihr Atelier luden, um zum ersten Mal von der Arbeit zu erzählen, die kürzlich in London vorgestellt wurde. Im Studio hingen erste Skizzen, Stoffbahnen am Boden. Farben unter einem Tisch, auch Wischmops, mit denen Renée Levi manchmal malt, wenn die Arbeiten wieder größer werden müssen, so groß, dass sie monumental genannt werden.

"September", so lautet der Titel ihres neuesten Werks. Auch das ist monumental. Nicht nur, weil es im September aufgehängt wurde, sondern auch, weil der Monat für etwas steht: Übergang, Wandel, verändertes Licht, veränderter Tagesrhythmus. Die Zeit, bevor das Laub zu Boden fällt und die Gräser verdeckt, bis daraus dann wieder Neues sprießt.

Nicht ganz naheliegend ist der Gedanke an die Phänologie, betrachtet man den Ort der Arbeit, dieser ortsspezifischen Intervention an der Fassade der Londoner Hayward Gallery im Southbank Centre, wo kein Grashalm zu wachsen scheint. Ein Gebäude aus kaltem, klarem Beton, mit riesigem Schlitzfenster, das dort herausschaut. "Das Auge" nennen es die Mitarbeiter, erzählt Levi. Oberhalb und unterhalb hängen ihre Malereien. Farbkleckse, die auch von Weitem zu sehen sind, zum Beispiel von den vielen Berufspendlern, den Touristen, zufälligen Betrachtern, die acht Wochen lang zum Kunstpublikum werden und sich freuen oder fragen, was das wohl ist. Werbung vielleicht?

Es geht um den Prozess

Levi, die 1960 in der Türkei geboren wurde und in der Schweiz aufwuchs, hat zum ersten Mal industrielles Gewebe als Maluntergrund verwendet. Das ist so ein Netz, das normalerweise für Werbung bedruckt wird. Erst hat sie es als Notwendigkeit eingesetzt, weil mögliche Winde die Aufhängung von festen Stoffen an der Fassade unmöglich machen. Nun aber mag die Künstlerin das Material so sehr, dass sie es weiter bemalt. Jetzt, da sie herausgefunden hat, dass zunächst ein Primer drauf muss, damit die Acrylfarbe und Sprayfarbe besser hält und aussieht. Eine weitere Neuerung in Levis Werk ist nämlich der Einsatz von fluoreszierenden Farben.

"September" ist nicht Renée Levis erste im öffentlichen Raum, aber die erste von Audemars Piguet Contemporary in Auftrag gegebene Malerei. Der Uhrenhersteller finanziert das Ganze und versteht seine Kunstförderung auch als Wunscherfüllung. Als Möglichkeitsraum für die Erkundung neuer Praktiken und Bereiche. Hier also der neue Untergrund.

Was aber ganz typisch für Levis Werk ist: Sie malt kein Bild, sondern Levi malt. Das heißt, es geht eher um den Prozess als um ein Ziel der Abbildung: "Ihre Werke entstehen aus der Begegnung zwischen Körper, Material und Ort und stellen die Malerei als performativen, situationsbezogenen Prozess in den Vordergrund." So steht es in der Beschreibung zu dem Werk. 

Als ermale sie sich den Raum

Seit 30 Jahren untersucht Levi in ihren Malereien die Wirkung von Farbe, von Bewegung, von Wirkung im Raum. Sie hat ihre Arbeiten im Palais de Tokyo ausgestellt, den Prix Meret Oppenheim bekommen oder den Wettbewerb für Kunst am Bau am Parlamentsgebäude in Bern gewonnen. Ihre Untergründe sind Wände, Leinwände oder auch Fenster. So entstehen farbige Flächen, Striche, Schwünge. Meist in einem einzigen Versuch aufgetragen. Aber nicht rauschhaft, eher als ermale sie sich den Raum. Ihre Arbeiten wirken wie Spaziergänge mit den Händen auf dem Rücken, aber mit Blick in die Umgebung. Aufmerksam, aber meditativ.

So ist es auch bei ihrer Arbeit in London. Kringel, Kreise, Kleckse, die sich Raum nehmen und den Betrachtenden Raum erschaffen. Levi reagiert damit auf das 1968 eröffnete Gebäude mit seiner ikonischen brutalistischen Architektur, aber auch auf das Drumherum. Den Raum, der dem Raum Raum gibt.

Levi versteht ihr Werk auch als Anti-Werbung. Sie nimmt den Menschen nichts, sie bedrängt sie nicht. Sie erzählt keinen Quatsch. Werbung kennt den September dagegen vor allem als Versprechen von Erneuerung nach vorne, nicht als Kreislauf, zu dem eine Vergänglichkeit gehört.

Keine Angst vor Größe

Diese Räumlichkeit in Levis Werk kommt nicht aus dem Nichts. "Ich arbeite nicht gegen, sondern mit der Architektur", sagt sie in Basel bei einem Gespräch mit dem Kurator der Hayward Gallery, und vielleicht liegt das auch an ihrem Architekturstudium in Basel, das sie aber mit 25 Jahren abgebrochen hat. Danach studierte sie an der Zürcher Hochschule der Künste. "Wegen dieser Ausbildung hatte ich nie Angst vor Größe, vor Material oder davor, um Hilfe zu bitten", sagt sie. Vor ihren großen Werken sollten die Zuschauer sich nicht klein fühlen, deswegen arbeite sie auf Augenhöhe. Aber das war in London nicht möglich. Doch von weitem wirkt es wie auf Augenhöhe.

Das Werk wurde in modularen Abschnitten gefertigt und dann vor Ort an die Fassade montiert. Es sei schwer gewesen, zu akzeptieren, dass sie es nicht in einer Linie habe malen können, sagte sie im Sommer in Basel. Das passt zu einer Künstlerin, die einmal sagte, dass sie mit freiem Kopf Teil der Spraydose werde – "in einem Atemzug ohne Absetzen durchziehen. Da ist keine Zeit zum Denken, nur Bewegung".

Aber auch das Vielteilige und Modulare steht vielleicht für die Unbeständigkeit, die bereits im Titel steckt. In Zeiten von Umbrüchen gefalle ihr das, sagt Renée Levi.