Richard Hawkins in Wien

Hollywood auf der Toteninsel

Die schreiend bunten Bilder des US-Künstlers Richard Hawkins lassen sein Publikum Promi-Raten spielen. Doch eine Ausstellung in der Kunsthalle Wien zeigt, dass hinter der Pop-Fassade auch etwas Dunkleres steckt

Den kenn' ich doch? Das wird sich manche Besucherin und mancher Besucher beim Umschauen in der Kunsthalle Wien fragen. An den Wänden und auf drei Stellflächen sind großformatige Gemälde und Collagen zu sehen; meist auf weißer Wand, teils aber auch auf farbig gemustertem Hintergrund. Insgesamt rund 100 Arbeiten sind es, dazu kommen Videos sowie eine Gruppe von Skulpturen.

Man könnte von einer Werkschau sprechen – denn eine Retrospektive ist es nicht, wohl aber ein Überblick über das derzeitige Schaffen eines Künstlers in allen medialen Formen. Richard Hawkins wird hier zum ersten Mal in Österreich vorgestellt, aber auch in Deutschland ist der 1961 geborene Texaner seit einer einzigen Einzelausstellung im Jahr 2003 noch nicht prominent hervorgetreten. Hawkins lebt in Los Angeles, im nördlich gelegenen Pasadena hält er eine Professur für Zeichnen und Malen am ArtCenter College of Design.

L.A. ist eine Art Stichwort: Denn es ist die Stadt von Film und Fernsehen, der Medien und des schönen Scheins. Und davon hat Hawkins geradezu Unmengen in sich aufgesogen. Sich selbst bezeichnet er als Fan von Filmschauspielern, und sie sind es, die ein kundiges Publikum in seinen Bildern wiedererkennen kann.

Die Lust am Betrachten

Doch das Ratespiel ist kein vergnügliches, der schreienden Buntheit der Bilder zum Trotz. Alsbald erkennt der Betrachter, dass da zwar Gesichter und Köpfe zu sehen sind - aber sehr oft eben nur diese. Die Körper fehlen, oder sie gehen in den Farbwirbeln unter. In seinen Videos, teils mithilfe von K.I. geschaffen, wird Hawkins deutlicher: Da baumeln dann bluttriefende Häupter vor der (vermeintlichen) Kamera und verdrehen die Augen. Die "Toteninsel" aus dem gleichnamigen Gemälde von Arnold Böcklin, die in einem der Filme langanhaltend zu sehen ist, gibt denn auch den nötigen Hinweis auf den morbiden Hintergrund, vor dem sich Hawkins scheinbar so lebendigen Szenerien abspielen.

Hawkins, so formuliert es die Kunsthalle in einem Ausstellungstext, habe "eine einzigartige Praxis entwickelt, die auf der Lust am Betrachten und der Dynamik von Begehren basiert". Die Freude am Schauen teilt sich dem Besucher unmittelbar mit, die Dynamik des Begehrens erschließt sich erst in zweiter Linie. 

Aus homosexueller Neugier macht der Künstler kein Geheimnis, und wer es nicht wüsste, braucht sich nur die Abbildungen von Größen wie Robert Redford, Clint Eastwood oder Burt Reynolds anzuschauen, die in verschiedenen Collagen auftauchen. Stars aus einer anderen Zeit, in der muskelstrotzende Männlichkeit noch ganz ungefiltert zur Schau gestellt wurde. Auch neuere Stars tauchen auf, Matt Dillon etwa, und Film-Fanatiker werden sicher noch weitere Gesichter erkennen.

Der Tod ist Hawkins so nah wie damals Schiele

Aber es wäre falsch, wollte man Hawkins auf eine queere Thematik verengen. Er selbst spricht in Wien vom künstlerischen Prozess, und das ist richtig so. Denn das Gesehene, das Hawkins im Kopf hat, wird durch ihn zur Kunst, das heißt zu einer eigenen, gestalteten Wirklichkeit. Die umfangreichen Bild-Sammlungen, die Hawkins aus Zeitschriften-Schnipseln collagiert, lassen nicht von ungefähr an den großen Aby Warburg denken, der sich ein Leben lang mit dem Wandel und dem Fortleben bestimmter Motive durch die Zeiten und Kulturen hindurch beschäftigt hat. So kommen auch bei Hawkins Antike und Renaissance zu ihrem Recht. Denn da sind sie, die schönen Körper, die in unseren Tagen ihre Transformation ins Bewegtbild des Films erfahren haben.

Die großformatigen Gemälde sind denn auch als Collagen mit dem Pinsel zu verstehen, zusätzlich verfremdet durch die Einfügung von Worten und Sätzen, neben oder gar über die gemalten Köpfe hinweg, und die Einbettung in Farbmuster. Hawkins gibt die Künstlichkeit, das Menschengemachte der Kunst ohne weiteres preis. Der Betrachter kann, ja soll, den Pinselstrichen folgen, die sowohl abstrakte Systeme bilden als auch physische Realität in Form der Menschenköpfe und Körper nachformen.

Für ein Wiener Publikum ist von zusätzlichem Reiz, dass Hawkins sich mit der – nun wahrlich morbiden – Kunst von Gustav Klimt und Egon Schiele beschäftigt, ihre Werke collagiert und zitiert. Der Tod ist Hawkins ebenso nah wie damals Schiele. Ein Lieblingsmotiv ist die biblische Salomé, die den Kopf Johannes des Täufers fordert.

Der abgetrennte Kopf als Codezeichen für verbotene Liebe

Oscar Wilde hat zum Salomé-Mythos ein Drama geschrieben, das im viktorianischen England für Skandale sorgte. Fast meint man, dass auch Hawkins einen solchen Aufschrei wünschte, so blutrünstig wie es bei ihm zugeht. Aber der Grusel ist im 20. Jahrhundert ins Horrorkino gerutscht, und das wiederum zitiert Hawkins gern.

Der abgetrennte Kopf sei ein Codezeichen für verbotene Liebe, erläutert der Künstler, um dann sogleich über seine Malkunst und das große Vorbild Pierre Bonnard zu sprechen. Dieser hat gleichfalls gegenständlich gemalt, doch zugleich abstrakt, wenn man seine delikaten Farbfelder und -wirbel betrachtet, in denen das gegenständliche Motiv bisweilen zu verschwinden scheint.

Begehren, Zerstörung, Leben und Tod – darum dreht sich die Motivik von Richard Hawkins. Aber ebenso um Farbe und Linie, um die Überlagerung und Verschmelzung von Formen. Eben um Kunst. Aber das tut sie so laut und schrill, wie es wohl in der Medien-Metropole Los Angeles zugeht.