"Rosebush Pruning" auf der Berlinale

Schöne Reiche, böse Rosen

Elle Fanning (l-r, hinten), Jamie Bell, Callum Turner, Lukas Gage, Riley Keough (l-r, vorne) und Tracy Letts im Film "Rosebush Pruning" des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz.
Foto: Felix Dickinson/Berlinale/dpa

Elle Fanning (l-r, hinten), Jamie Bell, Callum Turner, Lukas Gage, Riley Keough (l-r, vorne) und Tracy Letts im Film "Rosebush Pruning" des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz.

Karim Aïnouz' "Rosebush Pruning" zeigt im Berlinale-Wettbewerb eine dekadente US-Familie in Barcelona zwischen Inzest, Mordfantasien und Ironie – glänzend inszeniert, aber emotional kühl

So schön sieht Barcelona nur aus der Touristenperspektive aus. Und die Familie, um die sich Karim Aïnouz’ neuer Film "Rosebush Pruning" dreht, kriegt auch kaum was vom Alltag der katalanischen Stadt mit: Reiche US-Amerikaner mit Grundbesitz am Mittelmeer, die nur um sich selbst kreisen. Einer von drei Söhnen ist auch als Off-Kommentator zu hören, doch dieser Ed (Callum Turner wird zurzeit als heißer James-Bond-Kandidat gehandelt) ist ein unzuverlässiger Erzähler in diesem satirischen Drama, das die dysfunktionale Mittelschichtfamilie aus Marco Bellocchios Filmtragödie "Mit der Faust in der Tasche" (1965) durch eine stinkreiche Sippe austauscht und nicht nur gegenüber dem Original einige Überraschungen bereithält.

Die angeblich tote Mutter – soviel verraten wir – lebt inkognito und quicklebendig mit der ehemaligen Gärtnerin zusammen in einer anderen Villa. In der kurzen Rolle der Abtrünnigen brilliert "Baywatch"-Ikone Pamela Anderson, die weit mehr drauf hat als den eleganten Sprung in den Swimmingpool, wie sie bereits mit ihrem Comeback als "The Last Showgirl" bewies. Tracy Letts, der auch als Dramatiker bekannt ist, spielt den Vater, der einst vom die Mittelmeersonne abstrahlenden Gebiss der Mutter (!) blind wurde. Nicht nur das macht ihn zur Ödipus-Figur, sondern auch der Inzest, den das Familienoberhaupt anders als in der griechischen Tragödie ganz bewusst betreibt: Während Dad sich die Zähne putzt, muss einer seiner Söhne ihn oral befriedigen. 

Während Jack (Jamie Bell), der älteste Sohn, sich in der Beziehung zu Martha (Elle Fanning) schon ein Stück weit von der Familie emanzipiert hat, sind die anderen Kinder noch in ihrem Bannkreis gefangen: Der Jüngste Robert (Lukas Gage) begehrt seinen Bruder Jack, Schwester Anna (in der schwächsten Rolle: Riley Keough) schmeißt den Haushalt, der schon erwähnte Ed träumt von einem auswärtigen Leben mit einem älteren Mann. Und dieser Ed verfolgt den Plan, bis auf Jack – den seiner Meinung nach wohlgeratensten Spross – die anderen Familienmitglieder zu eliminieren. Denn: Ein Mensch ist eine Rose, eine Familie ist ein Rosenstock, der gestutzt werden sollte. Daher der Titel "Rosebush Pruning" für einen mitreißend inszenierten, in wunderschönen Kodak-Farben fotografierten Film.

Wie bei Bellocchio richten sich die rebellischen Impulse von Aïnouz' Figuren nach Innen. Eine ähnliche intrafamiliäre Aggression spielt sich in Douglas Sirks Hollywood-Melodramen der 1950er ab, vor allem in "Written on the Wind", der Aïnouz zu den übersättigten Farben seines Cinemascope-Dramas inspiriert haben könnte. Sirk lieferte auch den Gegenentwurf für die James-Dean-Filme "Rebel without a Cause" und "East of Eden". Die Jugendlichen dort haben die Energie, die verkrusteten Verhältnisse zu sprengen. In "Rosebush Pruning" wird einmal Elia Kazans Klassiker "East of Eden" – beziehungsweise: John Steinbecks Vorlage – zitiert. Wenn Caleb (Dean) seinem Bruder zeigt, dass die angeblich beerdigte Mutter ein Bordell betreibt, führt die Enthüllung zur Katastrophe. Dass Jack Ed zur totgesagten Mutter bringt, beeinflusst den Fortgang der Handlung dagegen kaum.

Der Film gibt sich dem Oberflächenglanz hin

Wirklich glaubhaft vermittelt Aïnouz in seinem achten Spielfilm weder den Ennui noch den Selbstzerstörungsdrang der porträtierten Familie. Eine Ausnahme bildet die düstere Zeremonie im Wald, in der die vermeintlichen Hinterbliebenen der Mutter regelmäßig ein frisch geschlachtetes Reh opfern, das am Grabkreuz der Totgeglaubten dann von einem Rudel Wölfe verspeist wird. Ansonsten zeigt "Rosebush Pruning" wenig, allenfalls ironische Distanz zum Hedonismus der Schönen und Reichen – letztlich gibt der Film sich dem Oberflächenglanz selber hin.

2019 gewann  der brasilianische Regisseur mit "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" (2019) in der Cannes-Sektion "Un certain Regard" den Hauptpreis. Mit der aufrichtigen Tragik des Vorgängers kann der jetzige, für den Goldenen Bären nominierte Film nicht mithalten, bietet aber immerhin prächtige Unterhaltung und cineastische Reize.