Roman Ondak in Prag

Die ewige Wiederkehr menschlicher Abgründe

Der slowakische Konzeptkünstler Roman Ondak ist mit einer großen Retrospektive in der Kunsthalle in Prag gelandet. Sein Talent, mit einfachen Mitteln Komplexität zu erzeugen, ist noch immer spektakulär

Aus der Ferne wirken sie wie fotografische Zwillinge. Erst bei näherem Hinsehen wird der Altersunterschied deutlich. Auf der einen Seite sitzt ein junger Mann auf einer Parkbank, auf der anderen ein Herr mittleren Alters. Beide sind gleich gekleidet und lesen dieselbe Zeitung vom 22. August 1968. 

Dass es sich um den Konzeptkünstler Roman Ondak und seinen Vater handelt, ist nur indirekt relevant. Vielmehr stehen die beiden stellvertretend für Millionen von Menschen in der Tschechoslowakei, deren Leben nach der Invasion von Truppen des Warschauer Paktes über Generationen von der Besatzung geprägt war. "Bad News Is a Thing of the Past Now" nannte Ondak das Werk im Jahr 2003. Es handelte damals von der Gegenwart und tut es auch heute noch in der Prager Kunsthalle - mit umgekehrten Vorzeichen.

In Form seiner Ausstellung "The Day After Yesterday" kehrt der in der Slowakei lebende Künstler, Jahrgang 1966, nach über zwei Jahrzehnten in die tschechische Hauptstadt zurück. Er stellte hier bereits in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren mehrfach aus. Die "Samtene Revolution" von 1989/90 erlebte er als Kunststudent in Bratislava. Die aktuelle Überblicksschau versammelt einen Querschnitt seines Schaffens der letzten 30 Jahre, darunter die ikonische partizipative Performance "Measuring the Universe" von 2007, bei der Besucher ihre Größe durch einen Strich an der weißen Wand markieren und daraus eine riesige Zeichnung entsteht. Diese war zuletzt im New Yorker MoMA und in der Tate Modern in London zu sehen. Hinzu kommen mehrere monumentale Werke aus der Sammlung der Kunsthalle Prag.

Spaziergang auf dem Flugzeugflügel

Ondak, der 2009 den Pavillon der Tschechischen und Slowakischen Republik auf der Biennale von Venedig bespielte, arbeitet mit dem Erbe des Konzeptualismus der 1960er- und 1970er-Jahre. Unter anderem sticht seine dissidentisch surreale Sprache heraus. Diese rührt von den Erfahrungen seiner Familie in einer Diktatur her, als der Denkhorizont und die Meinungsäußerung eingeschränkt wurden. 

Seine Spezialität ist die Verwendung von Alltagsgegenständen und Situationen des täglichen Lebens, die er subversiv und inklusive minimaler Bedeutungsverschiebungen in den Ausstellungsraum überträgt. Sein Werk kreist um Themen wie Zeit, Erinnerung, Identität und kollektive Prägungen, weswegen viele Arbeiten einen autobiografischen Bezug haben und sich mit den historischen Besonderheiten Mitteleuropas auseinandersetzen.

Gleich am Anfang empfiehlt sich ein Spaziergang auf einem monumentalen Readymade: dem Flügel einer Boeing 737-500. Auf der Tragfläche steht vorschriftsmäßig "Do not walk outside this area" - für den Fall, dass die Passagiere bei einem Unglück durch den Notausstieg und über die wings klettern müssen. Hat man dieses Objekt aber einmal im White Cube betreten, möchte man gar nicht wieder vom imaginären Himmel herabsteigen. Zum Glück geht die Reise nebenan weiter. Während einen die Fotoarbeit "The Joys of an Iron Curtain Trip to the Black Sea" in vermeintliche Urlaubsparadiese des Ostblocks entführt, bietet "Resting Corner" die Möglichkeit, in einem Raum mit Möbeln aus der Zeit des Sozialismus zu verweilen.

Pädagogisches Gespür für absurde Schleifen

Die doppeldeutige Installation "Event Horizon" aus 100 Scheiben einer jahrhundertealten Eiche verzichtet zur Abwechslung auf den für Ondak typischen Humor. Sie lässt angesichts von Weltereignissen wie der Russischen Revolution oder dem Ende des Ersten Weltkriegs, die in den Jahresringen mit Tinte markiert sind, eher erschauern. Denn unweigerlich fragt man sich, welche epochalen Katastrophen man selbst noch erleben wird. Jeden Tag wird ein Holzstück aus der Reihe genommen und an einen Haken an der Wand gehängt.

Bei "Escape Circuit" steigt angesichts der miteinander verbundenen mexikanischen Tierkäfige ebenfalls Beklemmung auf. Diese Arbeit spielt mit der Illusion von Freiheit. Die kreisförmige Installation "Perfect Society" aus mehreren tausend Teilen von Heizungs-, Wasser- und Gasrohren mit unterschiedlichem Durchmesser ähnelt verdächtig einer hierarchisch geordneten Bienenstockwabe. Sie stellt nicht nur im Titel eine Analogie zu individualitätsverachtenden Utopien her. 

Die Schau kommt zur rechten Zeit, wenn man den aktuellen Aufstieg von Ideologien bedenkt, die eine bessere Welt versprechen und verlässlich in einer Katastrophe enden. Ondaks Fähigkeit, aus minimalistischen Elementen Komplexität zu erzeugen, ist umwerfend. Er hat ein geradezu pädagogisches Gespür für die absurde Schleife der ewigen Wiederkehr menschlicher Abgründe. Dabei schafft er es, bei aller existenzialistischer Düsternis das Lachen nicht zu verlernen.