KIMIA im Schauraum Nürtingen

Resiliente Blicke

Wenn Sichtbarkeit gefährlich ist, wird Kunst zum Widerstand. Die afghanische Künstlerin KIMIA floh vor Verboten – im Schauraum Nürtingen zeigt sie ihre Arbeiten

Selbst ein zum Klischee gewordener Begriff wie "Sichtbarmachung" kann zwingend erscheinen, wenn Kunst zur existenziellen Notwendigkeit wird. "Resilient Gazes" heißt ein Bild der afghanischen Künstlerin KIMIA, die aus Sicherheitsgründen unter Pseudonym arbeitet. Es zeigt ein Paar Augen, das aus einer Menge Tschaderi tragender Frauen herausblickt – jener Ganzkörperverschleierung, die Frauen und Mädchen in Afghanistan seit Machtübernahme der Taliban tragen müssen. KIMIA kritisiert nicht die Frauen, denen sie mit ihren Bildern ein Mindestmaß an Individualität zurückgibt, sondern jene, die sie in diese Lage gedrängt haben. 

Arbeiten der Künstlerin sind nun im Schauraum Nürtingen zu sehen. Unter dem Titel "Resilience and Restart" zeigt die Ausstellung digitale Zeichnungen und Videoarbeiten sowie Reproduktionen von Leinwänden, die KIMIA auf ihrer Flucht aus Afghanistan nicht mitnehmen konnte. In einem Mail-Interview berichtet sie, wie mit der Unfreiheit von Frauen und Mädchen auch andere unfrei werden – zum Beispiel männliche Künstler. Angesichts der repressiven Umstände, unter denen diese Werke entstehen, ließen sie sich als Punk begreifen – mit dem entscheidenden Unterschied, dass man als Punk im Vereinigten Königreich oder in der BRD der 1970er- und 80er-Jahre nicht annähernd riskierte, was Künstlerinnen und Künstler heute riskieren, wenn sie in Afghanistan malen und zeichnen.

Wer Gesichter zeichnet, riskiert Gefängnis

Inzwischen sind afghanische Frauen und Mädchen doppelt unsichtbar. Mit dem überstürzten, unorganisierten Abzug der westlichen Alliierten und der Machtübernahme der Taliban 2021 sind sie – die zuvor noch studierten, malten, arbeiteten oder zur Schule gingen – aus dem öffentlichen Leben ihres Landes verschwunden. Und damit auch aus dem Blick der Weltöffentlichkeit. Figurativ zu arbeiten, ist unter diesen Umständen radikal: "Es ist verboten, weil die herrschenden Taliban glauben, dass die Darstellung der menschlichen Figur und das Zeichnen von Gesichtern gegen ihre religiösen Überzeugungen geht", erklärt KIMIA. "Sie bevorzugen Kalligrafie und Landschaftsmalerei. Trotzdem gibt es immer noch viele Künstlerinnen und Künstler, die ihre figurative Arbeit in privat fortführen. Aber sie riskieren Ärger, und sie könnten auch ins Gefängnis kommen, wenn die Taliban anderen Künstlern Angst einjagen möchten. Die berühmtesten figurativen Künstler haben Afghanistan verlassen."

Sie selbst hatte ursprünglich TV-Journalismus studiert, als die Taliban zurückkehrten und alle beruflichen Pläne zerschlugen. An ein öffentliches Auftreten war nicht mehr zu denken. Der Covid-Lockdown verstärkte manche Entwicklung. Malen und Zeichnen wurden für KIMIA als Ausdruck immer wichtiger, technische Grundlagen eignete sie sich über Youtube an.

Afghaninnen haben keine große Lobby. Mit Forderungen nach elementaren Freiheiten passen sie offenbar weder in westlich-akademische Diskurse noch in aktuelle politische Prioritäten. Einige afghanische Künstlerinnen jedoch, wie die in Paris lebende Malerin Kubra Khademi, rücken die Frauen und Mädchen mit ihren Arbeiten mit voller Wucht in den Fokus. Auch in Deutschland sind es oft engagierte Einzelne, die sich zusammenschließen und Unterstützung bieten, darunter exilafghanische Künstlerinnen und Künstler. Die Offenbacher Hochschule für Gestaltung beispielsweise bietet afghanischen Kunststudierenden einen Studienplatz, sofern ihnen die Flucht gelingt. Einige Kulturschaffende warten jedoch seit Jahren auf die Ausreise – trotz Zusage zur Aufnahme hierzulande von der vorherigen Bundesregierung.

Kampf um Sichtbarkeit

Erst vor Kurzem ist KIMIA nach einer mehrjährigen Zwischenstation in Pakistan in Deutschland angekommen. "Einige meiner Leinwände waren gegen die Regeln und auf eine Weise sicher auch Protestarbeiten. Ich hatte Angst, dass ich auf meinem Weg nach Pakistan Probleme bekommen würde. Deshalb habe ich sie in Afghanistan zurückgelassen. Heute sind sie versteckt, um zu verhindern, dass sie zerstört werden."

Darüber hinaus gab es auch praktische Gründe, digital zu zeichnen – Farben und Leinwände waren bald nicht mehr einfach zu bekommen. Wie in "Hidden Statement" – einer digitalen Ausstellungsreihe des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden mit afghanischen Künstlerinnen und Künstlern –, taucht auch in KIMIAS Ausstellung in Nürtingen wieder van Goghs "Sternennacht" (1889) auf: "Ich liebe van Goghs Werk, seine Farben, seinen Stil", sagt sie. "Sternennacht" ist ein Gemälde, das ich gerne in meinen eigenen Arbeiten zitiere. Für mich ist es Inspiration aus einer Welt, in der es Hoffnung, Kunst und Schöpfung gibt."

Hat sie den Eindruck, dass afghanische Frauen und Mädchen hier sichtbar sind? Die Frage sei schwer für sie zu beantworten, meint die Künstlerin diplomatisch, weil sie erst vor Kurzem in Deutschland angekommen sei. "Was ich weiß, ist, dass es andere afghanische Künstlerinnen gibt, die wie ich für die internationale Sichtbarkeit afghanischer Frauen kämpfen. Und ich hoffe, dass wir durch unser gemeinsames Auftreten dazu beitragen können, die miserable Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis zu verankern. In Afghanistan selbst ist diese Möglichkeit sehr begrenzt, und die Kunstwelt wird in eine dunkle Ecke gedrängt. Nicht nur Frauen, sondern auch männliche Künstler sind davon betroffen und selten zu sehen. Trotzdem gibt es in Afghanistan Menschen, die Kunst schätzen und arbeiten wollen, egal, was es kostet."

KIMIAS jetzige Situation wirkt paradox: weit weg von Freunden und Familie, in Sorge um sie – und zugleich als Künstlerin freier als je zuvor. Ja, sagt sie, es fühle sich noch seltsam und neu an. Sie sei glücklich über die Chance, frei zu denken und künstlerisch tätig zu sein. "Dieses Gefühl gibt mir Stärke und motiviert mich mehr denn je. Ich weiß noch nicht, in welche Richtung sich meine Arbeit dadurch entwickeln wird, aber ich möchte sie stärker als je zuvor fortführen. Aktuell liebe ich physische wie digitale Malerei und Zeichnung gleichermaßen, denn beide geben mir die Gelegenheit, etwas zu schaffen. Und durch beide kann ich die Gedanken, den Schmerz und die Geschichten afghanischer Mädchen malen. Ich möchte gern in beidem weiterarbeiten."