Ein Mann sitzt in einem Hinterhof rauchend auf einer Feuerleiter. Hinter ihm ragt ein brutalistisches Verwaltungsgebäude in den Himmel. Jemand überquert eine Straße; ein Wirrwarr von Werbeschildern ziert eine Ladenfront, darunter prominent der Schriftzug "Perfect Travel". Das Logo einer Tankstellenkette verschmilzt mit der Fassade eines Wolkenkratzers. Es sind Straßenszenen New Yorks in den 1960er-Jahren – doch nichts an ihnen ist typisch oder eindeutig.
Ebenso wenig behaupten diese Bilder etwas Profundes über die Menschen, die darin auftauchen. Keine bedeutungsschweren Interaktionen, keine "entscheidenden Momente", wie man sie aus der klassischen Straßenfotografie kennt. Es sind impulsive Schnappschüsse, die wirken, als hätte der Künstler den Auslöser gedrückt, ohne lange zu zögern.
"Ich versuche zu keinem Schluss zu kommen, ich versuche nicht zu kommentieren oder zu moralisieren", sagte Robert Rauschenberg einmal über seine Fotografie. "Es sind einfach nur zufällige Ereignisse auf einer ungeplanten Reise." An anderer Stelle bezeichnete er sie als "Dokumente meiner Beobachtung". Rund 300 Aufnahmen dieser radikal subjektiven Bildpraxis zeigt nun die Ausstellung "Robert Rauschenberg’s New York" im Museum of the City of New York.
Auflesen mit der Kamera
Rauschenberg hat sich über eine mehr als sechs Jahrzehnte währende Karriere hinweg immer wieder mit Fotografie beschäftigt: als Student am Black Mountain College, wo er unter anderem den Fotohistoriker Beaumont Newhall kennenlernte; dann während seiner intensiven Jahre in New York; und später noch einmal Ende der 1970er-Jahre, als er eine ausgedehnte Fotoexpedition durch sieben US-Städte unternahm. Im Angesicht seines monumentalen Œuvres aus Collagen, Drucken und Objekten käme man allerdings kaum auf die Idee, ihn als Fotografen zu kategorisieren.
Die Ausstellung tut jetzt genau das: Sie isoliert einen bedeutsamen Ausschnitt von Rauschenbergs fotografischem Werk – und zeigt, wie sehr sich dieser Blick um die Stadt dreht, die am stärksten mit seinem Leben und seiner Arbeit verbunden ist.
Zugleich macht die Schau deutlich, welchen Stellenwert Fotografie für ihn hatte. Inmitten der Aufnahmen stehen Collagen und Siebdrucke wie "Soviet/American Array VII", außerdem Arbeiten seiner "Photem"-Serie, in denen Fotografie als Rohmaterial dient. Dabei behandelt Rauschenberg eigene Aufnahmen und gefundene Bilder aus Werbung und Presse gleichrangig.
Robert Rauschenberg "Soviet/ American Array VI", 1988-90
Deutlich wird, dass die Fotografie für Rauschenberg nie nur Nebenprodukt war. Wenn er in New York herumstreunte und fotografierte, tat er im Grunde dasselbe wie beim Sammeln für seine "Combines" – jene Arbeiten, in denen er Malerei und Skulptur zusammenführte und Fundstücke in die Bildfläche integrierte. Fotografieren war für ihn eine Form des Auflesens. "Ich fotografiere so, wie ich andere Gegenstände aufsammle. Wenn irgendetwas zu interessant ist", sagte er, "dann braucht es mich nicht."
Wie wörtlich Rauschenberg dieses Auflesen meinte, zeigt die Ausstellung eindrücklich. Ihn faszinierte ein Grundzug des Mediums, den Roland Barthes beschrieben hat: ihr Evidenzcharakter, dieses "Es-ist-so-gewesen" des fotografischen Bildes. Fotografie registriert nicht bloß Motive, sondern auch Licht, das von Dingen ausgeht und auf Film trifft. Rauschenberg nimmt also etwas mit, das im nächsten Augenblick schon wieder vergangen ist.
Das Auflesen von Dingen und ihre Rekontextualisierung lässt sich als Grundprinzip von Rauschenbergs Werk sehen. In Collagen und "Combines" untersucht er, was passiert, wenn ein Objekt Teil eines Kunstwerks wird und wie sich beide gegenseitig verändern. Fotografie ist dafür ein kongeniales Medium. Sie operiert dort, wo Rauschenberg sich am wohlsten fühlt: an der Schnittstelle zwischen Kunst und Leben.
Stadt der Kontraste
So zufällig viele Aufnahmen auch wirken – so impulsiv der Blick des Sammlers –, vermitteln die Fotografien der Ausstellung dennoch ein Bild oder zumindest ein Gefühl von New York in den 1960er- und 1970er-Jahren. Weniger weil sie erklären, als weil sie die Oberflächen der Stadt zeigen: kaputte Fensterläden, heruntergekommene Fassaden, Müll, der sich am Bordstein türmt – und dazwischen Reklame, Logos, Hochhauskanten. Diese Gleichzeitigkeit von Versprechen und Zumutung scheint Rauschenberg fasziniert zu haben.
Auch das rückt Rauschenbergs Werk in ein klareres Licht. Der Kritiker Jerry Saltz hat ihn einmal "unseren Picasso" genannt. Rauschenbergs Fähigkeit, im Unbeachteten, Weggeworfenen, Trivialen etwas wie Schönheit zu entdecken und das Alltägliche zu adeln, findet in diesen Bildern ihren urbanen Nährboden. Und die Provokation ist auch 50 Jahre später noch brisant. Rauschenberg fragte nicht nur, was Kunst sein kann und was sie darf, sondern auch, wie sie passiert – im Vorbeigehen, im Auflesen, im Verschieben. Fragen, die bis heute unbeantwortet bleiben.