Frau Ur, im Februar entstand der Eindruck, der geplante Neubau des Exilmuseums am Anhalter Bahnhof werde nicht umgesetzt. Was hat es damit auf sich?
Es gibt einen breiten gesellschaftlichen und medialen Konsens, dass das Thema Exil wichtiger ist denn je. Und wir arbeiten sehr intensiv daran, dieses Museum zu verwirklichen. Weil die Suche nach Geldgebern sich momentan als sehr schwierig gestaltet, haben wir entschieden, das Exilmuseum zunächst 2028 in der Fasanenstraße zu eröffnen. Den Plan, einen Neubau auf dem Gelände des Anhalter Bahnhofs zu verwirklichen, haben wir jedoch keineswegs aufgegeben. Wir fühlen uns diesem Ort weiterhin verpflichtet.
Also verzichten Sie vorerst auf den Neubau?
Ja. Vorerst. Dieses kurze, aber entscheidende Wort ging in der öffentlichen Debatte unter.
Als Ausgangspunkt für die Flucht ins Exil nach 1933 hat der einstige Anhalter Bahnhof einen klaren Bezug zu Ihrem Museum. Trifft das auch auf das Haus in der Fasanenstraße, das bis 2022 das Käthe-Kollwitz-Museum beherbergte, zu?
Das wunderbare Haus, das wir nutzen dürfen, liegt zwischen dem Auktionshaus Grisebach und dem Literaturhaus, das gerade renoviert wird, umgeben von mehreren Galerien. Schon in den 1920er- und 30er-Jahren war die Nachbarschaft ein Treffpunkt für Kunst und Kultur. In der Fasanenstraße lebten auch Personen wie Heinrich Mann vor ihrer Flucht, auf der anderen Seite des Kurfürstendamms stand einst die große liberale Synagoge. Die Straße steckt voller Exilgeschichte.
Wie bespielen Sie das Haus momentan?
Derzeit haben Kinder das Haus für sich. Seit Oktober bieten wir ein- bis zweimal in der Woche Ganztagsworkshops für Schulkinder ab 10 Jahren zum Thema "Wurzeln im Wind – Fluchtgeschichten von Menschen im Nationalsozialismus" an. Sie kommen aus unterschiedlichen Ecken Berlins: Manche haben schon zu Stolpersteinen recherchiert, einige wissen nichts über das Thema. Sie befassen sich in kleinen Gruppen mit ausgewählten Exilbiografien. Am Ende kommen alle Kinder zusammen und präsentieren ihre Ergebnisse.
Warum beginnen Sie Ihre Programmarbeit mit einem Angebot für Kinder?
Die nächste Generation ist absolut zentral für die Entwicklung unseres Museums. Wenn man Kinder mit Geschichte erreicht, kann man auch ihre Geschwister und Familien erreichen. Und wir haben bewusst mit einem Angebot für Fünft- bis Siebtklässler begonnen. Exil ist ein Teil der Geschichte dieses Landes, ebenso wie der Nationalsozialismus. Mit dem Fokus auf das Thema Exil haben wir die Möglichkeit, über die NS-Zeit zu sprechen, ohne ihren grausamsten Teil, den Holocaust, zu thematisieren. Auf diese Weise können wir auch schon jüngere Kinder ansprechen.
Wie gut nehmen die Schüler Ihre Workshops an?
Es ist sehr bewegend, wenn etwa ein elfjähriger Junge berichtet, wie er sich mit der Geschichte eines Mädchens auseinandergesetzt hat, das aus Deutschland nach Großbritannien fliehen musste und dort an eine Schule kam, ohne Englisch zu sprechen. Er habe dabei, so der Junge, an seine Mutter denken müssen, die aus Aleppo nach Deutschland geflohen sei und sich aufgrund der Sprachbarriere fremd gefühlt habe. Wir forcieren solche Parallelen nicht. Aber wir geben uns Mühe, den Kindern diese Möglichkeit zu eröffnen. Denn Exil ist ein Thema, das verbindet. Es betrifft nicht nur Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus. Das Thema ist präsenter denn je.
Was sind die nächsten Schritte in der Entwicklung des Museums?
Wir führen die Workshops weiter und eröffnen im Sommer die erste Ausstellung. Wir wollen das Haus für ein breiteres Publikum zugänglich machen, zumal uns viele Kinder fragen, ob sie auch mal ihre Eltern mitbringen können. Anschließend werden wir das Haus für einige Monate schließen müssen, um einen Fahrstuhl einzubauen. Außerdem startet bald eine Podcast-Reihe mit Kulturakteuren mit Bezug zum Thema Exil. Parallel stehen wir in engem Kontakt mit Partnerinstitutionen in ganz Deutschland. Und wir arbeiten sehr intensiv an der internationalen Dimension dieses Museums.
Warum ist Ihnen diese Dimension wichtig?
Exilgeschichte umfasst immer zwei Seiten: das Herkunftsland und die Zufluchtsländer. Daher ist es uns sehr wichtig, diese internationale Verbindung aufzubauen. Ich komme aus der Kulturdiplomatie und habe in ganz unterschiedlichen Ländern gearbeitet. Mir persönlich liegt viel daran, Partnerschaften mit Institutionen in Ländern, die in der NS-Zeit Zuflucht boten, aufzubauen. Exilorte wie London, New York, Los Angeles, Buenos Aires oder Shanghai sind allgemein bekannt. Mit dort ansässigen Institutionen stehen wir im Austausch. Viele wissen aber nicht, dass Menschen beispielsweise auch nach Reykjavík und Teheran flohen.
Oder auch nach Istanbul.
Die Türkei ist ein wunderbares Beispiel. Mit diesem Teil der Exilgeschichte erreichen wir auch Kinder mit türkischem Hintergrund, die zu uns kommen. Wir haben beispielsweise alte Schreibmaschinen, auf denen die Schüler imaginäre Briefe aus dem Exil tippen können. Die Kinder, die auch Türkisch sprechen, verfassen sie dann in zwei Sprachen, um das Exil als Leben zwischen zwei Welten zu veranschaulichen.
Wird das Exilmuseum eigene Sammlungsobjekte zeigen können?
Wir besitzen Bücher und werden einen Lesesaal zum Thema Exil einrichten. Aber wir haben keine eigene Sammlung mit Objekten. Daher stehen wir in engem Kontakt mit dem Deutschen Historischen Museum, der Akademie der Künste, dem Stadtmuseum Berlin und weiteren Institutionen. Alle haben sich bereit erklärt, uns Objekte für Ausstellungen zu leihen. Einen engen Austausch pflegen wir auch mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 in Frankfurt am Main.
Welche Rolle werden Leihgaben in der Museumspräsentation spielen?
Für mich ist Exil wie ein Glas, das auf den Boden fällt. Und die Scherben verstreuen sich über die ganze Welt. Mein Traum ist, dass wir mit unserem Museum einzelne kleine Scherben zurückbringen. So kann ein Objekt aus Buenos Aires stellvertretend für eine ganze Community eine Geschichte erzählen, ebenso wie Scherben aus Shanghai oder Teheran. Um solche Objekte werden wir unsere Ausstellung aufbauen.
Welche Geschichten wollen Sie damit erzählen?
Wir möchten unbedingt eine doppelte Perspektive zeigen, die das Herkunfts- und das Zufluchtsland einschließt. In Deutschland spricht man sehr viel über den Verlust, den Flucht und Exil bedeuteten. Oft ist weniger sichtbar, wie die Menschen im Exil zurechtgekommen sind. Natürlich waren nicht alle erfolgreich. Dennoch haben sich viele im Exil neu erfunden und etabliert. Wir möchten auch den in den Zufluchtsländern geleisteten Beitrag zeigen.
Wozu benötigen Sie einen Neubau, wenn Sie keine eigene Sammlung besitzen?
Grundsätzlich gibt es viele Museen, die ohne Sammlung arbeiten. Für uns ist der Anhalter Bahnhof mit seiner vielschichtigen Historie ein enorm wichtiger Ort. Mein Vorgänger, der wunderbare Christoph Stölzl, hatte die Idee, das Exilmuseum dort zu errichten, wo heute eine Ruine steht. Das halte ich auch weiterhin für eine ganz starke Idee.
Planen Sie nach Nathan Coleys Schriftarbeit weitere künstlerische Interventionen am Anhalter Bahnhof?
Nathan Coleys Installation "I Don’t Have Another Land" ermöglichte den Betrachtenden viele unterschiedliche Zugänge. Diese Offenheit fand ich sehr stark. Wir möchten das Programm mit künstlerischen Interventionen am Anhalter Bahnhof die nächsten drei Jahre fortsetzen. Damit wollen wir diesen Ort als Erinnerungsort stärken und hoffen sehr, dass eine Zeit kommt, in der wir dort einen Museumsneubau errichten können.
Was möchten Sie mit dem Exilmuseum erreichen?
Das Museum hat die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Wir fokussieren uns zwar auf die Zeit von 1933 bis 1945, sind aber zugleich ganz frei und können auch heutige Exilgeschichten erzählen. Dabei wissen wir, dass jedes Exil seine spezifischen Gründe und Dynamiken hat. Wir wollen ein Haus sein, mit dem sich möglichst viele Menschen identifizieren können.