Welch eine Erscheinung dieses Haus ist, auch im Jahr 2025 noch. Man kann sich leicht ausmalen, wie das erst 1924 gewesen sein muss: Drumherum niederländische Backstein-Gediegenheit, und am Ende einer solchen Reihe dieser Kubus von Gerrit Rietveld mit seinen weißen und grauen Flächen, roten, gelben und blauen Elementen, dem eingebauten Sprachrohr für den Postmann und allerhand kessen Details, die niemals reine Dekoration sind, sondern stets einen Zweck erfüllen.
Schwer zu glauben, dass beide Architekturen etwa zur gleichen Zeit entstanden sind. Die prachtvolle, verspielte, eigentlich gar nicht so kühle Moderne Schulter an Schulter mit der etablierten Vorstellung, wie man wohnen soll.
Die Annäherung findet zwangsläufig von außen statt, doch erschließen kann sich dieses Gebäude erst im Inneren, der Hauslogik folgend. Kein Fassaden-Fetisch, alles ergab sich erst aus den Wohnbedürfnissen. Als Gerrit Rietveld von Geertruida Antonia "Truus" Schröder-Schräder mit dem Entwurf eines Wohnhauses beauftragt wurde, war der Mitbegründer der niederländischen De-Stijl-Bewegung noch gar kein Architekt, sondern primär Schreiner.
Alles greift ineinander
Man merkt es den sagenhaften Einbauten an: Alles greift ineinander. Farbe, Form und Gedanken, passgenaue Millimeterarbeit aus Holz oder manchmal Stein. Filzböden und schwarze Decken im Arbeitszimmer, Linol, viel und ganz wenig Fensterfläche; Einbauregale, Mechanismen, Lüftungsklappen, feste Plätze für Kunstwerke. Auch technisch war dieses Haus Avantgarde – man sieht es an der Tellerspülmaschine oder an den extra dicken Heizungsrohren, die Rietveld wie ein Gestaltungselement über dem Putz verlaufen ließ.
Erfahren kann man das Interieur am allerbesten in Aktion, wenn die Angestellten des denkmalgeschützten Heims im Viertelstundentakt mit Schutzhandschuhen Zaubervorführungen vornehmen: Türen werden zusammengeschoben, Zwischenwände ganz zum Verschwinden gebracht, das Badezimmer auf einer halbrunden Schiene rasch auf die Hälfte geschrumpft.
Ein Griff zum Seil, schon öffnet sich die Klappe, und ein Oberflicht erhellt den Flur. Jeder, der gekommen ist, staunt: Architektur-Aficionados genau wie Touristen, die im Reiseführer über das Haus gelesen haben, Menschen aus allen Kontinenten. Das modulare Wohnen von heute ist eine Kleinigkeit gegen das, was da vor 101 Jahren in Utrecht in die Welt gebracht wurde.
Form folgt Funktion und umgekehrt
Das Rietveld-Schröder-Haus hat den Charme eines Ortes, das sich aus wildem Quatsch und kühnen Fantasien materialisiert, wie eine Kinderzeichnung, und in dem trotzdem alle Objekte und alle Einzelteile Sinn ergeben. Die Form folgt der Funktion, klar, aber die Funktion erzeugt auch umgekehrt eine Form, die in diesem Haus das Gegenteil einer menschenfeindlichen Rationalität meint.
Dass ein solches Haus dennoch ein gewisses commitment erfordert, versteht sich: Insbesondere die Töchter von Truus Schröder waren anfangs wenig begeistert von ihrer neuen Wohnumgebung. In der Schule ernteten sie Spott für "das verrückte Haus", tagsüber mussten sie ihre persönlichen Dinge im Handumdrehen verstauen, um der größeren Gemeinschaftswohnfläche Platz zu machen.
Viel konnten sie ohnehin nicht mitnehmen aus ihrem vorherigen gutbürgerlichen Leben. Ob sie das Fehlen von Besitztümern irgendwann eher als Befreiung denn als Einschränkung empfunden haben? In dieser radikalen Anpassung an ein Haus, das zugleich erschaffen wurde, um seinen Bewohnern zu dienen, tun sich jedenfalls plötzlich Parallelen zu anderen Erdteilen auf: Haben die variierbaren Räume doch Ähnlichkeit mit den zarten Schiebewänden in traditionellen japanischen Häusern. Die Beschränkung auf wenige Besitztümer, die tagsüber verstaut werden, erinnert an nomadische Wohnformen.
Bis heute funktioniert alles tadellos
Empfehlen würde sie ein solches Wohnhaus nicht unbedingt, notierte Truus Schröder 1970 in ihren Terminkalender. Wer keine Lust auf ein häusliches Leben habe, werde hier nicht glücklich. Trotzdem: "Das Haus verlangt dir viel ab. Aber es gibt dir auch viel zurück."
Über zu wenig Platz beschwerte sich die Eigentümerin nie: Ihr Schlafzimmer mit fest verbautem Mobiliar gehört zu den kleinsten Einheiten im Haus, und als ihre Kinder auszogen, vermietete Truus Schröder Zimmer im Erdgeschoss an Studenten. Sie selbst lebte noch mit 95 Jahren, bis an ihr Lebensende 1985, in der Prins Hendriklaan 50. Kurz vor ihrem Tod hatte sie einen detaillierten Plan angefertigt, was mit dem Gebäude geschehen sollte. Bis heute funktioniert alles tadellos.