Im UCCA Center for Contemporary Art in Peking dreht sich derzeit eine Ausstellung um Dinge, die man sonst kaum beachtet: alte Schallplatten, Münzen, Spielkonsolen. Gegenstände, die man besitzt, verliert, vergisst – und selten lange genug anschaut, um zu bemerken, dass sie mehr als nur bloße Objekte sind. In der ersten institutionellen Retrospektive "Hundreds and Thousands" des im letzten Jahr im Alter von 45 Jahren verstorbenen US-Konzeptkünstlers Rutherford Chang werden diese Objekte zu Trägern von Zeit, Erinnerung und leisen Abweichungen.
Was bedeutet es, wenn etwas identisch wirkt, es aber nicht ist? Wie viele Unterschiede passen in ein Objekt, das millionenfach produziert wurde? Und wie lange muss man auf etwas schauen, bis es beginnt, zurückzuschauen? Im Zentrum der Ausstellung steht eine Arbeit, die auf den ersten Blick erstaunlich unspektakulär wirkt: weiße Schallplattenhüllen, gestapelt, geordnet. "We Buy White Albums" nennt Chang dieses Projekt, in dem er fast 20 Jahre lang Erstpressungen des berühmten "White Album" der Beatles von 1968 sammelte.
Wie stellt man 3 700 weiße Alben aus? Am besten wie in einem Plattenladen. Gut sortiert von der kleinsten Seriennummer bis zur größten, schaut man hinweg über ein Meer aus Weiß- und Beigetönen, direkt auf eine Wand, an der die ersten 100 der gesammelten Schallplatten hängen. Tritt man näher, sieht man: Keine Hülle gleicht der anderen. Hier eine kaum sichtbare Bleistiftnotiz, dort ein Kaffeefleck, daneben eine eingerissene Ecke, Sticker und Kritzeleien. Es ist, als hätte jede Platte ein eigenes Leben geführt – als würde man keine Albencover betrachten, sondern Biografien.
Ausstellungsansicht "Rutherford Chang: Hundreds and Thousands", UCCA Center for Contemporary Art, 2026
Dass Vinyl und andere analoge Formate seit einigen Jahren ein Comeback erleben, spiegelt das kulturelle Bedürfnis nach Greifbarkeit in einer zunehmend digitalen Welt. Schallplatten knistern wieder, Cover werden angeschaut statt weggeklickt, und selbst kleine Gebrauchsspuren gelten nicht mehr als Makel, sondern als Teil der Geschichte eines Objekts. Für die Arbeiten von Rutherford Chang bedeutet das eine bemerkenswerte Verschiebung: Was einst wie eine fast absurde Obsession mit scheinbar identischen Dingen wirkte, ist heute hochaktuell.
Von Kupfer zu Zink
Auch in der Arbeit "CENTS Block Copper" (2024) verdichtet Chang Zeit – diesmal buchstäblich. Sie zeigt 10 0000 amerikanische Pennys, die alle vor 1982 hergestellt wurden. Diese bestanden damals noch aus Kupfer, während sie heute vorwiegend aus Zink hergestellt und nur mit einer dünnen Kupferschicht überzogen werden. Jede Münze wurde im Laufe der Jahre benutzt und trägt menschengemachte Spuren: kleine Oxidationen und Beulen zeigen ihre Geschichten. Nachdem jeder einzelne Penny sorgfältig katalogisiert und nach seinem Kupfergehalt bewertet wurde, ließ er die Münzen zu einem 31 Kilogramm schweren Kupferwürfel einschmelzen.
Rutherford Chang "CENTS #1–#10,000", 2017–2024
Die Fotos der Münzen im ursprünglichen Zustand wurden nicht nur auf einzelnen Seiten einer Art Sammelbuch festgehalten, sondern zusätzlich auf einer Bitcoin-Blockchain gespeichert – und verbinden so physisches Geld mit digitalen Wertesystemen. Besuchende können die Sammlung sowohl digital als auch analog erkunden und dabei die feinen Spuren jahrzehntelanger Nutzung entdecken. Während der Kupferpenny aus dem Umlauf verschwindet, ist der Kupferblock das Denkmal für eine Währung – und für ein System im Wandel.
Briefe an Nintendo Power
Zum Schluss gibt Chang einen Einblick in sein Leben. In "Game Boy Tetris" sammelte der Künstler über 2 000 Spielverläufe des Puzzle-Videospiels, die er selbst auf Game Boys gespielt und aufgezeichnet hat. Auf mehreren kleinen Bildschirmen lassen sich die Spielverläufe aufrufen. Was zunächst wie eine Obsession erscheint, ist zugleich Ausdruck von Ehrgeiz – und des Versuchs, sich einem Weltrekord anzunähern. In mehreren Briefen an Nintendo Power schrieb Chang, er habe den von Apple-Mitbegründer Steve Wozniak aufgestellten Rekord am 12. April 2014 mit einem Score von 599 483 Punkten übertroffen. Das Spiel erfordert eine gewisse Präzision, die auch sein Arbeiten über viele Jahre geprägt hat: Immer gleiche Regeln, immer gleiche Formen – und dennoch verläuft kein Spiel identisch.
Rutherford Chang "Game Boy Tetris", 2013–2018
Die Ausstellung zeigt das Werk eines Künstlers, der sich konsequent mit Readymades, Wiederholung und Sammlung auseinandersetzte. Sein Ansatz resoniert mit dem Werk von Konzeptkünstlern wie On Kawara und Tehching Hsieh, die in ihren Arbeiten das Vergehen der Zeit selbst ins Zentrum rückten.
Chang lässt Dinge weniger austauschbar, weniger stumm erscheinen. Dabei schwingt über allem eine gewisse Zärtlichkeit mit: gegenüber Objekten, Zeit und den Spuren menschlicher Nutzung. Indem er diese Spuren sichtbar macht, zeigt der Künstler, dass Dinge nicht nur benutzt werden, sondern auch Geschichten speichern und weitertragen. Chang verleiht ihnen damit eine eigene Form von Präsenz. Schallplatten, Münzen und Spielverläufe erscheinen nicht länger austauschbar, sondern wie stille Zeugen individueller Geschichten.