"Rooms / Stages" in der Berliner Newton Foundation

"Das verrückte Spiel mit den Dimensionen"

Eine Ausstellung in der Newton Foundation widmet sich dem Raum als Bühne fotografischer Inszenierungen – und setzt das Werk Helmut Newtons in Dialog mit zeitgenössischen Positionen. Ein Gespräch mit Kurator Matthias Harder

Herr Harder, bei Helmut Newton denkt man an Frauen, an Models. Sie kuratieren jetzt eine Ausstellung mit dem Titel "Rooms / Stages". Hat Newton denn auch menschenleere Räume fotografiert?

Das hat er, wenn auch eher selten. Unsere Ausstellung fokussiert auf seinen besonderen Umgang mit Räumen. Newton hat schon sehr früh, in den 60ern, als er für die führenden Modemagazine unterwegs war, damit begonnen, seine meist weiblichen Modelle in Restaurants oder Hotellobbys agieren zu lassen. Er hat solche Räume als Bühnen inszeniert. Später, in den 80ern, hat er dann auch wirkliche Bühnenaufnahmen gemacht, etwa als er für den New Yorker das Tanztheater Wuppertal von Pina Bausch fotografierte. Dabei sind legendäre Aufnahmen entstanden, unter anderem das Krokodil, in dessen Maul ein Tänzer verschwindet, auf der Bühne, im Rahmen der Inszenierung "Keuschheitslegende". Etwas später, als Newton nach Monte Carlo umgezogen war, hat ihn Caroline von Monaco gebeten, das dortige Ballett zu fotografieren, die Tänzer und Tänzerinnen auf und jenseits der Bühne. Das erledigte er so gut und erfolgreich, dass er immer wieder neu für diesen Job gebucht wurde. Später hat er auch Mode in leeren Theatern inszeniert. Oder in Rom und Paris hat er in Kirchen fotografiert und den Raum als bloßen Raum in seiner durchaus theatralischen Wirkung gezeigt. So hat Newton nicht nur seine Modelle, sondern auch den Aufnahmeort mit gecastet. Er war sozusagen Locationscout, Regisseur und Dramaturg in Personalunion.

Wollte er mit diesen Inszenierungen eine zweite Ebene der Künstlichkeit einziehen, oder ging es ihm um die narrative Kraft der Räume? 

Ich würde sagen: beides. Helmut Newton hat in seiner Auftragsfotografie wie ein Filmregisseur gearbeitet, und das ganze Prozedere können wir in der Rezeption gelegentlich nachempfinden. Newton führt uns teilweise an der Nase herum und spielt mit dem Fiktionalen – etwa indem er eine Art Filmsituation schafft und darin dann eine Filmkamera auftauchen lässt. Der ganze Aufwand, die ganze Transformation des Raumes geschah allein für die Aufnahme eines kleinen Schmuckstückes, das im finalen Bild komplett marginalisiert bleibt. So etwas ist reine Mood-Photography oder mit anderen Worten: wirklich großes Kino!

Ihre Ausstellung kombinieren Sie die "Rooms" von Newton mit Werken jüngerer Künstlerinnen und Künstler. Warum dieser generationenübergreifende Dialog? 

Viele nachfolgende Fotografen und Fotografinnen argumentieren visuell ähnlich, wie Newton zuvor. Zeitlich schließen deren Werke an seine Fotografie im Hauptraum an. Sie interessieren sich für den Raum als faszinierende Kulisse, als Ort einer Handlung, die wir mitunter erst imaginieren müssen. Die zwölf jüngeren Positionen lassen uns Raum ganz neu erfahren, in all seiner kulturellen und gesellschaftlichen Komplexität. Der Ausstellungsparcours vollzieht dabei einen Dreierschritt – vom leeren Raum über den Bildraum bis hin zum Bühnenraum. Am Ende finden wir die bemalten Fotografien von Paolo Ventura in Kombination mit einer Miniaturbühne in einer Vitrine, inklusive der in seiner Bildserie verwendeten kleinen nackten Figuren. Im oberen Foyer ergänzen wir eine weitere, größere hölzerne Bühne, die in seiner zweiten Bildserie, eine Hommage an Helmut Newton, eine entscheidende Rolle spielt. Dort kann das Publikum selbst mit dem Werk interagieren und möglicherweise Selfies machen. Ein wunderbarer, spielerisch künstlerischer Ansatz.

Was machen menschenleere Räume mit uns als Betrachtern? 

Wir denken uns unweigerlich in die Räume hinein, und wir begeben uns in Gedanken auf die Bühnen, die uns hier angeboten werden. Das muss man als Fotograf erst mal schaffen. George Rousse etwa konstruiert seine bemalten Räume, die anschließend zu Bildern werden, so, dass sie sich nur aus einem einzigen, fest definierten Punkt entziffern lassen. Aus allen anderen Betrachtungswinkeln würden die im Raum verteilten, bemalten architektonischen Elemente verzerrt und chaotisch wirken. Nur durch das Kameraauge fügen sie sich zu einer perfekten, geometrischen Illusion zusammen. Wenn man das kapiert, wie er das Dreidimensionale der Raumtiefe ins Zweidimensionale der Fotografie übersetzt hat, explodiert es gewissermaßen in unserem Kopf. Ricarda Roggan wiederum zeigt leere Räume mit wenigen Möbeln darin; das wirkt zunächst ganz alltäglich, aber dann bemerken wir, wie diese abgesessenen alten Möbel zu menschlichen Stellvertretern werden. Wir interagieren mit diesen Möbelstücken, ziehen uns in Gedanken einen Stuhl zur Seite und setzen uns an den Tisch – das alles geschieht wie im Traum, der vermeintlich real wird.

Fotografien sind zweidimensional, Räume dreidimensional. Wie gehen die Künstler, wie geht Ihre Ausstellungsinszenierung mit diesem Paradox um?

Unter anderem durch das Spiel mit den Formaten. Unsere Ausstellung umfasst klassisch gerahmte Fotografien, aber auch Vitrinen oder Wandtapeten, mit denen wir den realen Ausstellungsraum mit einbeziehen. Die Fotografen und Fotografinnen selbst betreiben überdies ein verrücktes Spiel mit den Dimensionen, indem sie gelegentlich die Künstlichkeit der Räume erfahrbar machen. Viktoria Binschtok etwa stellt den Google-Street-View-Aufnahmen realer Orte in New York eigene Fotografien dieser Orte gegenüber, sie kontert das Digitale mit dem Analogen. Viele der gezeigten Künstler und Künstlerinnen arbeiten statt mit dem Einzelbild vielmehr in Serien, um das Erzählerische und das Fiktionale zu betonen.

Gibt es neben dem Spiel mit der Wahrnehmung hinaus auch gesellschaftliche Bezüge in den Werken Ihrer Ausstellung?

Ja. Anna Lehmann-Brauns hat in San Francisco die traditionsreichen Räume und Interieurs der lokalen LGBTQ+- und Gay-Club-Szene fotografiert, also gesellschaftliche Safe Spaces. Ihre Arbeiten untersuchen den physischen Raum als Ort für subjektive Erinnerungen, sexuelle Identität, alternative Lebensmodelle. Jana Sophia Nolle, die auch als Konfliktforscherin arbeitet, dokumentiert in ihrer Serie "Living Room" temporäre Obdachlosenunterkünfte in San Francisco oder Berlin, indem sie sie in den Wohnzimmern verschiedener wohlhabender Menschen in San Francisco und Berlin nachbaut und fotografiert. Sie verbindet diese beiden Welten – die des reichen Bürgertums mit der Welt der Obdachlosigkeit. Und das ist natürlich ein Thema, mit dem wir als Newton Foundation am Bahnhof Zoo, wo wir die Obdachlosigkeit tagtäglich vor unser Tür erleben, auseinandersetzen müssen. Durch Nolles Werkgruppe, präsentiert in unseren Ausstellungsräumen, beziehen wir gedanklich den öffentlichen Raum um uns herum mit ein.