Neu im Kino: „Richard Deacon - In Between“

Nicht ohne meinen Assistenten

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Der hochgewachsene Gummibaum hat es zwischen den Flechtkörben und Kochtöpfen nicht leicht. Wie Jagdtrophäen baumeln sie in Richard Deacons Londoner Atelier von der Decke und machen dem zarten Pflänzchen das Fensterlicht streitig. Plastiktüten greifen sein winziges Terrain an. Der Meister himself sitzt inmitten der auf sein Werk verweisenden Alltagsmaterialien an einem riesigen Schreibtisch. Starr fixiert er die Kamera, wie ein Reptil, das erst Energie auftanken muss, bevor es mit dem ersten Augenzucken zum Leben erwacht.

Dann philosophiert er plötzlich über die Vorzüge der Ungewissheit, den „Nichtraum“ und das „In Between“, ein in sich gekehrter und gänzlich uneitler Brite, dem die Reflexion seiner Arbeitsweise über alles geht. Selbst seine Sammelleidenschaft für Tierschädel, Muscheln und Kunststofftiere, die sich in unzähligen Regalfächern angehäuft haben, ist ihm eine Anekdote zum Gebrauch von stofflichen Strukturvorlagen wert.

Wenn der Bildhauer nicht von seiner Kindheit in Sri Lanka erzählt, wo er mittags, als die Schule wegen der Hitze schloss, Schlangenbeschwörer auf den Märkten beobachtete, fixiert er hochkonzentriert den Computerbildschirm und bastelt an dreidimensionalen Entwürfen. Asymmetrisch müssen sie sein, verdreht, gestreckt und gefaltet, weswegen die fertigen Skulpturen mitunter einer blutigen amorphen Masse ähneln, oder einem in sich verkeilten Autoreifengewusel.

Die Ideen, die es bis in die Werkstatt seines langjährigen Assistenten Matthew Perry schaffen, durchlaufen erst hier den Prozess der dinglichen Konkretisierung. Perry, selbst Künstler, hat im Lauf der Zeit die eigene Karriere vernachlässigt und bezeichnet die von ihm angefertigten Plastiken als seine eigenen. Dass er lange anonym im Hintergrund blieb, stört ihn nicht weiter. Die Verantwortung der letzten Entscheidung gibt er gerne ab. „Im Grunde habe ich eine sehr exzentrische Fantasie und Richard eher eine logische“, stellt er lakonisch fest, kurz nachdem er auf der Suche nach einer geeigneten Problemlösung mit vollem Körpereinsatz über den Boden gekrochen ist, „da muss ich von meiner Autorschaft zurücktreten“.

Zwei Jahre im Leben des Turner-Prize-Gewinners

Deacon gerät in der Gegenwart seines treuen Übersetzers fast zum stillen Beobachter, was ihn nicht daran hindert, sich an der gemeinsam erprobten Technik zu erfreuen, die es ihm dank Wasserdampf und einer speziellen Spannvorrichtung erlaubt, Holz in die gewünschte Richtung zu biegen. Wenn es um die farbigen kubischen Tonarbeiten geht, beauftragt er eine Werkstatt in Köln mit der Umsetzung, wegen des Brennvorgangs, „der nur in eine Richtung verläuft“ und eine nachträgliche Veränderung ausschließt – eine Herausforderung, die sein Interesse anstachelt.               

Regisseurin Claudia Schmid hat den Turner-Prize-Gewinner zwei Jahre lang begleitet, dabei manch ein Herstellungsrätsel gelüftet, aber auch den kommerziellen Ausstellungsort eines Verkaufsladens von Louis Vuitton genutzt, um Deacon Statements zu seiner Positionierung auf dem Markt zu entlocken. Die Denkweise des auf den ersten Blick unnahbaren, zunehmend aber mitteilungsfreudigen Verfechters eines demokratischen Kunstbegriffs steht im Vordergrund eines Porträts, das sich jeden Kommentar verbietet und die sichere Position des teilnehmenden Beobachters einnimmt. Allzu biografischer Tiefgang ist Mangelware, auf historische Einordnungen wartet man vergeblich. Konkurrenten kommen ebenso wenig zu Wort wie Galeristen oder Kuratoren. Ein auch in der Bildsprache und Tempo minimalistisches Konzept, das aber dank seines zu geistigen Höhenflügen aufgelegten Protagonisten zu fesseln vermag.

„Richard Deacon - In Between“, ab 25. April im Kino.

Die Weltpremiere findet im Rahmen der Art Cologne am 21. April um 18 Uhr im Filmforum im Museum Ludwig statt. Richard Deacon ist anwesend.






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