Melania Trumps Schönheits-OPs hielten Social Media in Atem, die Kleiderwahl von Sahra Wagenknecht und Alice Weidel wurde von Modeexpertinnen eingeordnet, und Michelle Obama veröffentlichte ihre Stil-Autobiografie. Im Jahr 2025, das von Krieg und Krisen geprägt war, wurde auffällig viel über Mode und Ästhetik in der Politik gesprochen. Vielleicht sogar zu viel? Und was sagt uns der Fokus auf Äußerlichkeiten von mächtigen Menschen? Wagen wir einen Rückblick.
Zunächst könnte man meinen, in der Verknüpfung von Stilkritik und politischen Debatten läge eine Art Eskapismus. So gab es auch immer wieder Kritik: Statt über die Marken, die die Trumps oder die Obamas tragen, solle man sich doch lieber über ihre Politik Gedanken machen. Sich anzusehen, wie sich Kanzler Friedrich Merz im Vergleich zu seinem Vorgänger Olaf Scholz kleidet, oder sich erklären zu lassen, ob ihre Anzüge auch richtig sitzen, sei Ablenkung von ihren Wahlprogrammen, eine Lappalie, die das Wesentliche überlagert. Doch so einfach ist es nicht.
Kleidung verrät nämlich immer etwas Fundamentales über ihre Trägerinnen und Träger. Sie ist ein ästhetisches Kommunikationsmittel. Besonders bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ist sie zwangsläufig mehr als Stoff, der nur dem Schutz des Körpers dient. Wer sich in den öffentlichen Raum begibt, wird automatisch Gegenstand von Interpretationen. Selbst ein "Understatement" beinhaltet schließlich noch ein "Statement".
Ein Hoodie ist nicht nur ein Hoodie
So wurde etwa Anfang des Jahres der Wechsel von der gescheiterten Ampel zur neuen Regierung modisch ausdiskutiert: Bei Ex-Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) wurde über Schlabberigkeit, die fehlenden Krawatten, die Pullover und die Sneaker zum Anzug debattiert. Die Outfits wurden eben nicht nur als leger, sondern als Zeichen der Lockerheit und Versuch der Nahbarkeit gelesen, die in sein politisches Programm passten – und nach dem Wahlsieg für Schwarz-Rot als gescheitert erklärt wurden.
Bei Olaf Scholz ging es ebenfalls darum, dass seine Anzüge ihm zu groß seien, offensichtlich nicht maßgeschneidert, wie der Modekritiker Derek Guy im "Zeit"-Magazin anmerkte. Friedrich Merz trägt dagegen verlässlich Krawatte, manche Modekritiker mögen aufgeatmet haben: Endlich Ordnung! Auch ein solches Accessoire kann als optisches Signal des Konservatismus verstanden werden.
Ebenfalls im deutschen Politbetrieb sorgte ein Pullover für Aufsehen. Die ehemalige Bundessprecherin der Grünen Jugend Jette Nietzart postete ein Selfie mit einem Kapuzenpulli, auf dem "ACAB" zu lesen war, eine Abkürzung für "All Cops Are Bastards". Sie sah sich danach großer Kritik ausgesetzt; der Hoodie war nicht einfach nur ein Hoodie, er war wie ein Banner und markierte eine Haltung. Wenige Monate nach dem Foto gab sie den Vorsitz der Grünen Jugend ab.
Ausnahmezustand mit und ohne Krawatte
Bereits im Februar war auch im Weißen Haus die vordergründige Frage nach angemessener Kleidung zur Beleidigung geworden: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj traf im schwarzen Longsleeve auf Donald Trump und wurde vom US-Präsidenten verspottet. Daraufhin stellte Selenskyj klar, er werde erst dann wieder Anzug tragen, wenn der russische Angriffskrieg in seinem Heimatland vorbei sei.
Seine für einen europäischen Präsidenten ungewöhnliche Kleiderwahl ist ein Zeichen des Ausnahmezustandes, in dem sich die Ukraine befindet. Seitdem zeigt sich Selenskyj in militärisch anmutender Optik: Westen, Olivtöne, die an Tarnfarben erinnern, T-Shirts und eben Pullover statt formeller Anzüge. Dies ist eine Erinnerung an den Krieg, es inszeniert ihn als Teil der Kämpfenden und schafft eine visuelle Nähe zu seinem Land, was besonders durch die nationalen Zeichen betont wird, die auf vielen Shirts zu sehen sind. Symbolpolitik zum Anziehen also. Wobei Selenskyj bei einem weiteren Treffen mit Trump dann doch eine Art schwarzen Anzug trug – und prompt gelobt wurde.
Auch der US-Präsident selbst setzt seine Kleidung bewusst ein. Sie steht in der Tradition der 1980er-Jahre und ganz unter dem Motto des "Power-Dressing": Seine Kleidung soll Macht ausstrahlen und ihn als erfolgreichen Geschäftsmann darstellen. Dafür trägt er weit geschnittene Anzüge, seine Jacketts sind an den Schultern so gepolstert, dass sie seine Silhouette breit erscheinen lassen. Dazu trägt er Uni-Krawatten, meist in MAGA-Rot, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zusammen mit der orangestichigen Bräune und den gelblichen Haaren erinnert das an den Florida-Look vergangener Zeiten – "good old times". Nur war früher wahrlich nicht alles besser, auch nicht in der Mode.
Die "Trumpification" von Gesichtern
Stärker als Männer wurden jedoch Frauen für ihr Aussehen beäugt und bewertet, nicht nur im Politikbetrieb. In diesem Jahr standen der sogenannte "MAGA-Look" und das "Mar-a-Lago-Face" aus den USA besonders im Fokus. Diese Begriffe beschreiben ein Äußeres, das zahlreiche Frauen aus dem republikanischen Umfeld teilen, etwa Melania Trump, ihre Schwiegertochter Lara Trump, die Pressesprecherin des Weißen Hauses Karoline Leavitt oder die Heimatschutzministerin Kristi Noem. Sie alle haben (künstlich) sonnengebräunte und (künstlich) glatte Haut, aufgespritzte Lippen, betonte Augenbrauen, aufgeklebte Wimpern, lange Haare, die in perfekten Wellen vom Mittelscheitel über die Schultern fallen.
Der Look vieler Republikanerinnen ist dabei so auffallend ähnlich, dass die "New York Times" das Ganze im Fall von Noem, die optisch einen ziemlichen Wandel hingelegt hat, als "Trumpification" bezeichnete. Es geht dabei um mehr als müßige Debatten über Schönheits-OPs. Das assimilierte Aussehen der MAGA-Frauen steht für ein tradiertes Weiblichkeitsideal.
System aus Zeichen und Verweisen
Eine Frau soll bestimmten binären und hyperfemininen Standards entsprechen, darf nicht altern, Unterschiede und Eigenheiten werden weggespritzt, oder -geschnitten. Auch die Kleidung betont das: Im Trump-Umfeld tragen die meisten Frauen stets High Heels, Kostüme oder enganliegende Kleider, zeigen dabei aber keinesfalls zu freizügig Haut. Sie werden vorwiegend als Gefolgschaft des Mannes inszeniert, als vergleichsweise passiv neben dem aktiven, mächtigen Kerl, an dessen Arm sie laufen.
Im Modesektor hat sich in den letzten Jahren durch Trends wie "Old Money", "Preppy" und "Quiet Luxury" ohnehin ein konservatives Revival angedeutet. Gesellschaftliche Strömungen schlagen sich optisch nieder. Die nun überall zu entdeckenden Poloshirts, Büro-Looks und verspielten Kleider wie das "Milkmaid Dress" verweisen darauf. Die "Trad Wives", Influencerinnen, die auf Hausfrau machen und dabei oft rechte Gesinnung propagieren, taten ihr Übriges.
Doch diese Trends zeigen, warum es sich lohnt, genauer hinzusehen und Mode nicht in die Ecke der Oberflächlichkeit zu sortieren. Denn Kleidung kann etwas über den Status quo verraten: welche Rollenbilder sich darin zementieren, wie sehr sie Mittel des (Selbst-)Ausdrucks sind oder wie sich darin gesellschaftspolitische Einstellungen verbreiten, verfangen und übertragen können. Nach Roland Barthes ist Mode eine Form der Sprache, ein System aus Zeichen und Verweisen, das es zu entschlüsseln gilt. Seit jeher gilt Mode zudem als Mittel der Distinktion sowie als Zugehörigkeitsmarkierung, sozial wie politisch.
Woher hat Rama Duwaji ihre Ohrringe?
Politische und modische Abgrenzung, ja einen Gegenentwurf zur Präsidentengattin Melania Trump, bildet Rama Duwaji, die neuerdings die First Lady von New York ist. Nachdem ihr Mann, der US-Demokrat Zohran Mamdani, zum Bürgermeister der Stadt gewählt wurde, fand auch sie sich schnell im Medientrubel wieder – die erste First Lady aus der Gen Z, Künstlerin und Stilikone. In vieler Hinsicht verkörpert sie die jungen, progressiven USA und ist damit eine Lichtgestalt im linken Milieu.
Inzwischen haben wir über Duwaji erfahren, dass ihre Eltern aus Syrien in die USA kamen, sie Muslima ist, eine Graphic Novel veröffentlicht hat, als Aktivistin gilt und überhaupt mehr zu tun hat als eine Ehefrau und Statussymbol für ihren Mann zu sein, den sie über die Dating-App Hinge kennengelernt hat. Trotzdem wird sie seit der Wahl Mamdanis vor allem als sein Plus eins wahrgenommen, und ihre Outfits werden seziert. Sie trägt Jeans, unabhängige Designer, Cowboyboots, die Haare als kurzen Bob, viel Eyeliner. Die "Cosmopolitan" schreibt: "Ganz individuell! Rama Duwaji kombiniert Goldschmuck im Layering-Look", im Internet überschlagen sich die Leute, slay queen!
Tatsächlich ist es ungewohnt, dass jemand, der Teil des Politbetriebs wird, sich so anzieht, wie es eine 28-jährige Frau eben tut, die sich im hippen, urbanen Künstlerumfeld herumtreibt. Es zeigt aber auch, wie spießig die Bewertung von Kleidung oft ist, besonders, wenn schon zwei übereinander getragene Ketten als Individualitätsbeweis herhalten müssen. Und es stößt dann doch auf, dass sich alle mehr über ihre Kleidung unterhalten als ihr zuzuhören. Texte darüber, wo die Ohrringe von Duwaji nachzushoppen sind, sollten nicht unbedingt präsenter sein als die Frage, was ihre Rolle gesellschaftlich und politisch bedeutet.
Ein politischer Stil-Rückblick
Mit ihrer Stil-Autobiografie "The Look" hat sich Michelle Obama zuletzt als weitere (ehemalige) First Lady modisch selbst verortet. Der Bildband zeigt viele ihrer Outfits, erzählt aber auch von der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit und einem permanent wertenden Blick, dem sie als erste Schwarze Frau in ihrer Position ausgesetzt war. So ist etwa ihr Porträt von 2013, auf dem sie mit geglätteten Haaren erscheint, ein politisches Bild. Später sprach sie öffentlich darüber, dass die USA nicht bereit für ihren Afro gewesen wären. Sie habe den Fokus auf die Politik legen wollen, anstatt sich mit rassistischen Fragen über ihre Frisur beschäftigen zu müssen.
Im Rückblick stellt sie fest, dass sie Mode zu ihrem Vorteil habe nutzen wollen – sie war eine Strategie, aber eine, die auf Subtilität ausgelegt war. Dass sie nun ihren Stil zum Thema macht, begründet sie damit, dass sie schon mehrere andere Bücher veröffentlicht hat und lange genug in der Öffentlichkeit steht, sodass sie glaubt, "dass die Leute mittlerweile wissen, wer ich bin und was mir wichtig ist" und sie demnach nicht befürchte, nur auf ihr Äußeres reduziert zu werden.
Darin steckt ein Wunsch: über Stil sprechen zu können, ohne in Oberflächlichkeiten zu verweilen, egal, wie lange eine Frau schon in der Öffentlichkeit steht und wie viel Macht sie über die Narrative hat, die um sie gesponnen werden. Doch darüber liegt noch eine weitere Sehnsucht: die nach politischen Handlungen, die jenseits von Ästhetik Hoffnung machen. Nach einer klaren Sprache aus Worten, nicht nur aus Schnitten und Stoffen.