Die inzwischen 18 Jahre alte Verbundenheit hält. Köln und Düsseldorf eröffnen die Herbstsaison wieder gemeinsam unter dem Motto "DC Open". Rund 50 Galerien nehmen an dem rheinischen Wochenende teil, das vom 4. bis 6. September die zeitgenössische Kunst aus beiden Städten zusammenbringt. An großen Namen fehlt es zur Volljährigkeit nicht. Der Kölner Karsten Greve in Laufnähe des Doms zeigt in einer Soloschau Papierarbeiten und Skulpturen von Louise Bourgeois, darunter Werke aus der Serie "Personnages" von 1945 bis 1955. In den stelenartigen Skulpturen hielt die in die USA emigrierte Französin die Erinnerung an Familie und Freunde wach. Dabei griff sie die aufragende Architektur Manhattans auf und vertiefe sich bereits in eines ihrer späteren Lieblingsmotive: die Figur der Frau und Mutter.
Galerie Karsten Greve: Louise Bourgeois "Arch of Hysteria", 2000
Während die Galerie Buchholz auf die zarten Porträts des 1992 geborenen Städel-Absolventen Deshaun Price setzt, sind bei Nagel Draxler in der Einzelschau "Memory Loss" neueste Werke von Nadya Tolokonnikova zu sehen, die zuletzt auf der Venedig-Biennale mit einer Protestaktion vor dem russischen Pavillon medienwirksam mit den Pussy Riots in Erscheinung trat.
Bei der Galerie Nagel Draxler ist Nadya Tolokonnikova von Pussy Riot zu Gast
Gisela Capitain feiert wenige Schritte entfernt ihr 40-jähriges Jubiläum mit Werken von Mike Kelley, Christopher Wool oder Marcel Odenbach. Außerdem präsentiert sie Gemälde und eine neu geschaffene Soundscape von Jadé Fadojutimi in der Michael Horbach Stiftung. Seit ihrem Abschluss am Royal College of Art in 2017 hat Fadojutimi einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Ihre großformatigen Gemälde zeichnen sich durch sich überlagernde Linien und ekstatische Farben aus, die Assoziationen von botanischen Formen über Avatare und Manga-Figuren bis hin zu weitläufigen Himmelslandschaften wecken.
Galerie Gisela Capitain: Marcel Odenbach "Conosci la terra dove fioriscono i limoni?", 2026
In die Untiefen von Polarisierung, medialer Erregung und alternativen Fakten steigt Emma Adler in raumgreifenden, multimedialen Installationen bei Petra Martinetz im Belgischen Viertel. Sie hat schon mit KI-generierten Propagandabildern der AfD völkische Zombies erstehen lassen. In ihrer Soloschau "Chronic Inflammation" seziert sie eine autoritäre Gesellschaft im Zustand chronischer Entzündung, die sich in Gaslighting, Victim-Blaming oder der Pathologisierung weiblicher Wut manifestiert.
Martinetz: Emma Adler "Chronic Inflammation", 2026
In Köln gab es zuletzt einige Abgänge, angefangen bei Philipp von Rosen, der im vergangenen Jahr ausstieg, bis zur ebenfalls geschlossenen Galerie Gathering von Alex Flick, die erst im April 2025 eröffnet hatte. Doch in deren Räume sind nun Dittrich & Schlechtriem aus Berlin eingezogen. Zum Auftakt zeigt Zuzanna Czebatul, was sich aus dem deutschen Lebkuchenherz noch alles herausholen lässt. Ihre überdimensionierten Exemplare handeln weniger von ewiger Liebe als von Begehren, Konsum und Macht und treffen auf eine Tapete mit Friedrich Merz als Kind. Vor der Galerie steht mit "Fall for Me" außerdem ein aufblasbarer Panzer, wie er zur Täuschung militärischer Aufklärung eingesetzt wird.
Rheinabwärts in Düsseldorf lockt auf der Königsallee das Gipfeltreffen der Nachkriegskünstlerpaare Bernd und Hilla Becher sowie Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff bei Ludorff. Fotografische Typologien von Industriebauten treffen hier unter dem Titel "Formensprache" auf kleinteilige abstrakte Metallgebilde, die der Schwerkraft trotzen.
Galerie Ludorff: Installationsansicht "Bernd & Hilla Becher x Brigitte & Martin Matschinsky-Denninghoff", 2026
Im hippen Stadtteil Flingern gibt es mit der Galerie PAW aus Karlsruhe Zuwachs zu verzeichnen. Im Fokus stehen die dreidimensionalen Collagen der 1988 geborenen Iris Helena Hamers. Die einzelnen Bildfragmente der mit KI bearbeiteten kulissenartigen Szenerien stammen aus ihrem Bildarchiv, darunter Fotos, Memes, Screenshots oder Ergebnisse von Suchmaschinen. Generierte Naturmotive verschränken sich beim genaueren Hinsehen mit mutantenhaften Wesen und Versatzstücken aus sozialen Medien.
Um die Ecke schafft Linn Lühn mit den Schwarz-Weiß-Fotografien von Irmel Kamp wieder Ordnung. Bei der Erfassung von Architekturen des Neuen Bauens in Brüssel oder Tel Aviv geht sie seriell vor und bezieht den Umraum mit ein. Bei so viel kühler Distanz bieten Kadel Willborn mit dem Dialog zwischen den Gemälden von Vivian Greven und Lambert Maria Wintersberger das sinnliche Gegenprogramm. 44 Jahre Altersunterschied trennen die zwei Positionen. Sie harmonieren durch die ätherischen Farbtöne und ihr Gespür für die Verletzlichkeit des Körpers trotzdem.
Kadel Willborn: Vivian Greven "Qulla VII", 2026
Dieser Artikel erschien zuerst in Monopol 9/2026.