Kassel

Roth rechnet bei Documenta mit neuer Grenze von Kunst und Kultur 

Performance von lumbung-Künstler Agus Nur Amal Pmtoh bei der Pressekonferenz im Auestadion
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Performance von Lumbung-Künstler Agus Nur Amal Pmtoh bei der Documenta-Pressekonferenz im Kasseler Auestadion

Kulturstaatsministerin Claudia Roth sieht mit der Documenta in Kassel Kriterien herkömmlich geprägter Kulturbetrachtung auf dem Prüfstand

"Ich bin auf die Konfrontation gespannt. Das wird eine neue, sehr provokative, auflösende Form von Kunst und Kultur sein", sagte die Grünen-Politikerin mit Blick auf die Ausstellung. 

Kuratiert wird die von Samstag bis zum 25. September geöffnete "documenta fifteen" von dem aus Indonesien stammenden Kunstkollektiv Ruangrupa. Die alle fünf Jahre zu erlebende documenta gilt neben der Biennale in Venedig als international wichtigste Präsentation von Gegenwartskunst. 

"Ich werde wahrscheinlich auf der Suche sein nach einer Skulptur oder nach einem Bild - und möglicherweise gar nicht finden", sagte Roth. "Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen: Was ist Kunst? Möglicherweise gehen wir an die Grenze dessen, was wir unter Kunst und Kultur verstehen."

Roth sprach von einer produktiven Debatte. "Politik mischt sich da nicht ein: Was ist gute Kunst oder schlechte Kunst?" Sie sei gespannt, womit die Besucherinnen und Besucher konfrontiert werden. Es werde sicher eher irritierend sein. "Wir sollten den Mut und die Offenheit haben, uns konfrontieren zu lassen mit einer Perspektive und einer Ästhetik, die diese documenta prägen wird."

Roth nahm das Künstlerkollektiv Ruangrupa erneut vor Vorwürfen des Antisemitismus in Schutz. "Die Herkunft aus einem bestimmten Land sollte nicht vorab zu Verdächtigungen führen, möglicherweise antisemitisch zu sein", sagte die Kulturstaatsministerin. Indonesien sei eines der Länder, die keine diplomatischen Beziehungen zu Israel haben. "Das kann ich schlecht finden. Aber es kann nicht heißen, dass ein Künstler oder Kollektiv aus Indonesien deshalb per se verdächtig ist."

Der bestehende und wachsende Antisemitismus dürfe keinen Platz haben, betonte Roth, "vor allem nicht bei uns". Die Sorge auch des Zentralrates der Juden in Deutschland nehme sie sehr ernst. Gleichzeitig verwies sie auf den Wert von Kunstfreiheit. "Es geht darum, dass man auf der einen Seite sehr klar ist, was Antisemitismus angeht, dass man auf der anderen Seite aber auch ernst nimmt, wie wichtig Kunstfreiheit in einer Demokratie ist."

"In der Demokratie kann man sich streiten, aber man muss sich kennenlernen, muss offen sein füreinander, muss bestimmte Perspektiven von beiden Seiten verstehen und gleichzeitig wissen, wo dabei klare Grenzen sind. Antisemitismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit sind dabei die klare Grenze", sagte Roth. "Wenn es zu Antisemitismus kommen sollte, dann wird natürlich auch zu agieren sein."