Ausstellung über Unternehmer Salman Schocken

Was für ein Leben zwischen Kaufhaus und Verlag

Der Pulitzer-Preisträger Joshua Cohen kommentiert im Jüdischen Museum Berlin das Leben des Verlegers und Kaufhausunternehmers Salman Schocken. Viele Erkenntnisse sind zeitlos

Das Jüdische Museum Berlin hat sich für seinen Namenszug und für Überschriften eine eigene Schrift zugelegt, die mit ihren Ecken und Knicken an die Schift der Anthroposophen in Nachfolge von Rudolf Steiner denken lässt. Merkwürdig, den Namen des Kaufhausbesitzers und Verlegers Salman Schocken so geschrieben zu sehen, hatte der doch seinen Warenhäusern ein konsequent modernes, klares Erscheinungsbild verordnet. 

So sieht man gleich zu Beginn der Ausstellung "Inventuren" im Jüdischen Museum zwei auf Gewebe gedruckte Großfotos, in denen der Schriftzug "SCHOCKEN" in Großbuchstaben an Warenhäusern prangt, deren eines das "ikonische" Kaufhaus in Stuttgart zeigt, von Erich Mendelsohn entworfen und noch 1960 gedankenlos abgerissen.

Abgerissen ist die Geschichte des Kaufhausunternehmens wie des Verlages, Opfer der Vernichtungspolitik der Nazis. Salman Schocken, geboren 1877, stieg zu einer Zeit zu einem der führenden Kaufhausunternehmer auf, als sich die Situation für Juden in Deutschland bereits spürbar verdüsterte und er mit seinem Bruder ein Imperium von 30 Warenhäusern dirigierte. 1931 gründete er sogar noch einen Verlag unter seinem Namen, der immerhin bis zum Verbot Ende 1938 jüdische und zionistische Buchtitel veröffentlichen konnte. Schocken selbst emigrierte rechtzeitig ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina, unter Mitnahm seiner enormen Privatbibliothek.

Zeitlos aktuelle Diagnose der Warenwelt

Der renommierte, 2022 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Schriftsteller Joshua Cohen, der nach 2001 ein paar Jahre in Berlin als Osteuropa-Korrespondent gelebt hat, beschäftigt sich in der Ausstellung, oder eher: der Installation, unter dem Titel "Inventuren" mit der Figur Schockens wie zugleich der Warenwelt, die dieser in seinen Häusern zum Kauf anbot. Dabei hat Cohen einzelne Objekte vorzugsweise aus dem Konsumbereich der Dame ausgewählt, wie sie in der Sammlung des Jüdischen Museums vorhanden sind. Diese nutzt er, um einen Bezug zu den Jahren um 1930 herzustellen, in denen Schockens Tätigkeit kulminiert.

Dazu sind Textauszüge oder auch nur Zitate als Hörstücke per QR-Code auf die eigenen Kopfhörer zu bekommen; manches sind Sprachspiele, die sich gegen eine Übertragung ins Deutsche sperren, wie etwa "Be. Longing. Belonging". In englischer Sprache sind alle Texte auch auf von der Decke herabhängende Banner gedruckt, Zitate gerne von Hannah Arendt, die sich in ihrem Buch "Vita activa oder Vom tätigen Leben" mit Fragen der Wirtschaft und des Gegensatzes von Kapitalismus und Sozialismus beschäftigt. 

"Die moderne Wirtschaft", so eine der von Cohen ausgesuchten Stellen, "entwickelt sich notwendigerweise in Richtung einer waste economy, einer auf Vergeudung beruhenden Wirtschaft, die jeden Gegenstand als Ausschussware behandelt und die Dinge fast so schnell, wie sie in der Welt erscheinen, auch wieder aufbraucht und wegwirft, weil sonst der ganze komplizierte Prozess mit einer plötzlichen Katastrophe enden würde." Das ist zeitlos aktuell, solange es Warenproduktion gibt.

Keine Rabatte und keinen Kredit

Dafür stehen das Seidenkleid, die Handtasche oder auch die Hutschachtel, deren Inhalt verborgen bleibt – Güter gehobenen Konsums. Bei Schocken gab es keine Rabatte und keinen Kredit, weil er auf die unbedingte Preiswürdigkeit seines Angebots achtete und "gleiche gute Leistungen zu jeder Zeit für jeden Käufer" bieten wollte, wie es über dem Verkaufstresen gut sichtbar zu lesen stand.

Im Verlauf der Ausstellung rückt dann der Verleger Schocken in den Blick. In einer geschwungenen Vitrine sind die sorgfältig gestalteten Taschenbücher seines Verlages ausgelegt; man staunt, dass jüdische Literatur noch bis 1938 erscheinen konnte. Schocken, Ende 1933 nach Jerusalem übersiedelt, wo er einen atemberaubenden Bibliotheksbau von Mendelsohn errichten ließ, baute seinen Verlag mit Sitz in Tel Aviv neu auf. Nebenbei erwarb er mit "Ha'aretz" die bis heute führende liberale Tageszeitung des Landes. Ein drittes Mal startete er in New York, wo er seit Ausbruch des Weltkriegs überwiegend lebte, nunmehr mit Schocken Books; er verstarb 1959 in der Schweiz.

Was für ein Leben – zwischen Kaufhaus und Verlag. Zu ergänzen wäre seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Präsident der im Aufbau befindlichen Hebrew University in Jerusalem, für deren medizinische Fakultät und Hospital er wiederum Mendelsohn als Architekten engagierte. "Salman Schockens Vermächtnis", wie die Installation von Joshua Cohen untertitelt ist, hätte eine umfassende historische Ausstellung verdient. Ganz groß darüber der sachliche Schriftzug "SCHOCKEN".