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Robert Seethaler ist ein sogenannter Bestseller-Autor, obwohl es in seinen Büchern weder um mentale Selbsthilfe, körperliche Selbstoptimierung oder autofiktionale Selbstbeschreibungen aus einer besonders westdeutschen oder besonders ostdeutschen Kindheit mit oder ohne Migrationserfahrung geht. Er will in seinen Romanen noch nicht einmal die Demokratie retten. Kurz: Seethaler liefert leise Literatur für eine laute Gegenwart und findet damit spätestens seit "Der Trafikant" (2012) eine riesige Lücke.
Sein neuer Roman, "Die Straße", ist da keine Ausnahme. Und wenn man seine Fotografien anschaut, die er erst seit kurzem macht, sieht man diesen leisen Autor sofort. Kirchen, Schatten von Stühlen oder Bäumen, Porträts von alten, eher armen Menschen, vielleicht Wohnungslosen. In der ersten langen Serie ist es immer Winter, der in Berlin eine kleine Eiszeit war. "Der Berliner Winter ist zwar inspirierend, aber im Grunde fürchterlich", sagt Seethaler im Gespräch.
Dass sich der Österreicher da mit Berlin die falsche Stadt ausgesucht hat, in der er seit 25 Jahren lebt, weiß er selbst. Allerdings: "Aber für das Fotografieren ergeben sich sehr interessante Ausblicke. Die Flächigkeit, der Schnee, die merkwürdigen leeren Räume. Manchmal verschwimmt alles. Das gefällt mir. Ich sehe ja ohnehin alles verschwommen!"
"Farbe ist für mich eine Merkwürdigkeit"
Er meint damit seine Sehbeeinträchtigung, 19 Dioptrien auf jedem Auge. Damit erklärt Seethaler auch seine Vorliebe für Schwarzweiß. "Farbe ist für mich eine Merkwürdigkeit, die sich oft in den Vordergrund drängt und vom Wesentlichen ablenkt." Bald reden wir so doch wieder über das Schreiben. Schwarzweiß bringe die Essenz besser zur Geltung, "Es ist vergleichbar mit dem täglichen Kampf um jedes Wort, bis das Beiwerk wegfällt. Man nimmt, schleift, haut vom Material viel weg, wie beim Schnitzen. Mein Vater war ja Holzschnitzer."
Manchmal bleiben dann nur noch Oberflächenstrukturen übrig, etwa von Leder aus extremer Nähe, oder vom Fell eines Pferdes. Und die Haut der Alten, meistens Vereinzelten, erzählt auch eine eigene Geschichte. Sind das die Einsamen, die auch Seeethalers Texte durchwandern, oder warum sieht man selten Gruppen, stets Einzelne? "Ein einzelner Mensch", sagt Seethaler, "zieht viel Aufmerksamkeit und Energie auf sich, strahlt aber auch nach außen. Darin wohnt ein Potential der Begegnung, das vielleicht interessanter ist als die Begegnung selbst."
Wenn man dem Mosaik der Geschichten in der fiktiven Heidestraße folgt, das Seethaler in "Die Straße" Stücklein für Stücklein setzt, kommt man in Versuchung, die Fotografien als Bebilderungen der Prosa zu verstehen – das ist alles wieder, die Kirche, die alten Bücher, der Tresen, die Alten, Sehnsüchte der Einsamen oder Vereinzelten, je nachdem. Obwohl die Bilder nach der Fertigstellung des Buches entstanden sind, sei es "eher umgekehrt", so Seethaler. "'Die Straße' ist das Buch zu den Bildern. Weil ich so schlecht sehe, muss ich die Bilder selber entwickeln – auch beim Schreiben. Sie sehen ja in unserem Gespräch: Wenn ich Gedanken entwickle, schließe ich die Augen."