Man soll nur nach solchen Prinzipien handeln, von denen man wollen würde, dass auch andere sich nach ihnen richten. So lautet vereinfacht der bekannte kategorische Imperativ von Immanuel Kant. Ausgerechnet in Anspielung auf dieses für die Ethik so grundlegende Konzept hat im städtischen Ausstellungshaus Manezh in Sankt Petersburg am 8. Mai, pünktlich zum "Tag des Sieges", die Ausstellung "Russischer Imperativ" eröffnet. Laufzeit: ein Monat. Thema: der Krieg in der russischen Kunst.
Der Kurator Anton Belikov, ein Moskauer Künstler mit Philosophieabschluss, der selbst als Soldat der russischen Armee in der Ukraine gekämpft hat, beschreibt seinen Anspruch so: "Diese Ausstellung handelt nicht von Panzern und Explosionen. Sie handelt vom russischen Soldaten im Krieg. Epochen kommen und gehen, doch der russische Soldat bleibt derselbe."
Organisiert wurde die vom Kulturausschuss Sankt Petersburg unterstützte Schau vom Kunstzentrum Manezh, von Belikovs Initiative "Russischer Stil" sowie in Zusammenarbeit mit führenden staatlichen Museen wie der Tretjakow-Galerie in Moskau, die ihre Werke zur Verfügung stellen.
Monumentales Ausstellungsdesign mit faschistoider Ästhetik
Für Furore auf Social Media und in russischen Exilmedien sorgte das in den Farben schwarz, weiß und rot gehaltene, faschistoide, monumentale Ausstellungsdesign. In der Eingangshalle empfängt eine etwa zehn Meter hohe Installation die Besucher: eine rote Wand mit Schießscharten, aus der ein unheimlicher olivgrüner Soldatenkopf mit Helm und leuchtenden Augen ragt. Dahinter sind zwei weitere Wände mit den Aufschriften "Russischer" und "Imperativ" platziert.
Der Kopf soll angeblich dem dem Rotarmisten Alexander Matrossow gewidmeten Denkmal des in der Ukraine geborenen Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch nachempfunden sein, der auch das Ehrenmal im Treptower Park mitgestaltet hat. Das Monument für den als jugendlichen Helden stilisierten Infanteristen Matrossow in Dnipro, der ukrainischen Heimatstadt Wutschetitschs, das im Zuge der Dekommunisierung 2023 entfernt wurde, weist jedoch nur geringe Ähnlichkeit mit der aggressiven Version in Sankt Petersburg auf.
Die dortige Schau untersuche die Interpretation von Kriegsereignissen in der Kunst und umfasse die russische Geschichte von der Staatsgründung bis in die Gegenwart, heißt es im Ausstellungstext: "Heldenmut und nationale Identität bilden die konzeptionellen Grundlagen des Projekts." Zu sehen sind Gemälde bekannter Klassiker wie Kusma Petrow-Wodkin, Wassily Kandinsky oder des ebenfalls in der Ukraine geborenen Künstlers Ilja Repin, sozialistischer Realismus sowie zeitgenössischer Kitsch von Z-Patrioten.
Soldaten mit Heiligenschein
Das hyperrealistische Gemälde "Der himmlische Zug" von Alexander Skornyakow etwa stattet einen russischen Soldaten bei seiner Flugbewegung gen Sonne mit einem Heiligenschein aus. Historische Schlachten, allen voran der Zweite Weltkrieg, aber auch die beiden Tschetschenienkriege werden mit dem heutigen Angriffskrieg gegen die Ukraine vermengt, wodurch das Narrativ eines fortwährenden russischen Kampfes entsteht.
Irritiert bemerkte das unabhängige russische Medium "Bumaga", dass sich an den Wänden auch ein dem SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny zugeschriebenes Zitat findet, das "die Russen" als den Deutschen ebenbürtig, als "mutige, einfallsreiche, begabte Tarnkünstler" lobt. Am Ende der Ausstellung befindet sich "Bumaga" zufolge ein Zitat des sibirischen Punkmusikers Jegor Letow aus dessen Song "Ein glückliches, langes Leben". Zusammen mit dem Skandalautor Eduard Limonow und dem chauvinistischen Philosophen Alexander Dugin hatte Letow in den frühen 1990er-Jahren die ultrarechte "Nationalbolschewistische Partei" mitgegründet.
Venedig-Pavillon als potemkinsches Dorf
Absurderweise hat die dem russischen Kriegsgeist gewidmete Schau in Sankt Petersburg nur wenige Tage nach dem russischen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig eröffnet. Dort gab es unter dem Motto "The Tree is Rooted in the Sky" während der Voreröffnungstage ein bescheidenes musikalisches Programm, mit dem man "einen Raum für Dialog und Austausch schaffen und das Gefühl einer internationalen Gemeinschaft stärken" wolle. Der vermeintlich unschuldige Pavillon, der Friedfertigkeit suggerieren sollte, war freilich ein Potemkinsches Dorf – gerichtet an die gutgläubige westliche Kunstwelt.
Dabei ist die Beauftragte des Pavillons Anastasiia Karneeva die Tochter Nikolay Volobuyevs, des stellvertretenden Direktors des größten russischen Rüstungsunternehmens Rostec. Ihr Ausstellungsunternehmen Smart Art betreibt sie zusammen mit Ekaterina Vinokurova, der Tochter des Außenministers Sergej Lawrow. Hinter der Kitsch-Fassade und den "Come Dance with Us"-Aufrufen des Pavillons lauert – wie könnte es bei staatlich gelenkter Kreml-Kunst auch anders sein – der "russische Imperativ".
Belikov erklärte seinen Begriff der staatlichen Nachrichtenagentur Tass gegenüber im Übrigen wie folgt: "Ein Imperativ ist eine absolute ethische Maxime, die nicht diskutiert, sondern einfach befolgt wird." Kant dürfte sich im Grab herumdrehen.