"Ich wollte diese Ausstellung unbedingt nach Dortmund, ins Ruhrgebiet bringen", erzählt Inke Arns, künstlerische Leiterin des Hartware Medienkunstvereins (HMKV). Die Schau heißt "Robotron – Arbeiterklasse und Intelligenz", und das klingt zunächst nach einer Mischung aus Science-Fiction und Nostalgie. Tatsächlich geht es um Industrie- und Wirtschaftsgeschichte, erzählt mit künstlerischen Mitteln. Der Blick ist retrospektiv, die Themen sind es nicht.
Die Firma Robotron – ein Kunstwort aus Roboter und Elektron – wurde 1969 gegründet und war der größte Computerhersteller der DDR. Die Ausstellung war bereits bis Mitte Februar in der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) in Leipzig zu sehen, und dort bedurfte es dazu keiner großen Erklärung. "In der DDR stand der Name Robotron für eine neue, alle Bereiche der Wirtschaft verändernde Technologie", erzählt Franciska Zólyom, Direktorin und Kuratorin der GfZK. Sie wählte für die Ausstellung allerdings statt "Arbeiterklasse und Intelligenz" den Untertitel "Code und Utopie", denn "wir wollten den Akzent auf die Möglichkeiten und die mit der Technologie verbundenen Hoffnungen setzen".
Jan Wenzel folgt dieser Einschätzung. Er ist ebenfalls Teil des kuratorischen Teams und zudem Verleger von Spector Books – hier ist auch der Katalog zur Ausstellung erschienen. Seine Texte sind in Dortmund über die Wände verteilt und ein wichtiger Teil der Ausstellung. Es geht um Begriffe, Wirtschafts- und Politikgeschichte, und diese Kontextualisierung ist ihm wichtig. "Arbeiterklasse und Intelligenz" war auch für Wenzel keine Option – weder als Titel für die Schau in Leipzig noch für den Katalog: "Die Begriffe sind belastet, das Ideal zerstört", sagt er. Auch Inke Arns gibt zu: "Das ist durchaus provokativ gemeint – wir zitieren damit die offizielle Erzählung, konkret: die Propaganda."
Sozialistischer Realismus
Tatsächlich ist "Arbeiterklasse und Intelligenz" der Titel eines monumentalen Gemäldes von Werner Tübke. Es entstand 1973 im Auftrag der SED, ist 14 Meter lang und hängt (wieder) in der Universität Leipzig. In Dortmund empfängt einen beim Besuch der Ausstellung die immerhin 5 Meter lange Ölskizze. Sozialistischer Realismus im Medienkunstverein – das ist durchaus gewöhnungsbedürftig.
Werner Tübke "Arbeiterklasse und Intelligenz", Skizze, 1973
Die Skizze ist eine Entdeckung, Arns hat sie aus einer Privatsammlung geliehen. Sie erinnert an Historiengemälde, ein Viertel des Bildes ist dem Unternehmen Robotron gewidmet. Wir sehen den Großrechner R 300, Menschen studieren Lochstreifen, bilden Informationsketten. Der damalige Leiter des Rechenzentrums ist identifizierbar, ebenso der eine oder andere Parteigenosse. "Ja, es ist Auftragskunst, das ist immer schwierig, aber sie hier zu zeigen, macht Sinn", findet Arns. Der Kontext entscheidet.
20 Positionen sind in der Ausstellung zu sehen: Foto, Film und Video, skulpturale und grafische Arbeiten – neue und ältere, zum Teil in der DDR entstandene Werke. Ein durchaus unterhaltsamer Mix mit spektakulären und stillen Momenten.
Kunst jenseits der offiziellen Linie
Die Typewritings von Ruth Wolf-Rehfeldt aus den 1970er-Jahren sind so eine stille Entdeckung, ebenso die geometrischen Systeme von Karl Heinz Adler oder die konkrete Kunst von Horst Bartnig. Dazu kommen erste Skizzen zu den Weltbildern von A.R. Penck, in denen er seine neue, einfache Sprache aus Symbolen und Figuren sucht. Im Ruhrgebiet hat man diese Arbeiten noch nie gesehen – und in Leipzig? "Für unser Publikum war es schön zu erleben, dass es Kunst jenseits der offiziellen Linie gab, die sich so progressiv mit den technologischen Entwicklungen der Zeit beschäftigt hat", sagt Sabine Weier (GfZK), die Vierte im kuratorischen Team.
"Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz", Ausstellungsansicht, HMKV im Dortmunder U, 2026
An anderen Ecken der Ausstellung wird es lauter: Tübkes Realismus trifft auf hypnotische Sounds von Francis Hunger oder die Robotron-Tech-Opera von Nadja Buttendorf. Buttendorfs Stiefgroßvater Werner Hartmann war einer der Begründer der Mikroelektronik in der DDR. In den Videos geistert sie in unterschiedlichen Rollen durch ein Robotron-Rechenzentrum oder die Firmen-Kantine, "Stasi war voll Instagram", heißt es an einer Stelle, und während der Laufzeit der Ausstellung kann man mit ihr "Ossi-Wessi-Wendepailletten-Patches" nähen.
Um die Ecke, in Vitrinen, gibt es Meissener Porzellan, doch das Kaffeeservice erweist sich als Geheimnisträger. Künstlerin Antye Guenther hat geheime Baupläne für die Chipproduktion mit dem traditionellen Zwiebelmuster verwoben und bezieht sich damit auf einen Fall von Wirtschaftsspionage in den 1980er-Jahren. Es herrschte ein Technologie-Exportverbot in den "Ostblock", und Manager von Toshiba sollen der Stasi die Baupläne geliefert und dafür Porzellan erhalten haben. Das ist schräg, irgendwie lustig, und doch spürt man auch: Unter der Glasur brodelt es. Ökonomische und politische Widersprüche des Systems werden offenbar.
Aktuelle Brisanz
Ein Wirtschaftsembargo als Mittel der Politik? Wer hat Zugang zu Rohstoffen? Wer spioniert, und wer bestimmt die Lieferketten? Spätestens an dieser Stelle der Ausstellung wird deutlich: Die Themen sind nicht nur "Ost-Themen", und sie sind aktueller denn je.
Das Ende der Schwerindustrie, der Ausstieg aus der Kohle, die Deindustrialisierung und die damit verbundenen Verlusterfahrungen – die Gründe mögen andere gewesen sein, doch die Trauer ist auch im Ruhrgebiet spürbar. Kaum ein Besucher in Dortmund wird sich daher der Videoarbeit "BUNA – eine Zeit" von Tina Bara am Ende des Rundgangs entziehen können.
"Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz", Ausstellungsansicht, HMKV im Dortmunder U, 2026
1988 war sie zusammen mit anderen Künstlerinnen und Künstlern im Rahmen eines "Pleinairs" eingeladen, die Arbeitswelt der Buna-Werke kennenzulernen – das Ergebnis war niederschmetternd. Ihre Fotos zeigen den Verfall des Chemiewerks, katastrophale Arbeitsbedingungen und die fortschreitende Umweltzerstörung. Die Kamera wurde ihr weggenommen, die Filme konnte sie retten. Fast 40 Jahre später sichtete sie das Material und montierte die Fotos für die Ausstellung zu einer berührenden Collage des Scheiterns.
Der Rachen des Digitalen
"Ich konnte mir die Arbeit zuerst nicht in diesem Themenkontext vorstellen, aber ich sehe dieses Scheitern jetzt als zentral", bilanziert Wenzel. Investitionen wurden abgezogen, die Arbeiter allein gelassen – zugunsten der Idee einer dritten industriellen Revolution. Doch auch die gibt es nicht umsonst: "Wir haben uns die Digitalität immer immateriell vorgestellt", so Zólyom, "aber das war ein Trugschluss." Die digitale Welt verschlingt Ressourcen, bedarf Unmengen an Energie und Wasser sowie seltener Erden – auch davon erzählt die Ausstellung, zum Beispiel mit Werken von Su Yu Hsin und knowbotiq (Yvonne Wilhelm, Christian Huebler). "Die Arbeit mag sauberer geworden sein", ergänzt Inke Arns, "aber sie ist weiterhin extraktiv – und prekär."
Wer ist heute eigentlich die Arbeiterklasse, und warum denken wir inzwischen bei Intelligenz als Erstes an KI? Arns lacht: "Es wurde viel gependelt zwischen Leipzig und Dortmund und viel diskutiert." Nicht alle Fragen wurden beantwortet, nicht immer war man einer Meinung, aber es hat sich gelohnt. Das Ergebnis dieser Ost-West-Kooperation ist sehenswert und inspirierend.