Mailänder Designwoche

Diario del Salone – Tag eins

Hängende Lichtinstallation aus zahlreichen Glasformen, dichte Cluster in dunklem Raum, Untersicht.
Foto: Laura Ewert

In der Mailänder Wohnung des Lampenherstellers Bocci zeigt Omer Arbel neue und ältere Arbeiten als immersive Lichtinstallation: opulente Leuchten wie schwebende Pendel in einer verdichteten, fast entrückten Wohnsituation

Zwischen Fuorisalone, Salone del Mobile und der ewigen Suche nach dem "latest shit": Unsere Autorin streift durch Mailand – und schreibt diese Woche täglich Tagebuch von der Designwoche

Keine Blasen an den Füßen nach dem ersten Tag, aber ein paar Fragen. Es gibt dieses – unter Kreativen – virale Video vom Kölner Designer und Art Director Mike Meiré, in dem er durch eine Aula läuft und sagt: "Wo is the latest shit? Wo ist das denn? Wo passiert das denn? Wo ist der Merger? Wo ist hier Fashion? Wo ist Musik? Wo ist Architektur?" – und daran muss ich denken, nachdem ich durch die 28. Ausstellungsfläche laufe. Alles blinkt und wackelt oder plüscht und kuschelt. Und es gibt wirklich sehr viel Merger auf dem Fuorisalone, also den Designausstellungen, die parallel zur Messe Salone del Mobile stattfinden. Mode, die sich mit Kunst und Design zusammentut, aber wo ist denn the latest shit?

Das wird die Frage der nächsten Tage sein und es führt zur ersten Lektion in Mailand bei der größten Möbelmesse, die längst vor allem ein Stadtfestival für Design ist. Sie lautet: Verpassensangst kann man aushalten. Denn man ist mit ziemlicher Sicherheit immer am falschen Ort, zur falschen Zeit auf der falschen Ausstellung, kommt zu spät, ist zu früh. Hat nicht gesehen, was andere gesehen haben.

Was helfen würde, wäre Instagram auszulassen, also nicht zu sehen, wo der Kollege eingeladen ist und welche Kollegin es schafft, Schuhe mit Absatz zu tragen. Aber kriegt man natürlich auch nicht hin, und so lautet die Übung, treiben lassen. Der Künstler Marc Henry zeigt Bilder, die er auf seiner italienischen Residenz malte und die sich mit italienischem Film beschäftigen. Yves Salomon und Michael Bargo zeigen irre Decken aus diversen felligen Tieren. In der Triennale Milano läuft unter anderem eine Ausstellung, die erstmals in Europa Fotografien von Don Bronstein, der die Jazzszene Chicagos in den 1950er- und 1960er-Jahren porträtierte.

Installationsansicht: gerahmtes Gemälde an Ziegelwand; rote Sitzreihen, eine Figur im Lichtkegel
Foto: Laura Ewert

In der Ausstellung von Marc Henry

 

Der italienische Glasdesigner 6:AM hat in diesem Jahr schon wieder ein leerstehendes Schwimmbad gefunden, in dem die Gründer Edoardo Pandolfo und Francesco Palu ihre Lampen und Glasarbeiten zeigen. Anders als im letzten Jahr ist das Piscina Romano sonnenhell und sehr hoch, so passen beeindruckend große Installationen aus Muranoglas zwischen die unbehangenen Kleiderständer. 

 

Installationsansicht: raumhohe Wand aus klaren Glasbausteinen mit mittigem Farbband, Galerie.
Foto: Laura Ewert

Der Glasdesigner 6:AM bespielt ein ehemaliges Schwimmbad mit raumgreifenden Installationen aus Muranogla

Und weil es hier einen Merger aus Vergangenheit und Gegenwart gibt, würde man wirklich etwas verpassen, würde man die Ausstellung nicht sehen. Es geht um Wiederholungen, Wiederkehrendes, das Rituale erschafft. "Wiederholung ist sowohl eine Last als auch eine Notwendigkeit", steht im Ausstellungstext. Denken wir drüber nach, während wir zum nächsten Ort gehen und dabei Bewegungen wiederholen.

"Silhouettes: Celebrating 15 Years" vom belgischen Superduo Muller van Severen will laut Titel ein Jubiläum feiern. Aber die coolen Kids von Instagram sind sich einig, für ein 15-jähriges Jubiläum ist die Ausstellung ein bisschen bescheiden. Hochskalierte Kerzenständer stehen in einer Art Garage, die das spanische Magazin "Apartamento" mitbespielt. Deren Anthologie des Designduos wird verkauft, sowie handliche Versionen der Kerzenständer. 

Zwei Metallskulpturen im Eckraum: hohes blaues Rohr mit Flamme, kürzeres rotes Rohr.
Foto: Laura Ewert

Zum 15-jährigen Jubiläum zeigen Muller van Severen unter dem Titel "Silhouettes" reduzierte, teils hochskalierte Kerzenständer in einer garageartigen Ausstellungsinstallation

Jetzt könnte man auch sagen, in der Ausstellung spiegelt sich eben das zurückgelehnte Understatement, das man in den konzentrierten Formen der Entwürfe findet. Formen früherer Designs wiederholen sich in diesen Arbeiten. Aber das Wohlwollen schwindet etwas, liest man den ausstellungsbegleitenden Text, in dem von der Transformation die Rede ist, die sich vollziehe, wenn die Kerze herunterbrennt. Vanitas, ick hör dir trapsen.

Come on, möchte man meinen, oder die Kerze auspusten oder alle Kerzenständer sofort kaufen. Hört dann aber die Superstar-Designerin Sabine Marcelis sagen, dass sie kein IPA trinken könne. Und möchte gleich "Ja!" schreien. Niemand sollte IPA trinken müssen. Auch nicht bei Feierlichkeiten. Aber nach "Celebration" fühlt es sich auch gar nicht an. Ist das ein Hinweis für diese Ausgabe der Design Week? Wir werden das beobachten.

Zum Beispiel in der Mailänder Wohnung des Lampenherstellers Bocci. "Light as a Medium" heißt die Ausstellung mit neuen und alten Arbeiten von Omer Arbel. Alle Ausstellenden sollten auf Titel verzichten, aber es fühlt sich hier nicht nur feierlich an, Licht funktioniert hier auch definitiv als vermittelndes Element an Informationen. Die Wohnung ist als solche nicht mehr zu erkennen, sondern wurde elegant verhangen, sodass die Leuchten allein sprechen. Sie hängen wie Newton-Pendel über fantastischem Essen, das vom US-amerikanischen Koch Andy Baraghani erdacht wurde. Opulente (!) Lampen-Installationen, in denen man sich verlieren kann, hängen von der Decke.

Und dann wird der latest shit kurz egal. Über 20.000 wiederholende Schritte führen ins Bett. Licht aus. Morgen bitte weiterdenken.