Von St. Georgen bis Gutach

Sehnsuchtsorte

ANZEIGE

Im Schwarzwald verstecken sich einige renommierte Kunstinstitutionen – eine Rundfahrt mit oder ohne Bollenhut

In die folkloristischen Traditionen des Schwarzwaldes verfallen manchmal auch diejenigen, von denen es man nicht erwartet hatte. Als Enfant terrible Martin Kippenberger zu Beginn der 90er-Jahre zurückgezogen in St. Georgen arbeitete, wo die Sammler­familie Grässlin ihren Familiensitz hat, wünschte er sich zu seinem 40. Geburtstag, dass die jüngste Tochter Karola die Tracht ihrer Urgroßmutter anlegte, mitsamt Bollenhut. Heute ist die Kunsthistorikerin Direktorin des Museums moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok), ihre Schwester Bärbel führt seit Langem eine einflussreiche Galerie in Frankfurt/Main. Und der Kunstraum Grässlin in St. Georgen lockt zur Kunstreise in den Südschwarzwald: die jährlich wechselnde Sammlungspräsentation, unter anderem in über 30 externen Räumen der Stadt installiert, ist nach Anmeldung öffentlich zugänglich.

Wer von dort Richtung Norden weiterreist, kann auf dem Weg nach Gutach die Triberger Wasserfälle besichtigen, ein beliebtes Motiv der Landschaftsmaler im 19. Jahrhundert, von Carl Ludwig Frommel etwa, damals Karlsruher Galeriedirektor der Sammlung des Großherzogs. In Gutach erinnern ein "Malerwanderweg" und das Kunstmuseum Hasemann-Liebich an die Gutacher Künstlerkolonie um Wilhelm Hasemann. Ein Illustrationsauftrag für Berthold Auerbachs Erzählung "Lorle, Die Frau Professorin" führte ihn nach Gutach, um die dort übliche Bollenhuttracht zu studieren, ein Jahrzehnt später ließ er sich mit seiner Familie in dem malerischen Ort nieder.

Der Bollenhut wurde dank der populären Dorfgeschichte zum Wahrzeichen des ganzen Schwarzwaldes, obwohl er nur in wenigen Regionen üblich war. Nur "Lorle" war kein Happy End vergönnt: Die Liebe des Schwarzwaldmädels zum Malereiprofessor scheitert in der Erzählung nach Heirat und Umzug in "die Residenzstadt" (Karlsruhe) an den Standesunterschieden.

Karlsruhe, oder genauer, die 1854 gegründete dortige Kunstakademie, war dann auch der Grund, dass es seit dem 19. Jahrhundert im Schwarzwald nur so vor Malern wimmelte. Direktor Johann Wilhelm Schirmer schwärmte mit seinen Studenten aus, der spätere Kunsthallendirektor Hans Thoma kehrte oft zurück in sein Heimatdorf Bernau, südlich von St. Georgen. Auf dem Weg dorthin passiert der Reisende den Feldberg, den Schluchsee und Grafenhausen-Rothaus, wo nicht nur das feinherbe "Tannenzäpfle" gebraut, sondern auch Kunst gefördert wird. Stefan Strumbel hat dort eine monumentale Tannenzapfen­skulptur errichtet, selbstironische Pop-Art für eines der ältesten Tourismusgebiete Deutschlands. Auf der Hochebene von Bernau wirbt das Hans-Thoma-Kunstmuseum mit dem berühmten Sohn des Tals, doch wer die Landschaften und Interieurs des Malers sehen will, sollte besser die Ausstellung "Schwarzwald-Bilder" in der Städtischen Galerie ansteuern, wo über 200 Werke vom Sehnsuchtsort des 19. Jahrhunderts erzählen: wilde Schluchten, liebliche Anhöhen, einfache Menschen bei einfachen Verrichtungen und jede Menge Bollenhut­mädchen. 

Zurück zur Übersicht

Weitere Artikel aus dem Dossier