Seit vier Jahrzehnten erweitert die New Yorkerin Rochelle Feinstein die Erwartungen an eine abstrakte Bildsprache. Die 78-Jährige, die als Illustratorin und Modezeichnerin angefangen hat, nutzt neben vergänglichen Materialien wie Pappe, auf Amazon georderte Tücher oder gescannte Einkaufstüten auch künstliche Intelligenz oder digitale Verfahren.
Malerisch erscheinen diese in steter Metamorphose befindlichen Werke nur auf den ersten Blick. Sie bewegen sich an der Schnittstelle von Druck und Pinselstrich, aber auch an den Grenzen von Skulptur und Collage. Sie sind teils auf Rollwägen ausgestellt, die wie zufällig abgestellt wirken, oder mit Klebeband gerahmt.
Bis 2017 hat Feinstein viele Jahre an der New Yorker Yale University unterrichtet. Sie ruft Heroen der Kunstgeschichte auf und parodiert mitunter die pathetischen Gesten der meist männlichen Maler. Doch sie zitiert auch weibliche Vorbilder wie Lee Krasner, die ihre eigenen Werke immer wieder überarbeitete und wie Feinstein mit den Namen von Zeitformen und Modi von Verben betitelte.
In der Ausstellung "The Today Show" im Ludwig Forum Aachen begegnet man großflächigen Regenbogen-Malereien, mit denen Feinstein die Kommerzialisierung der queeren Solidaritätsbewegung als sinnentleerte Hülse anprangert. Mobiles aus handkolorierten Polaroids von Sonnenuntergängen, gefunden über Google, hinterfragen die Sehnsucht nach Idylle. Das Diptychon "Tagged" mit Siebdrucken historischer Boxkämpfe im faschistischen Italien verweist auf heutige politische Konflikte.
Das Frühstücksfernsehen als Weltverzerrung
Seit der Wiederwahl Donald Trumps bemüht sich Feinstein, die Konsequenzen seiner Politik mit den Mitteln der abstrakten Malerei zu kommentieren, was nicht immer direkt zu dechiffrieren ist. Man bleibt trotzdem dran und kann nur zustimmend nicken, wenn sie etwa schon im Ausstellungstitel die grassierende Neigung zu medialen Spektakeln kritisiert.
"The Today Show" bezieht sich auf das gleichnamige US-amerikanische Frühstücksfernsehen von NBC. Diese Sendung mischt Nachrichten mit Auftritten von Prominenten und driftet so nicht nur ins Infotainment ab, sondern verzerrt auch die Wahrnehmung der Realität.
"Meine Arbeit ist weder ein Placebo für Traumata, Selbstfürsorge oder Heilung, noch schafft sie illusionistische Räume – das überlasse ich anderen", sagt Feinstein. "Meine Hoffnung ist es, einen Raum zur Reflexion über den aktuellen Zustand der Kultur zu eröffnen, vermittelt durch die Sprache der Malerei." In Aachen wird diese bewusst unvollkommene und oft absurde Sprache tatsächlich zum Spiegel einer chaotischen Gegenwart: instabil, rastlos und im ständigen Abwärtsmodus.